Bundestags-Posse Wolfgang Thierses Spar-Fete

Erfahrung macht klug, das Geburtstagskind Wolfgang Thierse auch sparsam. Aus Angst vor schlechter Publicity über eine Sause auf Staatskosten strich der Bundestagspräsident sein Feten-Budget zusammen. Statt bei Champagner und Kaviar gibt es zum 60. Geburtstag nun nur Brot und Wasser.

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Bundestagspräsident Wolfgang Thierse: Geburtstagskind und Sparkommissar
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Bundestagspräsident Wolfgang Thierse: Geburtstagskind und Sparkommissar

Berlin - 60. Geburtstag plus Jubiläum als Bundestagspräsident - der heutige Tag könnte für Wolfgang Thierse eigentlich eine einzige Party sein. Natürlich möchten alle dem Geburtstagskind gratulieren: der Bundeskanzler, der Bundespräsident, die Partei-Oberen und fast alle anderen Bundestagsabgeordneten. Dementsprechend plante der Bundestag für den zweithöchsten Mann im Staat eigentlich einen gediegenen Empfang am Mittwochabend im Paul-Löbe-Haus des Bundestages. Einige Hundert Gäste wurden eingeladen und der Berliner Schauspieler und Sänger Manfred Krug sollte einige Ständchen zum Besten geben.

Doch seit Ende vergangener Woche bereitet die Geburtstagsfete Thierse mehr Bauchschmerzen als Freude. Thierse selber habe die Idee von der Party von Beginn an nicht geschmeckt, da ihm solche Veranstalungen nicht sehr liegen, hieß es aus der Bundestagsverwaltung. Trotzdem habe er der Feier-Idee seiner Vize-Präsidenten zugestimmt.

Echten Ungeamach aber lösten erst mehrere Anrufe der "Bild"-Zeitung in Thierses Pressestelle aus. Was denn die große Feier zum Doppeljubiläum eigentlich so koste und wer sich am Party-Budget beteilige, wollte eine Reporterin des Boulevard-Blattes wissen. Bei nächsten Anruf deuteten die Fragen schon genauer auf die mögliche Story: Ob denn die Party zum Geburtstag eine ausufernde Fete auf Kosten des gebeutelten Staatshaushalt würde, lautete nun die Frage.

Reiseleiter Thierse

Bei Thierses Männern klingelten die Alarmglocken. Nur zu gut konnten sich die Öffentlichkeitsarbeiter an den Eklat um die so genannte "Paris-Sause" erinnern, der ausgelöst durch die "Bild" im November letzten Jahres durch die Gazetten geisterte. Eigentlich war die Reise zum Besuch des französischen Parlaments eine große internationale Geste, doch Thierse als Bundestagspräsident stand plötzlich als Reiseleiter der Pauschaltouristen mit Bundestagmandat da. Die "Bild" unkte über Tage, der ganze Trip sei eine rein vergnügliche Reise auf Staatskosten und Thierse ein dreister Verschwender.

Ähnlich schlechte Publicity wollte der Bundestagspräsident nach seiner Geburtstagsfete am Mittwochabend auf keinen Fall riskieren. Und so strich er am vergangenen Freitag nach den Anrufen der "Bild" das Budget für die Party drastisch zusammen. Auf die eigentlich schon genehmigte staatliche Party-Kasse von 24.000 Euro für Wein und Gesang wurde verzichtet. Und so sollten die geladenen Gäste heute ab 18 Uhr erstmal trocken feiern müssen. Statt reichlich Getränken und einem Buffet gebe es im Paul-Löbe-Haus nur Brot und Wasser, schrieb die "Süddeutsche Zeitung" mit unverhohlenem Spott über die hektische Spar-Maßnahme.

Getränke auf SPD-Kosten

Ganz verzichten müssen Thierse und seine Gratulanten auf leibliche Genüsse jedoch nicht. Ab 20 Uhr nämlich übernimmt die SPD offiziell die Partyleitung. Kanzler Schröder hält eine Rede zur Feier des Tages. Dann soll es für das Geburtstagskind und seine Gäste auch endlich etwas zu trinken und Häppchen geben, war am Mittwoch aus dem Bundestag zu hören. Weil die Partei mit ihrem Budget allerdings auch den Schauspieler Manfred Krug und seine Tochter bezahlen muss, wird nicht allzu viel für den Magen übrig bleiben, hieß es aus der Planungszentrale.

Zusätzlich bekam Thierse am Mittwoch Schützenhilfe von ungewohnter Seite. Da bei einem Weinfest am Dienstag noch eine Menge Traubensaft übrig geblieben war, bot der CSU-Abgeordnete Michael Glos Thierse überraschend an, er könne diesen für den Empfang haben. Am Ende könnte die trockene Rednerveranstaltung also doch von Beginn an fröhlicher werden.

So obskur sich die Sparmaßnahme aus Angst vor schlechter PR auch anhört, so sauer ist Thierse über den Vorgang. Sein Umfeld berichtet, dass ihm der Stil der "Bild" als "selbsternannte Inquisition" mehr als missfalle. Von "Kampagnen-Journalismus" ist in der Verwaltung die Rede. "Öffentlich schweigt er, doch innerlich kocht er", beschrieb ein Bundestagskollege Thierses Laune. Bleibt zu hoffen, dass sich diese bis zum Empfang heute Abend etwas aufhellt.



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