Bundespräsidentenwahl Promis starten Operation "Steinmeier for President"

CDU und CSU haben in der Bundesversammlung mehr Stimmen als die SPD, trotzdem könnte Frank-Walter Steinmeier nächster Bundespräsident werden. Prominente werben für ihn, der Druck auf Angela Merkel wächst.

Frank-Walter Steinmeier
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Eigentlich war es ein Routinebesuch für Frank-Walter Steinmeier: Ein paar Tage Vietnam, Gespräche mit dem Amtskollegen, mahnende Worte zur Lage der Menschenrechte, Richtfest im Deutschen Haus - das Übliche. Wenn da nicht diese eine Frage wäre, die den Außenminister auch in der sozialistischen Volksrepublik auf Schritt und Tritt begleitete: Steht er als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten zur Verfügung?

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Heft 44/2016
Der erste Wutbürger

Der SPD-Politiker verweigerte darauf jeden Kommentar, kein Ja aus seinem Munde, aber auch kein Nein. An diesem Sonntag könnte es mehr Klarheit geben, auch für Steinmeier. Dann wollen die Parteivorsitzenden von CDU, CSU und SPD - Angela Merkel, Horst Seehofer und Sigmar Gabriel - im Kanzleramt über die Frage eines Kandidaten für das höchste Staatsamt sprechen. Steinmeiers Name dürfte dabei eine gewichtige Rolle spielen.

Seit Gabriel den Außenminister zum SPD-Favoriten erkoren hat, ist die Debatte um die Nachfolge im Schloss Bellevue in Fahrt gekommen. Längst kursieren unter Anhängern des Außenministers Listen mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Sport und Kultur, die Steinmeier gern als Nachfolger von Joachim Gauck sähen. Zahlreiche Gespräche werden geführt, E-Mails versandt, der eine oder andere Prominente denkt über eine Unterschriftenaktion samt Zeitungsanzeige nach.

Prominente für Steinmeier

Und immer mehr bekannte Persönlichkeiten sprechen sich offen für den SPD-Politiker aus. So sagt etwa der Pianist und Dirigent Justus Frantz SPIEGEL ONLINE: "Aus ganzer Überzeugung und vollem Herzen möchte ich die Idee 'Steinmeier for President' unterstützen." Steinmeier pflegt seit Jahren enge Kontakte zur Kulturszene, kann daher hier auf viel Zuspruch bauen. Der Opernsänger Thomas Quasthoff, der Steinmeier bereits aus dessen Zeit in der niedersächsischen Staatskanzlei kennt, sagt über den Sozialdemokraten: "Freundlich, sehr humorvoll, sehr intelligent, kulturliebend und ausgewogen in seinen politischen Entscheidungen, wäre er für mich und hoffentlich auch für viele andere das ideale Staatsoberhaupt für die Bundesrepublik Deutschland."

Der Schriftsteller Albert Ostermaier verbindet mit Steinmeier als Bundespräsident die Hoffnung, dieser könne "uns das Vertrauen in und die Leidenschaft für eine gelebte Demokratie zurückgeben". Und der Musiker Mark Tavassol, unter anderem Bassist der Band "Wir sind Helden", sagt: "Steinmeier sucht den Dialog und schafft fruchtbaren Boden." Auch der Medienunternehmer und Kunstsammler Christian Boros wirbt für den Sozialdemokraten, der in allen Umfragen die Popularitätsskala seit Monaten anführt: "Ich schätze Steinmeier als kulturinteressierten und weltoffenen Staatsmann."

Bereits am Wochenende hatten mehrere Prominente aus der Kulturszene in der "Bild am Sonntag" für Steinmeier als künftiges Staatsoberhaupt plädiert, darunter der Regisseur Sönke Wortmann und die Schauspieler Mario Adorf und Armin Müller-Stahl.

Auch von ehemaligen Sportlern kommt Unterstützung: Die Olympiasiegerin im Hochsprung von 1972 und 1984, Ulrike Nasse-Meyfarth, ist von Steinmeier angetan: "Ich bin zwar kein SPD-Wähler. Aber Steinmeier als Bundespräsident fände ich gut", sagt Nasse-Meyfarth SPIEGEL ONLINE. "Er ist integer, auf Ausgleich bedacht und authentisch." Die frühere Speerwerferin, Europameisterin und Olympiadritte Linda Stahl, die für die SPD schon einmal als Wahlfrau in die Bundesversammlung gewählt wurde, würde sich ebenfalls wünschen, Steinmeier im Schloss Bellevue zu sehen. "Wer bereit ist, eine Niere für seine Frau zu spenden, der weiß, was wichtig ist im Leben."

Lesen Sie hier die vollständigen Aussagen der Prominenten:

Mit der Zahl der öffentlichen Unterstützer Steinmeiers wächst der Druck auf Angela Merkel. Ihre Suche nach einem überparteilich akzeptierten Konsenskandidaten blieb bislang erfolglos. Ob und welchen Unionsbewerber die CDU-Chefin gegebenenfalls alternativ zu Steinmeier vorschlagen könnte, ist offen.

Zwei CDU-Politiker waren immer wieder im Gespräch: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und Norbert Lammert, Bundestagspräsident. Insbesondere Lammert wird weit über die eigene Partei hinaus geschätzt, auch er hat viele Unterstützer. Jüngst hatten rund 70 frühere Bürgerrechtler und Künstler aus der DDR aufgerufen, ihn am 12. Februar 2017 in der Bundesversammlung zum Staatsoberhaupt zu küren. Doch Lammert ziert sich bislang. Dabei könnte er das Amt zweifellos ausfüllen.

Steinmeier aber - aus Sicht seiner Anhänger und der SPD - auch. Angesichts der Tatsache, dass gerade in diesen Krisenzeiten (Flüchtlingszuzug, Brexit, erstarkender Rechtspopulismus) eine politisch erfahrene und zugleich auf Ausgleich bedachte Persönlichkeit für das höchste Staatsamt notwendig ist, sind die Chancen nicht aussichtslos, dass es der Sozialdemokrat am Ende doch noch werden könnte - trotz des Widerstands aus den Reihen der Union.

DER SPIEGEL

In der Bundesversammlung, die das Staatsoberhaupt wählt, bilden CDU und CSU mit 542 oder 543 von 1260 Delegierten zwar die größte Gruppe, sie sind aber für die erforderliche absolute Mehrheit in den ersten beiden Wahlgängen auf die Unterstützung der SPD oder der Grünen angewiesen. Im dritten Wahlgang könnte es zu einer Kampfkandidatur kommen - die schlechteste Variante für Merkel und die Große Koalition, sollten sich Union und SPD nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen.

Deswegen hoffen viele Steinmeier-Anhänger, dass die Spitzen von CDU und CSU den Außenminister nicht aus purer Parteiräson ablehnen. Wohl auch deshalb melden sie sich nun, wenige Tage vor dem womöglich entscheidendem Treffen im Kanzleramt, verstärkt zu Wort.

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insgesamt 150 Beiträge
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Seite 1
hinhan 02.11.2016
1.
Prominente fordern und ich sage mir na und... sollen sie fordern. Warum dadurch der Druck auf Merkel wächst ist allerdings fraglich. Was fordern eigentlich die normalen Leute so und was soll dieses "for president" eigentlich bedeuten?
paulpuma 02.11.2016
2. Man kann es ihm zutrauen.
Viel erreicht hat Steinmeier nicht. Aber das ist nicht die Voraussetzung für dieses Amt. Immerhin er hat das richtigen Gesicht und findet stets die richtigen Worte. Er ist kein Spalter und mit Sicherheit kein Brandstifter. Man kann es ihm zutrauen. Ich sehe zudem nur wenig Alternativen.
monolithos 02.11.2016
3.
Eine Olympiasiegerin von 1972, ein Kunstsammler, ein paar Künstler ... interessiert eigentlich irgendwen, was das Volk interessiert, dessen Nr. 1 gekürt werden soll? Nur mal so als Gegenvorschlag für das Amt des Bundespräsidenten: Dieter Bohlen. Der ist immer ehrlich (nahezu ein Alleinstellungsmerkmal) und trotzdem in Russland beliebt (kann man ja heutzutage gut gebrauchen).
einwerfer 02.11.2016
4. Die beste Möglichkeit
Steinmeier zu verhindern, ist möglichst viel über ihn zu schreiben. Und dass sich mit Justus Franz und Ulrike Meyfart zwei glühende CDU-Anhänger für ihn aussprechen, ist bezeichnend. M.E. gehört auf den Stuhl des Bundespräsidenten (wenn wir ihn nicht optimalerweise gleich abschaffen und die Aufgaben durch die jeweiligen Bundesratspräsidenten wahrnehmen lassen) gar kein aktiver Politiker (auch kein ehemaliger), sondern ein Mann des Geistes ! (Im Sinne des letzten Satzes sind auch Frauen Männer :-)
guillermo_emmark 02.11.2016
5. Verschleierungstaktik
Nachdem die SPD nun nach all den Jahren erstaunt festgestellt hat, dass es im Bundestag schon seit drei Jahren eine linke Mehrheit gibt, könnte man in der Hoffnung, dass diese auch nach der nächsten Bundestagswahl noch existieren wird, Steinmeier auch erneut zum Kanzlerkandidaten ausrufen. Falls dann das Zeitfenster nicht schon wieder geschlossen sein sollte, also CDU/CSU und AfD nicht über 50% kommen, hätte er eine Chance. Das wird auch Frau Merkel schon erkannt haben. Sie wird also vermutlich ihren Scheinwiderstand gegen Steinmeier bald aufgeben, ist sie doch Weltmeisterin im Wegschieben möglicher Konkurrenten. Fraglich ist, was die FDP machen wird, wenn sie denn wieder in den Bundestag einläuft. Aber Zünglein an der Waage ist ja deren Lieblingsrolle...
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