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Bundespräsidenten-Wahl Drama in drei Akten

Geheimtreffen, Ohnmachtsanfälle und ein Hitler-Vergleich: Nach einem dramatischen Tag und drei Wahlgängen ist Christian Wulff neuer Bundespräsident. Seine Kandidatur brachte Schwarz-Gelb an den Rand der Verzweiflung - die Chronik einer politischen Beinahe-Katastrophe.

Berlin - Er lächelt jetzt. Er winkt in die Reihen der Abgeordneten von Union und FDP, die ihm zujubeln und irgendwann in rhythmisches Klatschen verfallen. Er sieht fast so entspannt aus, wie am Anfang dieses Tages.

Um 21.13 Uhr an diesem warmen Juniabend ist Christian Wulff der zehnte Bundespräsident dieser Republik.

Gewählt mit der absoluten Mehrheit von 625 Stimmen, sein Widersacher Joachim Gauck bekam 494 Stimmen, 123 enthielten sich. Er ist es doch noch geworden. Es hat Stunden gedauert. Zehrende, dramatische Stunden, auf die Wulff gerne verzichtet hätte. Genau wie Kanzlerin Angela Merkel. Die Koalition wackelte, der Kandidat zitterte.

Dass Wulff durch zwei Wahlgänge rasselte, lässt sich durchaus als verdeckte Rebellion gegen Merkel verstehen. Auch wenn es am Ende gerade so gut ging - sie hat jetzt schwarz auf weiß, dass sie auf die eigenen Reihen nur noch bedingt zählen kann. Einen Neustart, auf den viele in der zerstrittenen Bundesregierung gehofft hatten, wird dieser Mittwoch jedenfalls nicht einläuten. Der Wulff-Effekt - er bleibt wohl Phantasie.

SPIEGEL ONLINE fasst das Drama dieser Wahl zusammen.

Erster Akt: Das Vorspiel

Es ist 11.52 Uhr an diesem 30. Juni, als Christian Wulff die Plenarebene des Reichstags betritt. Noch ist er niedersächsischer Ministerpräsident, aber der CDU-Politiker ist guter Dinge, in Kürze zum Staatsoberhaupt Deutschlands gewählt zu werden. Er gehe davon aus, dass es im ersten Wahlgang reichen werde, gab Wulff noch am Dienstag zu Protokoll. Nun rauscht er mit Gefolge Richtung Plenarsaal, um seinen Platz in der ersten Reihe der Unions-Fraktion einzunehmen. Denn der Bundespräsidenten-Favorit Wulff ist auch unter den 1242 Wahlleuten dieser Bundesversammlung.

Zu denen gehören auch Martina Gedeck und Nina Hoss. Aber die beiden Star-Schauspielerinnern sind anders als Wulff keine politischen Profis. Das sieht man den beiden Damen an, als sie kurz vor dem ersten Wahlgang in einem der Reichstagsgänge zusammen stehen. "Das ist alles sehr spannend", sagt die von den Grünen nominierte Wahlfrau Hoss und nimmt einen Schluck Wasser. Ihre Kollegin Martina Gedeck, ebenfalls Grüne-Wahlfrau, wirkt noch ein bisschen nervöser. Das sei eben der Unterschied zwischen Theater und Realität, sagt sie: "Hier ist alles echt."

Um genau 12 Uhr eröffnet Parlamentspräsident Norbert Lammert die Bundesversammlung. Und watscht erstmal den zurückgetretenen Horst Köhler ab. Den Schritt würden noch immer nicht alle verstehen, sagt er unumwunden und gibt anschließend eines seiner nicht uneitlen demokratietheoretischen Referate zum Besten. Er erinnert an die Umbrüche in Deutschland vor 20 Jahren, an die ersten freien Wahlen im Osten der Republik. Freie Wahlen - auch an diesem Mittwoch in der Bundesversammlung? Manche scheinen das so zu verstehen.

Die ersten Delegierten stopfen ihre Kärtchen in die Urnen, im Foyer baut sich SPD-Chef Sigmar Gabriel auf. Wie er damit umginge, wenn Wulff souverän gewönne? Er ahnt diese Frage, Gauck hat ihm und der SPD tagelang ins Gewissen geredet, bloß nicht auszuflippen, wenn es so weit sein sollte. Deshalb sagt Gabriel: "Sie werden in der Geschichte kein Beispiel finden, wo sich ein Sozialdemokrat nach der Wahl eines konservativen Kandidaten zum Bundespräsidenten aufgeregt hat." Man glaubt es fast.

Gauck hat den besten Platz

Joachim Gauck hat den besten Platz: Er sitzt mittig in der ersten Reihe auf der Besuchertribüne. Und ein bisschen hat man tatsächlich den Eindruck, als gehe Gauck das aufgeregte Treiben zu seinen Füßen gar nichts an. Ob ihn irgendetwas an diesem Tag aus der Bahn werfen könnte? Er denkt einen Moment nach, und sagt dann: "Nein." Wenigstens etwas, das seine gute Laune stören würde? Nochmals lautet die Antwort: "Nein." Und dann lacht er ein bisschen und sagt: "Ich wundere mich selbst über mich."

Um viertel nach zwei ist es zum ersten Mal vorbei mit der Harmonie in der Bundesversammlung. Norbert Lammert verkündet das Ergebnis des ersten Wahlgangs: Der Koalitionskandidat ist gescheitert, was schon öfter vorgekommen ist in der Geschichte von Präsidentenwahlen, aber der taumelnden Regierung jetzt nun wirklich nicht passt. Wulff fehlen 44 Stimmen aus dem eigenen Lager. Eine üble Klatsche, die Opposition jubelt. Für SPD und Grüne ist der Tag jetzt schon ein Erfolg.

Hektik bricht aus, die Hitze auf den Fluren des Reichstags drückt. "Mann, eine solche Scheiße", sagt der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok vor dem Unionsfraktionssaal. Der Satz trifft ganz gut die Stimmung im Regierungslager. Auf einmal scheint alles möglich.

"Ziemlich brutal" für Merkel und ihre Koalition nennt Gerd Langguth das Ergebnis des ersten Wahlgangs, den er von der Besuchertribüne beobachtet hat. Der Politikwissenschaftler, wie immer ein gefragter Experte für die Sendungen der TV-Kollegen, ist Biograf der Kanzlerin, aber er kennt die Bundespolitik auch als früherer CDU-Bundestagsabgeordneter. Die 44 fehlenden Stimmen für Schwarz-Gelb nennt er ein "böses Erwachen" für Merkel & Co.

Der zweite Akt: Schock bei Schwarz-Gelb

Auch weniger politisch routinierte Beobachter staunen über das Ergebnis im ersten Wahlgang. Der Dramatiker Moritz Rinke sagt bei einem Rundgang durch die Fraktionsebene: "Christian Wulff kommt mir vor wie Mario Gomez." Nationalspieler Gomez, der Torjäger mit Abschlusspech - Bundespräsidenten-Kandidat Wulff, das verhinderte Staatsoberhaupt.

Im Unionsfraktionssaal schwört Angela Merkel ihre Wahlleute ein: "Wir sind eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten." Merkel dankt Wulff, dass er für einen zweiten Wahlgang zur Verfügung steht. Darauf gibt es lautes Gelächter im Saal. Merkel reagiert patzig: Das sei gar nicht selbstverständlich, sagt sie. "Das ist zu würdigen. Dafür hat er Respekt verdient." Erst da gibt es Applaus im Saal. FDP-Chef Guido Westerwelle wiederum ist drauf und dran, den Schwarzen Peter in Richtung der Koalitionspartner zu schieben. Dass es neben den bekannten Abweichlern in seiner Fraktion noch weitere geben könnte, schließt er aus. Er belässt es deshalb vor seinen Wahlleuten im Fraktionssaal bei einer kurzen Ansprache. Die aber ist deutlich. Sie geht gegen CDU und CSU

Auch die Opposition ist jetzt in Bewegung. Die Grünen rechnen, SPD und Linke tasten sich ab. Einem ist das schon zu viel: Dieter Dehm. Der linke Abgeordnete antwortet angeblich auf die Frage, ob die Linke für Gauck stimmen könne: "Was würden sie tun, wenn sie die Wahl hätten zwischen Hitler und Stalin?" So zitiert ihn WELT online - ein harter Vergleich, wenn Dehm es wirklich so gesagt haben sollte.

Die Kanzlerin kann wieder lächeln

Plötzlich klappt auch noch Martin Gerster vor dem Plenarsaal zusammen. Die Hitze. Der SPD-Bundestagsabgeordnete wird schnurstracks ins Bundeswehrkrankenhaus gebracht. Die Diagnose: Lungenentzündung. Egal. Die Ärzte peppeln Gerster auf, schicken ihn zurück. Er ist rechtzeitig zum zweiten Wahlgang wieder auf seinem Platz. Jeder wird jetzt gebraucht.

Um 17 Uhr verkündet Lammert abermals ein Ergebnis. Wulff fällt wieder durch. Aber immerhin: Es sind ein paar Stimmen mehr geworden. Der Abwärtstrend scheint gestoppt. Die Kanzlerin kann plötzlich wieder vorsichtig lächeln.

Jetzt kommt alles auf die Linken an. Wählen sie Gauck geschlossen mit, reichen ein paar Überlaufer von Schwarz-Gelb - und Gauck wäre neuer Bundespräsident. Illusorisch - das schwant den meisten bei SPD und Grünen. Aber die Spannung muss gehalten werden. Und reden kann man ja mal. Diese Einsicht ist nach den Verletzungen der vergangenen Jahre an sich schon spektakulär genug.

Kurz vor halb sechs kommt es tatsächlich zu einem Treffen. Das rot-rot-grüne Spitzenpersonal bespricht sich im Büro von Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier - inklusive Reizfigur Oskar Lafontaine. Es ist ein erlauchter Kreis, Mitarbeiter müssen draußen bleiben. 40 Minuten wird getagt. Gute Stimmung, das sagen nachher alle Teilnehmer. Aber eben eher von der Art, dass man amüsiert ist, wie wenig sich die Spitzen doch zu sagen haben. Der Vorschlag der Linken, im dritten Wahlgang gemeinsam einen völlig neuen Kandidaten aufzustellen, wird gar nicht erst weiter diskutiert. Lafontaine wiederum stellt klar, dass viele in der Linken wohl selbst dann nicht Gauck wählen würden, wenn die vier Spitzenleute der Partei ausdrücklich dafür werben würden. Welten treffen aufeinander.

Die SPD ist trotzdem zufrieden. "So wird das Spiel jetzt mal richtigrum gespielt", sagt einer der dabei war. Wir bestimmen endlich, wo es lang geht, nicht die Linke - das ist die Botschaft. So sehen das viele bei den Sozialdemokraten seit der Nominierung von Joachim Gauck.

Der dritte Akt: Das Finale

Für die Unions-Wahlleute wird es jetzt ernst: Angela Merkel formuliert die "herzliche Bitte" an die Delegierten, im letzten und entscheidenden Wahlgang ein "kraftvolles Symbol" zu geben. Auch CSU-Chef Horst Seehofer ergreift das Wort. Er ermahnt die Delegierten, ihrer historischen Verantwortung gerecht zu werden. "Wir haben es selber in der Hand, ob die Union den nächsten Bundespräsidenten stellt oder ob wir ihn uns von der Linkspartei diktieren lassen" - so wird Seehofer von Teilnehmern zitiert. Bei der FDP dauert die Ansprache an die eigenen Leute nur drei Minuten: "An uns liegt es ja nicht", sagt einer aus der Parteispitze.

Eine Dreiviertelstunde haben die Linke-Wahlleute nach dem Spitzentreffen mit SPD und Grünen zusammen gesessen - nun soll Fraktionschef Gregor Gysi berichten, wie man sich im dritten Durchgang entscheiden will. Aber Gysi wird schon nach wenigen Sätzen von einem "Pfui"-Ruf unterbrochen. "Beide Kandidaten sind für uns nicht wählbar", sagt er - da kommt vor laufenden Kameras der nächste Zwischenruf: "Ihr hättet über euren SED-Schatten springen können." Er stammt von Werner Schulz, einem ehemaligen Bürgerrechtler, der inzwischen für die Grünen im Europaparlament sitzt. Schulz hat in den vergangenen Wochen so engagiert wie kaum ein anderer im rot-grünen Lager für den Kandidaten Gauck geworben. Dass dessen Wahl nun tatsächlich an der Linken scheitert, macht ihn richtig sauer. Aber auch Gysi ist jetzt auf 180. "Ein bisschen spät" komme das rot-grüne Werben um die Linke, schimpft er. Es bleibt dabei: Die Linken werden sich mehrheitlich enthalten.

19.30 Uhr - dritter Wahlgang. Das einzelne Aufrufen der Wahlleute-Namen werden die Mitglieder der Bundesversammlung so schnell nicht vergessen. Und noch mal von A bis Z. Wenigstens sind inzwischen die Buffets auf der Fraktionsebene eröffnet - wer seine Stimme im Plenarsaal abgegeben hat, ist jetzt hier oben im fünften Stock des Reichstagsgebäudes anzufinden.

Und dann, um kurz nach neun, ist alles vorbei. Die zwei Bilder des Tages: Joachim Gauck, wie er nach Bekanntgabe seines Ergebnisses im dritten Wahlgang seine Niederlage realisiert. Er sitzt unten in der ersten Reihe der SPD-Fraktion und schließt sekundenlang die Augen, während ihn die sozialdemokratischen und grünen Wahlleute feiern. Und der wie beseelt lächelnde neue Bundespräsident.

Christian Wulff hat es doch noch geschafft.