Bundespräsident Köhler kritisiert Globalisierung

Bundespräsident Horst Köhler ist in einer Grundsatzrede mit den Folgen eines ungehemmten Welthandels ins Gericht gegangen. Notwendig sei eine neue Entwicklungspolitik und vor allem Maßnahmen zur Kontrolle der Finanzmärkte.


Berlin - Es ist eines der Anliegen, die Bundespräsident Horst Köhler seit langem beschäftigen - die Stärkung der unterentwickelten Länder in der globalisierten Welt. Als früherer Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) hatte er sich diesem Problem bereits gewidmet.

Bundespräsident Köhler: "Wir dürfen die Globalisierung weniger denn je sich selbst überlassen"
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Bundespräsident Köhler: "Wir dürfen die Globalisierung weniger denn je sich selbst überlassen"

Heute nun forderte er im Schloss Bellevue in Berlin seinen früheren Arbeitgeber auf, angesichts künftiger Krisen für die Zukunft vorzusorgen. Niemand könne ausschließen, dass die nächste Finanzmarktkrise "rund um den Globus Arbeit und Einkommen der Menschen massiv in Mitleidenschaft zieht". Vor allem der IWF müsse daher Vorgaben entwickeln. So verlangte er im Rahmen einer "neuen kooperativen Weltpolitik" Maßnahmen zur Kontrolle der Finanzmärkte. "Die internationalen Finanzmärkte habe sich in einem Maße verselbstständigt, die Sorge machen muss", erklärte der Bundespräsident.

Anlass für Köhlers deutliche Worte war eine Tagung des "Club of Rome" in seinem Amtssitz. Führende Vertreter der 1968 gegründeten Organisation forderten ebenfalls neue Strategien, um die Vorteile der Globalisierung gerecht zu nutzen und die Gefahr neuer Konflikte etwa um die Rohstoff-Ressourcen zu bannen. Köhler sprach sich vor den Vertretern des "Club of Rome" auch für eine neue weltweite Entwicklungspolitik aus. "Wir dürfen die Globalisierung weniger denn je sich selbst oder der Durchsetzungskraft der Stärkeren überlassen", mahnte er.

Schlüsselaufgaben zum Umgang mit der Globalisierung sind für Köhler eine bessere Bildung für alle und mehr Verteilungsgerechtigkeit. Als Antwort auf oft wechselnde Berufe, gering steigende Löhne bei rasant wachsenden Gewinnen verlangte er " Ertrags- und Unternehmensbeteiligung in Arbeitnehmerhand". Das weltweite Potenzial an Arbeit sei so groß, dass jeder Mensch sein Auskommen finden könne, "wenn Anreize und Verantwortlichkeit richtig strukturiert sind und wenn wir besser lernen zu teilen".

Köhler für weniger Konsum

Zugleich mahnte er für den Umwelt- und Klimaschutz einen "Wandel unseres Lebensstils" an. Dabei gehe es nicht "um Gängelung oder gar Einschränkung unserer Freiheit. Es geht um Bewusstseinswandel", so Köhler. Internationale Zusammenarbeit in Forschung, Technik und Politik für den Umwelt- und Klimaschutz sei dringend notwendig. Der Wandel beginne in den Industrieländern aber mit der Frage: "Macht uns ein vor allem an Quantität ausgerichteter Lebensstil überhaupt glücklich?" Köhler fügte die Frage hinzu: "Tut uns nicht etwas weniger, aber qualitativ wertvoller Konsum eigentlich ganz gut?" Die Lebensqualität müsse darunter "keineswegs leiden - im Gegenteil", sagte der Bundespräsident in seiner Rede mit dem Titel "Zu teilen lernen".

Im Schloss Bellevue machten die Vertreter des "Club of Rome" einmal mehr deutlich, dass für sie die Menschheit wieder an einem "Wendepunkt" steht. Kurzfristige Strategien reichten nicht mehr aus, um Frieden und Fortschritt zu sichern. Die Gefahr von Kriegen um die Ressourcen sei gewachsen, beklagte der Ko-Präsident des Clubs, der Schweizer Eberhard von Koerber.

Sein Kollege Ashok Khosla aus Indien sieht die Armutsgefahr als Folge der Globalisierung sogar gewachsen. "Globalisierung darf nicht weiter die Reichen reicher machen." Mit seiner rasanten wirtschaftlichen Entwicklung sei Indien ein "Erfolgsmodell der Globalisierung". Gleichzeitig lebten aber 70 Prozent der Inder mit einem Tageseinkommen von umgerechnet 40 Cent.

sev/dpa/ddp



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