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24. Juni 2010, 16:46 Uhr

Bundespräsidenten-Kandidat Gauck

Der Opa-Obama

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Joachim Gauck zieht die Menschen in seinen Bann und punktet selbst beim politischen Gegner. Eine regelrechte Gauckomanie hat das Land erfasst. Sein Erfolgsgeheimnis: Der Kandidat von SPD und Grünen setzt sich elegant von der Polit-Kaste ab - ähnlich wie US-Präsident Obama vor seiner Wahl.

Berlin/Leipzig - Der Angriff kommt überraschend. Plötzlich steht an diesem lauen Abend in Leipzig eine ältere Dame mit dunkler Sonnenbrille und hochgestecktem Haar auf. Noch hat Joachim Gauck, zu Gast beim Leserforum der "Leipziger Volkszeitung", dieses freundliche Gauck-Lächeln im Gesicht.

Wie war das denn eigentlich mit ihm und der Staatsicherheit, will die Dame wissen. Und seine Familie - habe die nicht eine freundliche Sonderbehandlung durch das DDR-Regime genossen?

Es ist ein Vorwurf gegen den Ex-Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde, der auch aus der Linkspartei kommt. Gaucks Züge sind jetzt wie eingefroren, er muss sich beherrschen, um nicht an die Decke zu gehen. "Schlicht die Unwahrheit" sei all das, zischt Gauck. Er verbitte sich Anschuldigungen gegen seine Familie.

Typisch Gauck: Er hat viele Gesichter. Der ehemalige Pastor in Rostock-Evershagen kann freundlich und charmant, aber auch zornig und hart sein - eben menschlich. Er ist keiner jener glattgeschliffenen Politikertypen, die vielen Bürgern so auf die Nerven gehen, sondern ein Mann mit Ecken und Kanten. Ein Christian Wulff, der sich in der Öffentlichkeit mit einem Bürger anlegt? Unvorstellbar.

Joachim Gauck, 70, lehrt in diesen Tagen Angela Merkel und ihre Regierung das Fürchten. Denn der schwarz-gelbe Kandidat Wulff, bisher Ministerpräsident von Niedersachsen, verfügt zwar über eine komfortable Mehrheit von etwa 20 Stimmen in der Bundesversammlung. Ob die auch am 30. Juni steht, scheint nach den Entwicklungen der vergangenen Wochen alles andere als sicher. Seit SPD und Grüne Anfang Juni ihren Kandidaten nominierten, ist eine wahre Gauckomanie ausgebrochen. Wo er auftaucht, jubeln ihm die Menschen zu.

Man fragt sich: Was ist das Geheimnis von Joachim Gauck?

Es ist ein freundlicher Morgen im Juni, als sich der Kandidat im Berliner Abgeordnetenhaus vorstellt. Gauck macht das jetzt beinahe jeden Tag, kreuz und quer reist er durch die Republik, um in den deutschen Landtagen für sich zu werben - die Hälfte der Wahlmänner und -frauen in der Bundesversammlung (siehe Kasten links) kommt aus den Ländern. Deshalb war er am Mittwoch auch in München, wo es - auf der Rückfahrt zum Flughafen - zu dem schweren Unfall mit einem Radfahrer kam. In der Regel steht Gauck dann vor Politikern von SPD und Grünen, mitunter sind einige Parlamentarier der Linken dabei - im Berliner Abgeordnetenhaus kommen sogar FDP-Vertreter dazu. Nur die Leute von der CDU scheuen den rot-grünen Kandidaten auch an diesem Tag. Als ob sie Angst davor hätten, von dem Gauck-Virus infiziert zu werden, der immer mehr Menschen zu befallen scheint.

Eine eigenartige Faszination

Joachim Gauck kann vor allem eines: reden. Der ehemalige Pastor ist ein Meister des Worts. Und es ist eine eigenartige Faszination, die von ihm ausgeht, sobald er zu sprechen beginnt. Mit dieser tiefen, norddeutsch gefärbten Stimme formuliert Gauck Sätze, die Menschen berühren.

Obwohl er sich immer mit dem einen Thema beschäftigt: Freiheit. Weil Gauck um seine Wortmächtigkeit weiß, verfällt er mitunter in eitle Gestelztheit - doch die kann im nächsten Moment schon wieder in entwaffnende Flapsigkeit umschlagen. So wie bei der Vorstellungsrunde im Berliner Abgeordnetenhaus, wo sich Gauck mit der frauenpolitischen Sprecherin der Grünen auf ein Geplänkel einlässt. Wie es denn mit seinem Frauenbild bestellt sei, fragt sie. "Ich bin doch auch ein Feminist", antwortet Gauck trocken und unter großen Lachern. Dann geht es hin und her.

Aber Gauck kann die Menschen auch zu Tränen rühren. Das war in vielen Gesichtern zu beobachten, als er am Dienstag im Deutschen Theater eine bewegende Grundsatzrede hielt. Besonders am Ende, als Gauck von seiner ersten freien Wahl am 18. März 1990 erzählte - und sich an folgende Gedanken erinnerte: "Für einen kurzen Moment war alle Freiheit Europas in das Herz des Einzelnen gekommen. Ich wusste: Nie, nie und nimmer wirst du auch nur eine Wahl versäumen."

Gauck fasziniert, weil er eben keiner aus dem Politik-Establishment ist. Das erinnert ein bisschen an die Kandidatur Barack Obamas. Joachim Gauck, so scheint es, geht dem Vergleich nicht mehr aus dem Weg. Das berühmte "Yes, we can" hat er inzwischen sogar in seine Kampagne eingebunden: "Wir sind das Volk" lautet für Gauck die hiesige Entsprechung des Obama-Slogans, das sei "der schönste Satz der deutschen Geschichte".

Die große Gauck-Show

Die Logistik des Kandidaten wirkt lächerlich, wenn man sie ins Verhältnis zu seiner Wirkung setzt. Auf einer halben Büro-Etage, einen Steinwurf vom berühmten Friedrichstadtpalast entfernt, hat sich seine Truppe mit spärlichem Mobiliar auf grau-blauem Teppichboden eingerichtet: Zwei Pressesprecher, ein Büroleiter, eine Sekretärin und eine Assistentin - mehr ist da nicht. Dazu hat ihm die SPD eine Limousine samt Fahrer spendiert. "Niederlassungsleiter" steht auf der Zimmertür, die in Gaucks Büro führt; das blieb von den Vormietern übrig. Und dann gibt es noch ein paar ehrenamtliche Helfer, wie Gaucks ehemaliger Mitarbeiter zu Behördenzeiten, der spätere BND-Chef Hansjörg Geiger.

Mehr braucht der Kandidat aber auch nicht: Denn das hier ist seine Show, die Gauck-Show.

Seine Idee: Politik muss mehr sein als die 5. Novelle des Bundesverkehrswegeplans. Gauck will Orientierung geben. Seine Vorstellung von Staat und Gesellschaft, in der sich Freiheit und Verantwortung bedingen, verfängt bei den Menschen. Er macht ihnen Mut, nennt sich einen "Ermächtiger". Manchmal ruft Gauck ins Publikum: "Macht etwas, macht mit."

Das kommt an. Auch im Internet. Über 34.000 Freunde hat die ständig wachsende Facebook-Seite der Gauck-Unterstützer. Die Begeisterung für Gauck verbindet fremde Welten: Vor seiner Rede im Deutschen Theater sprach zunächst ein sehr cool wirkender Online-Unterstützer, dann die 69-jährige Schriftstellerin Monika Maron, unter anderem Trägerin des Kleist-Preises.

Gauck verbindet. Nominiert wurde er zwar von SPD und Grünen - aber er sieht sich als überparteilichen Kandidaten. Gauck hat in den vergangenen Jahren viel mehr Kontakt zu Unions- und FDP-Kreisen gehabt als zu denen, die ihn nun für Schloss Bellevue vorgeschlagen haben. Wahrscheinlich ist auch das ein Geheimnis seines Erfolgs. Anders als der CDU-Kandidat Wulff, der langjährige Parteisoldat, verkörpert Gauck jene parteipolitische Unabhängigkeit, die die meisten Bürger von einem Bundespräsidenten erwarten.

Überparteilichkeit - das schließt für den Ostdeutschen Gauck auch öffentliches Lob für die Ostdeutsche Merkel ein. Ihr fühlt er sich persönlich verbunden: "Wir sind großartig, eine von uns regiert das ganze Land."

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