Bundespräsident in spe Köhler bemängelt kurzatmige Politik

Noch nicht als Bundespräsident gewählt, mischt sich Horst Köhler bereits in die Aufgaben der Regierenden ein: "Die Politik hat den Bürgern bisher nicht erklären können, warum sie sparen müssen, deshalb haben viele das Vertrauen in die Politik verloren", sagte der Oppositionskandidat für das eigentlich rein repräsentative Amt.

Hamburg - Die Politik habe die langfristigen Entwicklungen wie das zunehmende Alter der Menschen und die Folgen für die Sozialsysteme nicht ausreichend berücksichtigt, bemängelte der Kandidat der Union und der FDP, der sich im Mai zur Wahl stellt. Vieles sei in der Vergangenheit zu "kurzatmig" gewesen. "Dass Menschen immer älter werden und sich daraus gravierende Folgen für die Sozialsysteme ergeben, ist lange bekannt. Es mag kurzfristig bequem sein, diese Wahrheiten zu verdrängen. Aber das funktioniert heute nicht mehr", sagte der frühere Direktor des Internationalen Währungsfonds.

In Deutschland werde mitunter sehr lange diskutiert. "Wir müssen schneller entscheiden - und auch besser erklären, warum Reformen notwendig sind", forderte Köhler in der "Bild"-Zeitung. Viele der Probleme, über die in Deutschland heftig gestritten werde, seien aus dem Ausland betrachtet eher nachrangig, sagte Köhler, der bislang in Washington lebte. Deutschland müsse sich trotzdem anstrengen, um im Vergleich zu anderen Staaten nicht zurückzufallen, seinen Wohlstand zu sichern und um sich "wetterfest zu machen". "Mit dem Mut zur Wahrheit und mit Tatkraft können und werden wir es packen."

Köhler sagte, die wichtigste Aufgabe für das Staatsoberhaupt sei, "nach innen und nach außen zu vermitteln, dass Deutschland ein wunderschönes Land mit großartigen Menschen" sei. Wenn alle gemeinsam anpackten, seien alle anstehenden Probleme lösbar. Ihm selbst habe Deutschland einen "unglaublichen Aufstieg" ermöglicht - indem es ihm die Chance zur Bildung gegeben hat. Das gebe ihm "ein Gefühl tiefer Dankbarkeit und den Wunsch, dem Land etwas zurückzugeben". Er selbst wolle den Deutschen als Bundespräsident Mut machen.

Auf die Frage, ob er der Kandidat einer politischen Wende sei, antwortete Köhler: "Ich bin kein Instrument. Ich bin Horst Köhler, und der werde ich auch bleiben. Jede Zeit verlangt von einem Präsidenten andere Fähigkeiten und Qualitäten." Als Schlüsselfigur für ihn persönlich nannte Köhler den ersten Bundespräsidenten der Republik, Theodor Heuss.

Köhler forderte in Anspielung auf ein Zitat des ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy mehr Eigenverantwortung. "Wir sollten nicht zuerst fragen: Was kann der Staat für mich tun, sondern: Was kann ich selbst tun."

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