Gauck zur Pogromnacht "Verhindern, dass Hass und Rassenwahn die Gehirne vernebeln"

75 Jahre nach der Pogromnacht hat Bundespräsident Joachim Gauck eindringlich vor Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gewarnt. In ganz Deutschland gedachten die Menschen der Opfer des Nationalsozialismus.

Bundespräsident Gauck mit Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, in Eberswalde
DPA

Bundespräsident Gauck mit Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, in Eberswalde


Frankfurt an der Oder - Vor 75 Jahren brannten in Deutschland Synagogen, wurden jüdische Geschäfte geplündert und Einrichtungen zerstört. Vielerorts wird am Wochenende in Deutschland der Opfer des 9. November 1938 gedacht.

"Wir müssen verhindern, dass Hass und Rassenwahn von neuem die Gehirne vernebeln und die Herzen verderben", sagte Bundespräsident Joachim Gauck anlässlich des Jahrestages in Frankfurt an der Oder.

Eindringlich warnte Gauck vor der aktuellen Gefahr an, die noch immer von rechtem Gedankengut ausgeht. "Wir müssen verhindern, dass Neonazis ihr Unwesen in unseren Städten und Dörfern treiben können", sagte er laut einem vorab verbreiteten Redetext.

Auf dem Platz der einstigen Synagoge im brandenburgischen Eberswalde wurde der Gedenkort "Wachsen mit Erinnerung" übergeben. Hier sagte Gauck, Menschen dürften nicht in wertvolle und weniger wertvolle Menschen eingeteilt werden. "Wir wollen ein Land sein, das offen ist."

Der Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, erinnerte daran, dass Rechtspopulisten in Europa wachsenden Zulauf hätten. "Es ist kalt geworden in unserer Gesellschaft", sagte er. Kramer rief die Politiker auf, in ihrem Handeln nicht nachzulassen. "Gebraucht wird ein Asylgesetz, das seinen Namen verdient."

Berliner Stolpersteine erinnern an NS-Opfer

In Berlin versammelten sich zahlreiche Menschen, um in einer symbolischen Aktion sogenannte Stolpersteine zu reinigen, die in Bürgersteige eingelassen sind und an Verfolgte des Nationalsozialismus erinnern. Auch Prominente wie TV-Moderator Günther Jauch und der Sänger Max Raabe waren gekommen: "Ein ganz wunderbares Projekt", sagte Jauch über die Gedenktafeln. "Egal, wer da vorbeikommt, egal, wann man da vorbeikommt, die sind immer da und künden immer vom jüdischen Leben in Deutschland und künden von dem großen Verbrechen, das damals verübt wurde."

Auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der evangelische Landesbischof Markus Dröge und der katholische Erzbischof Rainer Maria Woelki gedachten der NS-Opfer. Sie gingen bei einem Schweigemarsch zum Gelände der Synagoge in Berlin-Mitte. Das Gebäude war am 9. November 1938 von den Nationalsozialisten in Brand gesetzt worden.

In der Pogromnacht waren mehr als 1200 Synagogen, Tausende jüdischer Geschäfte, Arztpraxen, Betriebe und Wohnhäuser in Deutschland und Österreich binnen weniger Stunden zerstört worden. Zahlreiche Menschen wurden getötet. In den darauf folgenden Tagen wurden etwa 30.000 jüdische Männer in die Konzentrationslager Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald verschleppt.

Berliner Geschäfte versahen ihre Schaufensterscheiben heute in Gedenken an die Zerstörung jüdischer Läden mit Folien, die den Anschein erweckten, die Scheiben seien eingeschlagen worden.

ala/dpa/AFP

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