Bundespräsidentenwahl Helmut Schmidt schmäht die politische Klasse

Neuer Aufruhr um Horst Köhler. Altkanzler Schmidt bescheinigt dem Präsidentschaftsanwärter der Opposition, "mehr politischen Sachverstand zu haben als die ganze deutsche politische Klasse zusammen". CSU-Generalsekretär Markus Söder bestreitet, dass eine Reihe von Wahlmännern seiner Partei gegen den eigenen Kandidaten stimmen will.


Altkanzler Schmidt: "Mehr politischen Sachverstand als die ganze deutsche politische Klasse zusammen"
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Altkanzler Schmidt: "Mehr politischen Sachverstand als die ganze deutsche politische Klasse zusammen"

Das ist mal wieder ein echter "Schmidt Schnauze". "Zeit"-Herausgeber Helmut Schmidt knöpfte sich in seinem Blatt die politische Elite vor - indem er Köhler für dessen ökonomischen Sachverstand lobte.

Derweil widersprach Söder einem "Bild"-Bericht, wonach es einen Aufstand einiger CSU-Wahlmänner gegen Köhler geben wird. "Wir stehen voll hinter Horst Köhler und werden ihn am 23. Mai geschlossen wählen, auch im ersten Wahlgang", sagte er am Dienstag in München. "Ich lege für alle CSU-Abgeordneten die Hand ins Feuer."

"Einigen bei uns wird die Parteivorsitzende der CDU zu mächtig - da gibt es Warnschüsse", zitiert die "Bild"-Zeitung einen angeblich führenden CSU-Politiker, der nicht namentlich genannt wurde. Ein hochrangiger CDU-Politiker sagte der Zeitung nach deren Angaben: "Köhlers Dankeschön an Merkel kostet ihn mindestens fünf Stimmen." Die Stimmverweigerung von Wahlmännern der CSU im ersten Gang der Wahl am 23. Mai sei aus Verärgerung über Köhlers offenen Einsatz für Merkel als Kanzlerkandidatin zu sehen, schreibt "Bild" weiter.

Köhler hatte sich am Samstag in Berlin vor CDU-Politikern für Merkel ausgesprochen und damit die CSU verärgert. Die Union hat sich bisher nicht auf Merkel als Kanzlerkandidatin festgelegt. Ambitionen hat unter anderem auch CSU-Chef Edmund Stoiber, der bereits bei der letzten Wahl nominiert war.

CSU-Landesgruppenchef Michael Glos hatte Köhlers Aussage mit den Worten verteidigt, man solle nicht alles "auf die Goldwaage" legen, "wenn man mal eine Bemerkung macht, die wahrscheinlich eintreffen wird."

Auch der parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe, Peter Ramsauer, widersprach der Darstellung, dass es einen Denkzettel für Köhler geben werde. Der dpa/Rufa sagte Ramsauer allerdings: "Wir warnen davor, dass der CDU die Wahlsiege zu Kopf steigen."

Bei einer Direktwahl des Bundespräsidenten würde sich laut einer Umfrage Oppositionskandidat Köhler gegen seine von Rot-Grün nominierte Konkurrentin Gesine Schwan durchsetzen. Für Köhler würden 39 Prozent der Befragten stimmen, für Schwan 31 Prozent, wie die am Mittwoch veröffentlichte Forsa-Umfrage im Auftrag des Magazins "Stern" ergab. Allerdings würden 30 Prozent der 1002 Befragten keinen von beiden wählen.

Gesine Schwan ist zu einem Streitgespräch mit Köhler bereit. "Dieses Gespräch könnte dazu dienen, dass alle, die in der Bundesversammlung abstimmen, sich über die Unterschiede zwischen den Kandidaten klar werden", sagte sie der "Märkischen Oderzeitung". Sie erinnerte daran, dass es schon vor der vergangenen Bundespräsidentenwahl ein Streitgespräch zwischen Johannes Rau und Dagmar Schipanski gegeben habe.

Die Präsidentin der Europa-Universität Frankfurt (Oder) bekräftigte, dass sie sich bei der Wahl am 23. Mai durchaus Chancen ausrechne. Dafür werde sie in den kommenden Wochen "zu vielen Gesprächen durch die Lande fahren", sagte sie dem Blatt. Sie kündigte an, dass sie als Bundespräsidentin insbesondere Ost-Interessen vertreten wolle. "Man fragt mich in jüngster Zeit häufig, ob ich aus dem Osten oder Westen komme. Das macht mich stolz", sagte die aus West-Berlin stammende Schwan.

Die Bundesversammlung wählt am 23. Mai einen Nachfolger für Johannes Rau. Union und FDP haben mit zusammen 625 Sitzen in dem Gremium 21 Stimmen mehr als für die absolute Mehrheit von 604 Stimmen erforderlich ist.



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