Gefügige Journalisten BND manipulierte Berichterstattung im "Prager Frühling"

Als 1968 sowjetische Panzer den "Prager Frühling" niederwalzten, wurde der BND von den Ereignissen überrascht. Der Geheimdienst sorgte nach SPIEGEL-Informationen dafür, dass die Presse das Versagen verschwieg.
"Prager Frühling" 1968

"Prager Frühling" 1968

Foto: HO/ REUTERS

Der Bundesnachrichtendienst (BND) hat in den Sechzigerjahren die Berichterstattung in Zeitungen bewusst beeinflusst. Das geht aus BND-Unterlagen zum "Prager Frühling" 1968 hervor, die Pullach veröffentlicht hat. Der SPIEGEL hat die Dokumente ausgewertet. (Diese Meldung stammt aus dem SPIEGEL. Den neuen SPIEGEL finden Sie hier.)

Sowjetische Truppen waren seinerzeit in die Tschechoslowakei einmarschiert und hatten die Reformer um den Chef der Kommunistischen Partei, Alexander Dubcek, gestürzt. Der BND verbreitete anschließend, er habe die Ereignisse treffend analysiert, was nicht stimmte.

Geheimdienstakten belegen, dass die größte Militäroperation in Europa nach 1945 den Westen nicht nur völlig unvorbereitet traf: Der BND glaubte 1968 auch, die ostdeutsche Nationale Volksarmee (NVA) habe sich an der brutalen Okkupation beteiligt - dabei hatte Leonid Breschnew dem nach Aufwertung drängenden DDR-Chef Walter Ulbricht den Wunsch nach Beteiligung abgeschlagen. Die vom BND im Raum Budweis angeblich gesichtete 11. motorisierte Schützendivision der NVA hockte in Wirklichkeit die ganze Zeit brav in der DDR.

BND hält Namen von Journalisten zurück

Doch viele Journalisten ließen sich nach Angaben des damaligen BND-Bereichs "Strategische Aufklärung", der für Pressekontakte zuständig war, auf einen Deal ein. So heißt es in einem Vermerk vom 28. August 1968: "Grundsätzlich hat sich in den letzten Tagen gezeigt, dass unsere PrSV (Pressesonderverbindungen - Red.) gegen Überlassung guter Informationen stets bereit sind, für unser Haus einzustehen." Zu den "positiven Stimmen" zählte der BND neben vielen Regionalblättern auch "Bild", "Welt" und "Frankfurter Allgemeine".

Der Bundesregierung gegenüber verschleierte der Dienst seine Aktivitäten mit den Medien. Bei einem Treffen mit Kanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) beteuerte BND-Chef Gerhard Wessel am 30. August 1968, Pullach habe die Presse "nicht beeinflusst" und erweckte sogar den Eindruck, die freundlichen Urteile der Zeitungen über den BND kämen ihm ungelegen.

Einige Passagen der veröffentlichten Dokumente sind geschwärzt. Vermutlich finden sich dort auch die Namen jener Journalisten, die als Meinungsmacher für Pullach tätig waren. Der BND hält aus grundsätzlichen Erwägungen Namen von Journalisten zurück, die für ihn arbeiteten. Der SPIEGEL und der Springer-Verlag haben vor Längerem dagegen geklagt. Eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts in Leipzig wird für November erwartet.