Bundespräsident Johannes Rau "Suchender mit Sinn für Orientierung"

Die Staatsakt-Rede von Bundespräsident Johannes Rau im Wortlaut:


Mit Rudolf Augstein verabschieden wir den letzten Gründungsvater des freien Journalismus in der Bundesrepublik Deutschland. Der Abschied, das Gedenken wird zum Dank. Unser Dank gilt einem Mann, der verlässliche Freundschaft übte, ohne dass daraus Verbrüderung oder Kumpanei hätte werden können. Einen Mann mit klarem Blick und einer deutlichen, oft scharfen, immer geschliffenen und brillanten Sprache, einem Mann, der unserem Land gutgetan hat.

Axel Springer, Henri Nannen, Gerd Bucerius, Marion Gräfin Dönhoff, von jedem dieser so verschiedenen Weggefährten hat Rudolf Augstein sich in einem Nachruf im SPIEGEL verabschiedet. Es sind sehr persönliche Nachrufe, die er geschrieben hat, zeit seines Lebens. Der Mensch, den fast alle einen Zyniker nannten, der Mann, der bekannte, er habe nie Schwierigkeiten gehabt gegen etwas zu sein, immer aber für etwas zu sein, dieser Mann schrieb freundliche, ja fast zärtliche Nachrufe.

Axel Springer bewunderte und beneidete er. Henri Nannen war für ihn der "citizen Henri", Gerd Bucerius ein Hanseat, Feind und Freund. Und von Marion Dönhoff schrieb er, er fühle sich in ihrer Nähe irgendwie geborgen.

Was sagen wir nun in unserem Nachruf über Rudolf Augstein, über den Menschen, der behauptete - und wir haben es in der Predigt gehört -, er glaube nicht an die Auferstehung irgendeines Toten, und er müsse sich damit dann weiter auch gar nicht beschäftigen? Über den Menschen, der über die Kirche schrieb, sie sei der Ort, an dem die Irrtümer der jeweils vorangegangenen Theologengeneration berichtigt würden? Über den ein Freund einmal anmerkte, er sei der menschlichste Zyniker, den er kenne?

Rudolf Augstein wollte nicht, dass man viel Aufhebens um ihn machte. Er war ein Suchender, freilich ein Suchender mit Sinn für Orientierung. Er hatte an etwas geglaubt. Er hat einmal gesagt, er wolle stets etwas für die Gemeinschaft, für die Allgemeinheit Moralisches erreichen. Und auch 1980 sagte er im Fragebogen der "FAZ", er wolle ein guter Christ sein. So einer ist kein Zyniker.

Die historische Wahrheit und die Wahrheit des Glaubens, das war etwas - und wir haben davon gehört - wofür sich Rudolf Augstein sein Leben lang interessiert hat, Politik in Deutschland nach 1945, das war für ihn undenkbar ohne das Bewusstsein für unsere historische Verantwortung. Das wusste er und das hat er gelebt.

Die Last der jüngsten Geschichte und das Trauma der Teilung, das waren seine Themen. Wie wenige andere hat sich Rudolf Augstein für die Überwindung der deutschen Teilung stark gemacht. Er schrieb einmal: "Seit Gründung der Bundesrepublik haben wir es für unsere vornehmste Aufgabe erachtet, das Bewusstsein wach zu halten, dass die Bundesrepublik ihre Daseinsgrundlage einbüßt, wenn sie das Ziel der deutschen Einheit aus ihrem politischen Handeln verdrängen lässt."

Sein Kampf für die schnelle Wiedervereinigung brachte ihn in Widerspruch zu Adenauer. Er kämpfte gegen den Mief alter Obrigkeit. Politisch fand er in Franz Josef Strauß seinen langjährigen Gegenspieler. Er hat sich nie und von niemandem vereinnahmen lassen.

Sein Freund Martin Walser nannten ihn einmal ein Verehrungsverweigerungstalent. Und doch nahm er die Ehrenbürgerschaft Hamburgs an. Und doch trug er das Große Bundesverdienstkreuz. Und beides nicht ohne Stolz.

Zu Recht, denn Rudolf Augstein war ein brillanter, ein unabhängiger und ein unbestechlicher Analytiker. Er war aber noch mehr: ein unbeugsamer Demokrat, der sich kämpferisch einmischte in die öffentlichen Angelegenheiten. Es war sein Verständnis von der wehrhaften Demokratie, dass ihn Partei ergreifen ließ für die Freiheit der Meinung und für die Freiheit des Wortes. Es war die Erfahrung aus der Katastrophe des Nationalsozialismus, die ihn zu einem der mächtigsten Streiter für die freiheitliche Ordnung Deutschlands machte. Seine Respektlosigkeit gegenüber jeglicher Autorität entsprang seinem Respekt vor den Grundlagen unserer Demokratie.

Die Wahrheit des Glaubens wäre das andere, das große Interesse Rudolf Augsteins. Er hat an seiner Kirche und an den Kirchen gelitten. Einen Suchenden, einen, der immer fragt: "Warum?", dem mussten Antworten seiner streng katholischen Eltern: "Weil das eben so ist", zur Weißglut bringen. Und darum hat Rudolf Augstein versucht, eine Art Glauben für sich selber zu retten und zugleich den Kirchenglauben zu entlarven und zu zerstören, den er als versteinerte Dogmatik aus Herrschaftsinteressen verstand.

Die Bibel und die Gestalt des Menschen Jesus von Nazareth, die blieben ihm freilich wichtig. So schrieb er einmal "das menschlichste, das vielfältigste, das Tiefste und höchste Erzählwerk der Welt sei die alt-neue Bibel noch immer". Er suchte nach dem Menschen in Jesus und schrieb ein wahrlich kritisches Buch voller Zuwendung über ihn. Auch wenn er die Kirche bewusst verlassen hatte, auch wenn er nach außen als der große Skeptiker galt, der glaubte und sprach von dem einen Uhrmacher, der unsere Zeit und unser Wirken bestimmt.

Wir erinnern heute an einen großen Deutschen, einen wahrhaften Patrioten, einen herausragenden Journalisten. Rudolf Augstein hat sich um Deutschland verdient gemacht. Wir nehmen heute von ihm Abschied in Dankbarkeit und voller Zuneigung, denn Deutschland ist ärmer ohne ihn. Wir erinnern uns an einen klugen, auch an einen schwierigen Mann. Jeder von uns, auch ich, hat seine eigenen Erinnerungen an Begegnungen und an Artikel, an einzelne Sätze und Überschriften, an Kommentare, die Augstein gesagt und geschrieben hat.

"Wenn ich weg bin, bin ich weg", so hat Pastor Adolphsen ihn aus seinem letzten Interview zitiert. Nein, nicht weg. Rudolf Augstein ist jetzt angekommen am Ziel, wir aber haben noch zu tun. Und wir sollten dabei an ihn erinnern.



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