Podcast "Stimmenfang" Kein Abi, keine Politikkarriere

Ohne Hochschulabschluss und Studium - Martin Schulz und Horst Seehofer sind Ausnahmen in der Spitzenpolitik. Im Bundestag haben mehr als 80 Prozent der Abgeordneten studiert. Warum bestimmen fast nur noch Akademiker die Politik?

Ein Podcast von Jelena Berner und


Stimmenfang #106 - Warum sitzen eigentlich fast nur Akademiker im Bundestag?

Sind Nicht-Akademiker - ganz platt gesagt - zu dumm für die Politik? Im deutschen Bundestag gibt es kaum mehr klassische Arbeiter oder kleine Angestellte. Dafür haben mehr als 80 Prozent der Abgeordneten studiert. In der Bevölkerung liegt dieser Anteil bei nur rund 17 Prozent. Woher kommt dieses Ungleichgewicht? Und welche konkreten Auswirkungen hat das auf die Politik?

Das analysiert der Politikwissenschaftler Armin Schäfer im neuen Stimmenfang-Podcast. Und der SPD-Abgeordnete Josip Juratovic erzählt, wie er es trotz aller Widrigkeiten vom Fließband in den Bundestag geschafft hat.

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Das vollständige Transkript

[00:00:02] Sandra Sperber Willkommen zu "Stimmenfang", dem Politik-Podcast von SPIEGEL ONLINE. Ich bin Sandra Sperber.

[00:00:10] Wolfgang Schäuble (Bundestagspräsident) Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir sind damit am Schluss unserer heutigen Tagesordnung...

[00:00:13] Sandra Sperber Beginn der Sommerferien im Deutschen Bundestag.

[00:00:17] Wolfgang Schäuble (Bundestagspräsident)...und wünsche Ihnen allen, uns allen, eine gute, friedliche Sommerzeit. Alles Gute! Die Sitzung ist geschlossen.

[00:00:26] Sandra Sperber 709 Abgeordnete fahren nach Hause in ihre Wahlkreise zu den Bürgern, die sie im Parlament repräsentieren sollen. Wie gut sie das tun, also wie repräsentativ diese gewählten Volksvertreter eigentlich sind, damit wollen wir uns in dieser Folge von "Stimmenfang" beschäftigen. Denn ein genauerer Blick auf die Biografien der Abgeordneten zeigt zum Beispiel: Mehr als 80 Prozent von ihnen haben studiert. In der Bevölkerung liegt der Akademikeranteil zurzeit aber nur bei rund 17 Prozent.

[00:00:56] Prof. Dr. Armin Schäfer Also, wir sehen kaum noch klassische Arbeiterinnen oder Arbeiter im Bundestag. Man kann sagen, das ist eine Form von Homogenität, wo man sagt, da geht eine Vielfalt an Perspektiven verloren.

[00:01:06] Sandra Sperber Sind Nichtakademiker - ganz platt gesagt - zu dumm für die Politik? Oder liegt der Fehler im System? Warum Deutschland eine "Akademiker-Republik" ist und welche konkreten Auswirkungen das auf die Politik hat, das besprechen wir heute mit dem Politikwissenschaftler Armin Schäfer, den wir gerade gehört haben und mit einem Mann, der es trotz aller Widerstände tatsächlich vom Fließband in den Bundestag geschafft hat.

[00:01:31] Josip Juratovic (SPD) Ich war schon irgendwie eine Art Exot und alle haben so ein bisschen fragend geschaut: Was ist das für einer? Wie wird er jetzt hier auftreten?

[00:01:41] Sandra Sperber So beschreibt der SPD-Abgeordnete Josip Juratovic den Jobwechsel aus dem Audi-Werk in den Bundestag. Seine Geschichte hören wir später, aber zunächst eine Bestandsaufnahme. Dafür habe ich mit dem Politikwissenschaftler Armin Schäfer gesprochen, der Professor an der Universität Münster ist. Eines seiner Forschungsgebiete ist soziale und politische Ungleichheit.

[00:02:03] Sandra Sperber Unser System, in dem wir als Wähler Abgeordnete ins Parlament wählen, nennt sich ja auf dem Papier repräsentative Demokratie. Wie repräsentativ ist denn der Deutsche Bundestag tatsächlich besetzt?

[00:02:16] Prof. Dr. Armin Schäfer Das ist direkt zum Einstieg schon keine ganz einfache Frage, weil es davon abhängt, was wir unter Repräsentation verstehen. Wenn wir erst mal darunter verstehen, "der Bundestag soll die Bevölkerung abbilden", dann ist der Bundestag nicht sehr repräsentativ, weil die Zusammensetzung des Bundestages doch sehr stark abweicht von der Zusammensetzung der Bevölkerung - beispielsweise hinsichtlich Bildungsabschlüssen oder Berufsabschlüssen.

[00:02:38] Sandra Sperber Wer ist zum Beispiel überproportional vertreten, wer fehlt?

[00:02:43] Prof. Dr. Armin Schäfer Also, inzwischen - im aktuellen Bundestag - Ist der Anteil derjenigen, die studiert haben jenseits der 85 Prozent, also enorm hoch und eben sehr viel höher als in der Gesamtbevölkerung. Und bei Berufsgruppen sind Beamte, Freiberufler, aber auch Juristen deutlich überrepräsentiert - viel stärker als der Anteil jeweils in der Bevölkerung ist. Arbeiter, egal ob klassisch am Band oder im Dienstleistungssektor, finden den Weg nur ganz, ganz selten in den Bundestag.

[00:03:08] Sandra Sperber Ohne Abitur und Studium in die Parteiführung oder ins Kabinett. Das ist in Deutschland inzwischen die absolute Ausnahme. Horst Seehofer, zum Beispiel, ist wohl einer der bekanntesten Spitzenpolitiker ohne Uni-Abschluss. Der Bundesinnenminister hat die Schule mit mittlerer Reife beendet und danach eine Lehre als Amts-Bote begonnen. Von da an hat er sich hochgearbeitet und Ende der 70er Jahre ein Diplom an der Verwaltungs- und Wirtschafts-Akademie München erlangt. Horst Seehofer selbst bezeichnet sich aufgrund seiner jahrelangen Arbeit in Verwaltungen und Ministerien gerne als "Erfahrungs-Juristen" und feixt, wenn er für einen Promovierten gehalten wird, wie zum Beispiel 1992 bei seiner Vorstellung als Bundesgesundheitsminister:

[00:03:49] Einspieler Eine Frage an Herrn Dr. Seehofer...

[00:03:52] Horst Seehofer (CSU) Zum Doktor, den streichen Sie bitte. Ich bin meinen Eltern ewig dankbar, dass ich nicht studiert habe - vor allem nicht Juristerei studiert hab.

[00:04:02] Sandra Sperber SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ist im letzten Wahlkampf noch einen Schritt weiter gegangen. Schulz hat das Gymnasium ohne Abitur verlassen und eine Lehre zum Buchhändler abgeschlossen. Diese untypische Politikerkarriere hat er ganz bewusst immer wieder zum Thema gemacht. Zum Beispiel im Interview mit dem YouTube-Format "Jung und naiv":

[00:04:21] Martin Schulz (SPD) Und dass ich kein Abitur habe... Ich habe ja überhaupt keinen geraden Lebensweg. Aber ich habe vielleicht dadurch die Chance gehabt mehr zu lernen, wofür ich eigentlich dankbar bin. Ich würde es keinem empfehlen meinen Lebensweg zu gehen, aber umgekehrt: Weil mein Lebensweg so war, wie er abgelaufen ist, gibt es einen Punkt, für den ich sehr dankbar bin. Ich habe die Welt auch von unten kennengelernt. Ich habe sie mal von ganz oben kennen gelernt und kenne sie auch von ganz unten.

[00:04:52] Sandra Sperber Schulz bemüht sich um Offenheit, Authentizität, Bürgernähe. Und doch stellen manche in Frage, ob ein Mann, der mehr als 20 Jahre im Europa-Parlament saß und sogar dessen Präsident war, überhaupt das Zeug zum Bundeskanzler hat, weil ihm das Abitur fehlt.

[00:05:07] Martin Schulz (SPD) Da lese sich von den selbst ernannten Eliten dieses Landes Artikel: "Kann ein Mann ohne Abitur Bundeskanzler werden?" Oder ein anderer hat geschrieben... Liebe Leute, was meint ihr, was ich da alles lesen muss! Jeden Tag!

[00:05:22] Sandra Sperber Am Ende scheiterte Schulz' Kanzlerkandidatur sicher nicht am fehlenden Abitur. Aber die Diskussion zeigt wie eindimensional unser Idealbild von einem Spitzenpolitiker ist. Martin Schulz und Horst Seehofer sind eben absolute Ausnahmen. Was das konkret für politische Entscheidungen bedeutet, das habe ich Politikwissenschaftler Armin Schäfer gefragt.

[00:05:42] Prof. Dr. Armin Schäfer Die Frage ist eben, ob die Zusammensetzung des Bundestages einen Einfluss darauf hat, was der Bundestag entscheidet. Und es gibt immer mehr Hinweise aus der politikwissenschaftlichen Forschung - nicht nur zu Deutschland, sondern international - dass es ist nicht ganz unerheblich ist, wer die Menschen sind, die für alle anderen politische Entscheidungen treffen. Wir haben in einem größeren Forschungsprojekt untersucht wie responsiv der Bundestag ist. Das ist ein Fachbegriff aus der Politikwissenschaft und der bedeutet: Auf wen hört der Bundestag eigentlich; wessen Interessen werden umgesetzt. Und dazu haben wir uns über drei Jahrzehnte Umfragen angeschaut zu ganz, ganz vielen unterschiedlichen Sachfragen und dann geschaut: Wer wollte eigentlich was in der Bevölkerung und was wurde danach politisch entschieden. Wenn man das auswertet, ergibt sich ein relativ klares Muster: Dass die Interessen, Präferenzen derjenigen, denen es besser geht - die höhere Ausbildung haben oder Berufen mit höherem sozialen Status angehören - dass deren Interessen sehr viel häufiger umgesetzt werden als diejenigen die geringere Bildungsabschlüsse haben oder Arbeiter, einfache Angestellte sind.

[00:06:39] Sandra Sperber Fällt Ihnen noch ein ganz konkretes Beispiel ein, wo das auffällig war?

[00:06:43] Prof. Dr. Armin Schäfer Also, im Prinzip die großen Sozialreformen der letzten Jahrzehnte, insbesondere die Hartz-Reformen waren sehr umstritten. Da ist ja das umgesetzt worden, was Leute wollten, denen es besser geht. Es gibt aber auch Beispiele, dass viele, denen es weniger gut geht, wollen, dass eine Vermögensteuer wieder eingeführt wird. Die ist dann aber nicht gekommen. Also, es gibt beide Beispiele, in beide Richtungen. Das ist jetzt kein ganz einfacher Zusammenhang, dass man sagen würde: Bei jeder einzelnen Abstimmung ist es immer so, dass Leute so abstimmen - also nach ihrem sozialen Status oder ihrer Herkunft. Meistens stimmen die ja nach Parteizugehörigkeit ab. Aber eben über viele Entscheidungen hinweg - wenn man sich da Trends anguckt - dann ist es schon so, dass die Abgeordneten eher im Interesse derjenigen entscheiden, denen es auch besser geht.

[00:07:24] Sandra Sperber Im Bundestag scheint das Bewusstsein für dieses Ungleichgewicht bislang noch nicht sonderlich ausgeprägt zu sein. Der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert hat den Deutschen Bundestag 2013 so beschrieben:

[00:07:36] Norbert Lammert (CDU) Ein Parlament ist keine Versammlung von Helden und Heiligen, sondern von Volksvertretern. Eine ziemlich repräsentative Mischung von Herkunft, Alter, Berufen, Begabungen, Temperamenten, Erfahrungen, Stärken und Schwächen.

[00:07:55] Sandra Sperber Eine ziemlich repräsentative Mischung? Da fällt auf den ersten Blick sofort der geringe Frauenanteil von 31 Prozent auf. Auch Menschen mit Migrationshintergrund sind deutlich unterrepräsentiert. Dafür sind bestimmte Berufe überproportional stark vertreten. Jeder fünfte Bundestagsabgeordnete ist beispielsweise Jurist. Das Selbstverständnis des Parlaments ist offenbar ein anderes. Das zeigt auch ein Ausschnitt der Bundestags-Eröffnungsrede von Wolfgang Schäuble. Der amtierende Bundestagspräsident ist übrigens - studierter Jurist.

[00:08:27] Wolfgang Schäuble (Bundestagspräsident) Wir Abgeordnete, liebe Kolleginnen und Kollegen, sind für die Mitbürger im Wahlkreis manchmal fast eine Art Ombudsmann. Und unsere Vielzahl an Erfahrungen und Qualifikationen aus beruflicher, sozialer, ehrenamtlicher Tätigkeit. Das bildet eine ganze Menge Expertise. Vielleicht wissen und fühlen wir Abgeordnete durch unsere Verwurzelung bei den Menschen manchmal besser als die Forschungsinstitute, was die Menschen wirklich bewegt.

[00:09:02] Abgeordnete berufen sich dann gern auf den engen Kontakt zu den Menschen in ihrem Wahlkreis. Doch Bürger-Kontakt allein macht mangelnde Vielfalt nicht wett, sagt der Politikforscher Armin Schäfer.

[00:09:13] Prof. Dr. Armin Schäfer Die Frage ist halt wie sehr man Erfahrungen dadurch machen kann, dass andere einem etwas erzählen und wer sind diejenigen, die in Bürgersprechstunden kommen. Aber wir wissen, dass das auch wiederum sich nicht gleichmäßig in der Bevölkerung verteilt. Diese Art von Aktivität - einen Abgeordneten direkt ansprechen, einen Brief schreiben -, das machen Leute die höher gebildet sind tendenziell auch häufiger als andere.

[00:09:33] Sandra Sperber Da muss man sich auch trauen, um auf einen Politiker zuzugehen und irgendwie zu sagen: Ich habe hier das Anliegen, das ärgert mich richtig.

[00:09:40] Prof. Dr. Armin Schäfer Genau. Man muss sich trauen und man muss glauben, dass es etwas bringt. Auch das ist sehr unterschiedlich. Viele haben den Glauben daran verloren, dass der direkte Kontakt oder überhaupt, dass Politik an ihrem Leben etwas ändern wird. Und wenn man da eine negative Einstellung hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sagt "jetzt gehe ich aber mal zu meinem Abgeordneten" eher gering.

[00:09:57] Sandra Sperber Warum glauben Sie, ist das so, dass der Bundestag im Prinzip ein Akademiker-Parlament ist. Wieso sind andere Gruppen - Arbeiter, Handwerker, Krankenschwestern - so viel weniger vertreten? Sind nicht Akademiker - wenn man es jetzt ganz platt formulieren will - zu blöd für den Bundestag?

[00:10:13] Prof. Dr. Armin Schäfer Das glaube ich nicht, weil es eben in der Vergangenheit auch anders war. Auch damals schon waren im Bundestag, im frühen Bundestag, Akademikerinnen/Akademiker deutlich überrepräsentiert.

[00:10:23] Sandra Sperber Ja, ich glaube, es waren so... knapp die Hälfte waren damals Akademiker ganz zu Beginn.

[00:10:27] Prof. Dr. Armin Schäfer Der Anteil in der Bevölkerung war natürlich noch viel, viel geringer. Aber knapp die Hälfte bedeutet halt immer noch, dass die andere Hälfte auf einem anderen Wege ins Parlament gekommen ist. Und heute sind es eben dann irgendwie 85 Prozent. Die genaue Zahl ist auch ein bisschen umstritten, aber ein extrem hoher Anteil. In manchen Parteien nähert sich's der hundert Prozent. Und das bedeutet, dass es diese andere Art von Abgeordneten gar nicht mehr gibt. Daran sehe ich eigentlich das Hauptproblem.

[00:10:52] Sandra Sperber Einer der wenigen klassischen Arbeiter, die es trotzdem in den Bundestag geschafft haben, ist Josip Juratovic von der SPD.

[00:11:03] Wolfgang Schäuble (Bundestagspräsident) Letzer Redner in dieser Debatte ist der Kollege Juratovic von der SPD-Fraktion.

[00:11:04] Josip Juratovic (SPD) Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen. Die AfD gibt sich alle Mühe ihrem Ruf als monothematische Anti-Ausländer-Partei gerecht zu werden.

[00:11:15] Sandra Sperber Wie komisch er sich dann plötzlich unter all den Polit-Promis gefühlt hat und welche Widerstände er auf dem Weg dahin überwinden musste, das hat Juratovic meiner Kollegin Jelena Berner erzählt, die jetzt hier bei mir im Studio ist. Hallo, Jelena.

[00:11:27] Jelena Berner Hallo, Sandra.

[00:11:29] Sandra Sperber Josip Juratovic heißt der Abgeordnete, von der SPD. Was ist das für ein Mann?

[00:11:35] Jelena Berner Juratovic wurde 1959 in Kroatien geboren, kam dann erst als Jugendlicher nach Deutschland nach, Baden-Württemberg in die Nähe von Heilbronn.

[00:11:44] Sandra Sperber Auch das ist eigentlich eher schon mal ungewöhnlich für einen Bundestagsabgeordneten.

[00:11:47] Jelena Berner Genau. Damit ist er auf jeden Fall in der Minderheit im Bundestag. Nach seinem Hauptschulabschluss hatte er erstmal eine Ausbildung als Kfz-Mechaniker gemacht und hat später bei Audi angefangen zu arbeiten, in den Audi-Werken. Er hat also eine ganz klassische Arbeiter-Biografie. Und damit geht er auch sehr offen um. Seine Website ist übertitelt mit dem Slogan "vom Fließband in den Bundestag". Ich habe ihn dann auch gefragt, wie das war als er 2005 als Bundestagsabgeordneter angefangen hat:

[00:12:17] Josip Juratovic (SPD) Sicherlich war das in der Anfangsphase...zunächst mal hat man eine Kampagne, die ziemlich aussichtslos war, begonnen im Wahlkreis und man führt die ganzen Kämpfe oder Schlachten durch. Man gewinnt alle Kämpfe. Und irgendwann landet man hier und dann wird man erst mal wach und sagt: Und jetzt? Was machst du jetzt? Kfz-Mechaniker, Fließbandarbeiter, Gastarbeiter unter den Menschen, die man vom Fernsehen und Presse überhaupt kennt. Und wie willst du da den Menschen auf Augenhöhe begegnen?

[00:12:55] Jelena Berner Bei ihm war am Anfang auch eine große Unsicherheit dabei. Das ist natürlich bei jedem neuen Bundestagsabgeordneten in einem gewissen Maße sicherlich so. Was bei ihm aber eben hinzukommt, ist, dass für ihn als gebürtiger Kroate die deutsche Sprache manchmal auch noch eine Herausforderung war. Und das war gerade im Umgang mit den Medien oft ein wenig schwierig. Da hat ihn aber als Neuling der damalige Fraktionsvorsitzende der SPD, Peter Struck, an die Hand genommen.

[00:13:23] Josip Juratovic (SPD) Für mich war es so: Das, was bei mir hängen blieb, ist der Weg zur Fraktion, zur Fraktions-Besprechung. Und dann kommt man aus dem Aufzug raus und dann stehen dann Mikrofone vor einem, Kameras. Da man erst so ein bisschen scheu ist vor den Medien und als Neuer sowieso, habe ich dann irgendwann den Peter Struck fragt: "Du Peter, wenn mich einer was fragt, was soll ich da machen? Ich kenne mich gar nicht aus." Dann sagt mir Peter: "Du, mach dir keine Sorgen! Bevor du den Fraktionssaal verlässt, denk dir auf drei mögliche Fragen, drei mögliche Antworten. Und egal, was sie dich fragen, du sagst das, was du dir ausgedacht hast." Das erlebt man oft, ist ja bekannt.

[00:14:10] Sandra Sperber Also, das ist ja der klassische Politiker-Trick: Immer das zu sagen, was man sich ganz fest vorgenommen hat und nicht davon abzuweichen. Das hat Juratovic da offenbar ganz schnell gelernt. Inzwischen ist er 14 Jahre im Bundestag. Hattest du das Gefühl, diese Unsicherheit ist komplett verschwunden?

[00:14:24] Jelena Berner Das glaube ich schon. Er sagt, dass er von Zweifeln heute befreit ist. Aber natürlich war auch von Anfang an klar, dass er anders ist als die Mehrheit der Abgeordneten. Allein schon durch seinen Akzent, aber eben auch durch seine Berufs-Biografie. Er war bei Audi in der IG Metall aktiv. Er ist in den Betriebsrat gewählt worden...

[00:14:45] Sandra Sperber ...also Gewerkschafter...

[00:14:45] Jelena Berner Ja genau. Absolutes SPD-Kernklientel sozusagen. Aber im Bundestag fällt er damit schon auf.

[00:14:53] Josip Juratovic (SPD) Ich war schon irgendwie eine Art Exot und alle haben so ein bisschen fragend geschaut. Was ist das für einer? Wie wird er jetzt hier auftreten? Und Gewerkschafter - wird der konstruktiv mitarbeiten oder Revoluzzer sein? Das sind die Fragen, die mir natürlich auch begegnet sind, ohne dass jemand ausgesprochen hat. Aber mir war das klar. Doch sehr schnell habe ich mich sozusagen integriert auch im Parlament bzw. auch in der Fraktion und das ging eigentlich reibungslos.

[00:15:28] Jelena Berner Sie haben als Kfz-Mechaniker gearbeitet, Sie sind gebürtig Kroate, haben erst später die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Gab es Situationen, in denen Sie gemerkt haben: "Ich bin irgendwie anders als die anderen Abgeordneten hier"?

[00:15:44] Josip Juratovic (SPD) Ja, das passiert öfters - bis heute. Und zwar... Ich weiß nicht, ob das mit dem Arbeitersein und Gewerkschafter zusammenhängt oder mit meiner Herkunft, nämlich als Kroate. Aber ich bin sehr impulsiv von Zeit zu Zeit. Aber das bin ich. Also, das was mich hier auszeichnet. Ich melde mich nicht oft zu Wort, aber wenn ich mich zu Wort melde, dann sage ich genau das, was mir am Herzen liegt und zeige ziemlich klare Kante. Das ist das, was mich unterscheidet. Und ich habe immer Bilder im Kopf von den Menschen aus dem sozusagen realen Leben, vor allem wenn es um das Innenleben einer Fabrik geht.

[00:16:25] Sandra Sperber Jetzt geht es ja in dieser "Stimmenfang"-Folge darum, dass so Biografien wie die von Josip Juratovic selbst in der sogenannten Arbeiterpartei wie der SPD selten sind, also vor allem im Bundestag. Wie war das bei ihm? Wie ist er überhaupt in der Politik gelandet?

[00:16:39] Jelena Berner Mein Eindruck ist, dass er als junger Mann einfach Wege gesucht hat sich zu engagieren und sein Umfeld zu verbessern. Also zum Beispiel eben als Gewerkschafter und als Betriebsrat die Bedingungen für Arbeiter zu verbessern, von denen er ja auch einer war. Deswegen hat er auch einen SPD-Ortsverband in seinem Heimatort Gundelsheim gegründet. Und er hat eben gemerkt - hat er mir erzählt -, dass er mit der Zeit so eine Art Meinungsführer in seiner Gruppe von jungen Menschen geworden ist.

[00:17:07] Jelena Berner Sie sind jetzt ungefähr 15 Jahre Bundestagsabgeordneter. Wie kamen Sie vor 15 Jahren auf die Idee: Jetzt kandidiere ich für den Bundestag.

[00:17:18] Josip Juratovic (SPD) Eigentlich habe ich habe ich nie eine Vorstellung gehabt, dass es möglich wäre. Ich war zu dem Zeitpunkt stellvertretender Kreisvorsitzender in Heilbronn.

[00:17:32] Jelena Berner Es war dann eigentlich auch gar nicht seine Idee, tatsächlich zu kandidieren, sondern die eines Parteifreundes, der von Juratovic' Arbeit im Betriebsrat von Audi ziemlich beeindruckt war. Und er hat ihn dann eben für ein Bundestagsmandat vorgeschlagen und innerhalb der SPD gab es tatsächlich einen Gegenkandidaten, dem die meisten in der Partei wohl auch die größeren Chancen zugeschrieben haben. Juratovic hatte dann aber das Glück, dass die Jusos ihn unterstützt haben.

[00:18:00] Josip Juratovic (SPD) Wir haben eine Kampagne gestartet von zehn Jugendlichen. Der Älteste war damals 26, die Jüngste 16. Eigentlich wollte man nur die Partei ein bisschen auflockern, lebendiger machen die Wahlen. Und wir haben eigentlich das scheinbar Unmögliche möglich macht, ich bin nämlich nominiert worden. Erst einmal, was für mich dann die Lehre daraus war, ist, dass der Geist der Partei und die Seele noch intakt ist; dass man gesagt hat: "Okay, wir wollen einen Arbeiter. Ja, der hat einen bisschen zu starken Akzent und grammatikalische Fehler und so weiter". Und es gab auch welche, die mir damals gesagt haben: "Wie willst du dich da neben Herrn Strobl behaupten? Er ist Jurist...im Podium und so weiter".

[00:18:48] Jelena Berner Herr Juratovic meint hier Thomas Strobl, den aktuellen baden-württembergischen Innenminister. Der war nämlich damals Vorsitzender der CDU im Landkreis Heilbronn und deren Bundestagskandidat.

[00:18:59] Sandra Sperber Also sozusagen sein direkter Gegner.

[00:19:02] Jelena Berner Genau, aus der anderen Partei. Und so haben beide immer wieder auf den gleichen Veranstaltungen gesprochen, gemeinsam und natürlich hat man sie da auch verglichen.

[00:19:12] Josip Juratovic (SPD) Ja, Sprachgewandtheit ist sehr wichtig und Eloquenz, aber nur dann unabkömmlich, wenn man nichts zu sagen hat. Wenn man etwas zu sagen hat, dann ist die Botschaft wichtig und das ist jetzt der eine oder andere Sprachfehler gar nicht so bedeutend. Und ich habe auf diese Karte gespielt und gewonnen.

[00:19:31] Sandra Sperber Er hatte also einige Widerstände, auch in der eigenen Partei, überwunden. Wie erklärt sich Juratovic, dass es so wenig andere Arbeiter schaffen?

[00:19:39] Jelena Berner Er sieht das Problem darin, dass es in den Parteien eben immer noch eine ganz klare Vorstellung, ein ganz klares Bild davon gibt, welche Kriterien jemand erfüllen muss um überhaupt Karriere in der Politik machen zu können.

[00:19:51] Josip Juratovic (SPD) Häufig ist es halt so: jemand muss sprachgewandt sein, jemand muss, ja... Wer kann das? Das können am besten die Akademiker und Juristen. Und natürlich haben die durch das auch die größere Chance. Aber letztendlich...ich werfe das denen nicht vor. Wir sind im Wettbewerb, jeder will Repräsentant sein beziehungsweise Kandidat. Von dem her, würde ich ein bisschen eher in die Richtung schielen, wie es der Zustand der Parteien. Wer ist noch in der Partei? Wer engagiert sich da? Wie ist die Struktur der Parteien?

[00:20:28] Sandra Sperber Hat Juratovic denn da einen Tipp, was sich ändern muss, damit Leute ohne Studium, ohne Hochschulabschluss sich mehr in die Parteien trauen?

[00:20:36] Jelena Berner Er sieht die Verantwortung dafür tatsächlich nicht nur bei den Parteien, sondern er sagt auch, dass die Parteien die Menschen so viel umwerben können, wie sie nur wollen. Wenn keiner bereit ist sich zu engagieren, läuft das letztendlich ins Leere. Und er findet, dass sich mehr Menschen trauen müssen, die eben nicht diesem Idealbild des Juristen entsprechen, sich auch politisch einzubringen mit ihren persönlichen Kompetenzen und Fähigkeiten. Und das ist eben ein klarer Appell auch an seine Mitbürger letztendlich.

[00:21:06] Sandra Sperber Vielen Dank, Jelena.

[00:21:08] Jelena Berner Sehr gerne.

[00:21:09] Sandra Sperber Ich gebe das Argument gleich weiter an Professor Schäfer: Müssen sich die sogenannten "Gering-Gebildeten" einfach von sich aus mehr engagieren?

[00:21:16] Prof. Dr. Armin Schäfer Natürlich muss irgendwann eine Person sagen: Ja, ich möchte das tun. Aber diese Entscheidung ist nicht so rein individuelles Kalkül, sondern wird auch dadurch beeinflusst, ob andere eben im Netzwerk einen darin unterstützen und einen auffordern, das vielleicht auch zu tun. Und auch einem Mut geben und sagen: Ja, du kannst das und du bist dazu geeignet. Weil das Bild, was ist ein idealer Abgeordneter... also, die Leute internalisieren das ein Stück weit auch und denken: Hach, vielleicht bringe ich gar nicht die Voraussetzungen mit. Und dann kann sich das eben gegenseitig verstärken.

[00:21:43] Sandra Sperber Welche Faktoren sehen Sie sonst noch, die Nichtakademiker davon abhalten sich auf ein politisches Amt zu bewerben?

[00:21:49] Prof. Dr. Armin Schäfer Es ist erstmal sehr aufwendig in der Partei aktiv zu sein. Man braucht erst mal Zeit, man braucht Ressourcen generell. Es gibt auch Studien, die zeigen, wer kandidieren möchte, braucht auch einiges an Geld. Die Wahlkämpfe werden nicht komplett von der Partei finanziert. Man muss sich durchsetzen gegen andere. Dafür muss man in der Regel auch schon einen innerparteilichen Wahlkampf machen. Auch der kostet Zeit und Geld. Und das ist eben ungleich verteilt, so dass bestimmte Menschen das leichter können. Auch Beamte sind überrepräsentiert in Parlamenten. Ein Grund dafür könnte einfach sein, dass man da die Möglichkeit hat eine Zeitlang seinen Beruf ruhen zu lassen und danach kehrt man wieder in den Beruf zurück.

[00:22:25] Sandra Sperber Also kein Karriere-Risiko.

[00:22:26] Prof. Dr. Armin Schäfer Genau, das ist natürlich bei anderen Berufen nicht so ohne weiteres der Fall. Da muss man befürchten, dass man danach nicht zurückkehren kann. Wenn man noch dazu materiell schlecht abgesichert ist, dann ist das Risiko zu kandidieren vielleicht doch sehr groß. Wenn man dann nicht gewählt wird, hat man möglicherweise sehr viel geopfert. Wenn man also selber die Ressourcen hat - Zeit, Geld -, wenn man gar nicht angesprochen und motiviert wird zu kandidieren, dann verstärkt sich das eben gegenseitig und führt zu einer hohen Ungleichheit.

[00:22:49] Sandra Sperber Was müssten die Parteien aus Ihrer Sicht tun, damit der Bundestag vielfältiger und, ja, auch repräsentativer wird.

[00:22:57] Prof. Dr. Armin Schäfer Das erste wäre natürlich erst mal die Erkenntnis zu haben, dass es möglicherweise ein Problem ist. Und ich könnte mir vorstellen bei der Veränderung der Wahlergebnisse, insbesondere für die Sozialdemokratie, dass ein Nachdenken darüber stattfindet, ob man denn noch in der Gesellschaft so verankert ist, wie man es sich vorstellt. Und da gibt es sicher ein Defizit, dass bestimmte Personengruppen heute eben nicht mehr so die Aufstiegschancen auch innerhalb der SPD haben, wie es in der Vergangenheit möglich war. Und da könnte man natürlich schon stärker versuchen, auf Gruppen gezielt zuzugehen. Die sind ja auch in Parteien vertreten, nur sie übernehmen wahrscheinlich seltener Ämter.

[00:23:27] Sandra Sperber Vielen Dank, Herr Schäfer.

[00:23:27] Sandra Sperber Ich danke Ihnen.

[00:23:30] Sandra Sperber Das war "Stimmenfang", der Politik-Podcast von SPIEGEL ONLINE. Die nächste Episode von "Stimmenfang" hören Sie ab kommenden Donnerstag auf SPIEGEL ONLINE, Spotify und in allen gängigen Podcast-Apps. Wenn Sie uns Feedback schicken möchten, schreiben Sie uns einfach eine Mail an stimmenfang@spiegel.de oder nutzen Sie unsere "Stimmenfang"-Mailbox unter 040 38080400. An die gleiche Nummer können Sie uns auch eine WhatsApp-Nachricht schicken. Nochmal: 040 38080400. Diese Folge wurde produziert von Jelena Berner, Yasemin Yüksel und mir, Sandra Sperber. Danke für die Unterstützung dabei an Sebastian Fischer, Johannes Kückens, Wiebke Rasmussen, Thorsten Rejzek und Matthias Streitz. Die "Stimmenfang"- Musik kommt von Davide Russo.

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insgesamt 71 Beiträge
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Seite 1
h3li05exe 11.07.2019
1. Kein Ungleichgewicht
Das ist kein Ungleichgewicht - zumindest nicht, wenn man das so negativ verstehen möchte, wie es bei diesem Begriff üblich ist. Dass eine Gesellschaft die gebildetsten und klügsten Köpfe vorschickt, sollte doch eigentlich Ziel sein. Es wäre gar nicht gut für uns, wenn im Bundestag anteilig genau so viele Ungebildete sitzen würden, wie wir in der Bevölkerung haben.
tosi01 11.07.2019
2. Demokratie ?
Ich habe meine Zweifel an der demokratischen Volksvertretung unseres Parlamentes. Im Bundestag sitzen de facto nur Akademiker, Arbeiter, die immerhin einen großen Teil unserer Bevölkerung repräsentieren, sind hingegen nicht vertreten. Das ist nicht hinnehmbar, denn die, die über den Großteil der Bevölkerung bestimmen, kennen deren Nöte und Sorgen nicht. Sie leben in eienr anderen Welt, das muss schief gehen.
D_v_T 11.07.2019
3.
"Kein Abi, keine Politik-Karriere" - diesen Schluss aus einer 80%-Quote zu ziehen, finde ich ziemlich voreilig. Immerhin hat dann doch jeder fünfte im Bundestag keine höhere Bildung genossen.
timtom2222 11.07.2019
4.
Warum Wählt ein nicht Akademiker einen Akademiker? Dort fangen die Probleme an, die Akademiker haben einfach keine Ahnung von " normaler" Arbeit!
ellge 11.07.2019
5. Akademiker
Wie groß ist der Anteil der Absolventen von MINT-Fächern gegenüber Geisteswissenschaft, Jura, Politikwissenschaft? Haben die Abgeordneten das zur Beantwortung dringender Fragen die erforderliche Sachkompetenz?
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