Bundespräsident Köhler "Nervosität? Fehlanzeige!"

Horst Köhler sucht das Volk: Zum letzten Mal vor der Wahl in zehn Tagen reist der Bundespräsident durch die Republik. Dabei trifft er erstaunlich zuversichtliche Unternehmer - und viele Unterstützer.

Aus Magdeburg berichtet


Am Stand mit den Hängegeranien trifft Horst Köhler doch noch das Volk. Ein paar Dutzend, überwiegend ältere Neugierige warten am Rande des Marktes auf den Bundespräsidenten, der sich im Alten Rathaus gegenüber gerade ins Goldene Buch der Stadt einträgt. Als er aus dem Portal tritt, klatschen sie, winken, rufen: "Huhu, hallo." Das Staatsoberhaupt lacht, winkt zurück und kommt mit seiner Frau Eva Luise über die Straße. "Guten Tag, wie geht's denn?", fragt Köhler. "Gut", kommt es im Chor von den Senioren zurück.

Bundespräsident Köhler, Mitarbeiter der Firma FAM im Magdeburg: "Ich habe kein Jammern gehört"
DPA

Bundespräsident Köhler, Mitarbeiter der Firma FAM im Magdeburg: "Ich habe kein Jammern gehört"

Es ist das erste nicht geplante Zusammentreffen mit den Menschen an diesem Mittwoch in Magdeburg. Da ist Köhler schon fast sieben Stunden unterwegs in der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt. Die Gelegenheiten zum spontanen, präsidialen Small Talk sind rar, weil die Wege weit sind, es sind Wege für den schwarzen Dienst-Mercedes mit der Bundesadler-Flagge am Kotflügel. Regionalbesuche nennen sich die Reisen durch die Republik, und diese ist womöglich eine besondere: Es ist die letzte in seiner aktuellen Amtszeit.

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In zehn Tagen muss er sich in der Bundesversammlung seiner Herausforderin Gesine Schwan stellen. Die Mehrheit Köhlers dort ist knapp, doch wenn die Freien Wähler geschlossen mit Schwarz-Gelb stimmen, könnte es schon im ersten Wahlgang für eine Wiederwahl reichen. Doch sicher kann sich der Amtsinhaber nicht sein.

"Nervosität? Fehlanzeige", sagt er milde lächelnd zu den mitreisenden Journalisten. Das war dann aber auch schon alles zur Wahl am 23. Mai. Kein Wort über die Konkurrentin von der SPD, die doch gerade noch einmal seine Amtsführung kritisiert hat. Köhler macht keinen Wahlkampf, zumindest nicht offiziell. Eine Bilanz? Pläne? "Alles zu seiner Zeit."

"Ich mache meine Arbeit"

Er bittet um Verständnis. "Wissen Sie", sagt er, "ich mache meine Arbeit. Ich fühle mich verpflichtet, den Menschen hier meine Aufmerksamkeit zu widmen. Das haben sie verdient." Er will wissen, "wie steht's im Land". Und es steht gar nicht so schlecht, wird er am Ende des Tages sagen. "Ich habe kein Gejammer gehört."

Die Visite beginnt am Mittwochmorgen bei den Förderanlagen Magdeburg (FAM) im Südwesten der Stadt. Aus einer maroden DDR-Firma ist hier ein Vorzeige-Unternehmen, ein Global Player geworden, mit weltweit rund 900 Mitarbeitern. Es geht um "alles, was Staub und Dreck macht", sagt Geschäftsführer Lutz Petermann, um Geräte für den Abbau und Transport von Schuttgütern, Kohle zum Beispiel. Der Umsatz ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen, auf 215 Millionen Euro, Aufträge in 71 Staaten sind erledigt. Krise? Welche Krise? Köhler staunt.

Sicher, auch bei FAM hat man das Ziel für 2009 etwas nach unten korrigiert - und trotzdem gerade erst noch einmal 25 Millionen in eine neue Halle investiert. "Das ist mutig", sagt Köhler. Er meint es als Lob. Geklagt wird hier allenfalls über den "unerträglichen Bürokratie-Wildwuchs", weniger über die schlechten Zeiten.

Keine Spur von "Zusammenbruchstimmung"

Gemeinsam mit Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer besichtigt der Bundespräsident in den Werkshallen die riesigen, stählernen Einzelteile der monströsen Schaufelradbagger für den Braunkohleabbau, er spricht mit Schweißern, Azubis, Betriebsräten, den Chefs. "Ich möchte Sie nicht zwingen, was Nettes zu sagen" - doch niemand schimpft. Stattdessen Stolz, Optimismus, Zusammenhalt. "Das ist eine unglaubliche Erfolgsgeschichte", freut sich Köhler, und er wolle dafür sorgen, dass diese in ganz Deutschland bekannt wird. Die Firmenvertreter stehen mit breiter Brust daneben.

Zuversicht, das ist es, was Köhler in Krisenzeiten hören will, und was er verbreiten will. Spannung und Unsicherheit habe er auf seinen Touren durch Deutschland häufiger gefühlt, sagt er, nirgends aber Ratlosigkeit, Verzweiflung oder gar eine "Zusammenbruchstimmung".

Von der ist auch auf der nächsten Station nichts zu spüren. Die 50 Mitarbeiter der ZOM Oberflächenbearbeitung GmbH stellen Präzisionswerkzeuge her, zum Bohren, Fräsen, Schleifen. Wieder hört Köhler zu, fragt nach, ist geduldig und konzentriert - auch nach der dritten Spezialmaschine, die man ihm stolz in der Fertigungshalle vorführt, während die alten Geräte vom Werkzeugmaschinenkombinat "7. Oktober" an diesem Tag mal links liegen gelassen werden. "Prima", sagt Köhler dann, oder "wunderbar". Der einstige Spitzenbeamte Köhler, der "Technokrat", wie er sich selbst schon mal nennt, er wirkt zwischen den Blaumännern manchmal etwas hölzern. Aber er wirkt ehrlich.

"Ich werde ihn wiederwählen"

Das sagen auch die Touristen, die ihn später zufällig im 800 Jahre alten Magdeburger Dom aus sicherer Entfernung sehen, wie er sich die archäologischen Ausgrabungen erklären lässt. "Ich finde sein Wesen sehr ansprechend", sagt eine ältere Frau. Ihr Mann erklärt ihn zum "bis jetzt besten Präsidenten", und ein anderer verkündet gar: "Hervorragend. Ich werde ihn wiederwählen."

Wenn sie dürften, würden das in der Tat viele in der Republik tun. Bei einer Direktwahl, wie sie Köhler einst populistisch selbst vorschlug, hätte Gesine Schwan keine Chance. Der Amtsinhaber ist nach fünf Jahren im Schloss Bellevue beliebt, auch weil er mit der politischen Klasse in dieser Zeit nie richtig warm geworden ist. Er spricht stets von "den Politikern", nicht von "uns Politikern". Er hat nie recht dazugehört und will es auch nicht, will lieber eine Art "Ersatzmonarch" sein, wie Köhlers Biograf Gerd Langguth sagt.

Den Menschen gefällt das. Die Geschäftsführer der besuchten Firmen wollen ihn als Staatsoberhaupt wiederbegrüßen, der Bischof wünscht ihm "Gottes Segen für die Wahl", und die Gruppe vor dem Magdeburger Rathaus schüttelt begeistert seine Hand. "Es wäre mein Wunsch, dass Sie weitermachen", sagt eine Frau, die anderen um sie herum stimmen ein: "Alles Gute für die Wahl." Köhler bedankt sich. Er strahlt jetzt, wie er den ganzen Tag vorher noch nicht gestrahlt hat.

Ein paar Minuten zuvor, oben im Rathaus beim Empfang des Oberbürgermeisters, hat er gesagt: "Ich bin richtig ermutigt." Köhler meinte die Stimmung in den Betrieben, die ihn zuversichtlich macht. Unten auf der Straße steht ihm dieser Satz noch immer ins Gesicht geschrieben. Diesmal ist es der Zuspruch der Menschen, der ihm persönlich Mut zu machen scheint - für die Wahl in zehn Tagen.



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