Bundestagskandidat Wirth 100-Prozent-Pirat hofft auf das Wahlwunder
Hessischer Piraten-Wahlkämpfer Wirth (r.) in Hanau: "Mal etwas riskieren"
Foto: SPIEGEL ONLINEDie erste Aktion des Morgens ist ein Besuch beim politischen Feind. Thorsten Wirth schlendert zum Stand der CDU, blättert mit Unschuldsmiene ein bisschen in den Prospekten der Union, dann kehrt der hessische Spitzenkandidat der Piraten-Partei zurück zum eigenen Zelt, hält triumphierend einen Flyer hoch. "Wir haben die Kraft", steht dort fettgedruckt unter einem Konterfei der Kanzlerin. Der Wahlkampfslogan der CDU - eigentlich. Die passenden Internet-Adressen hat sich jedoch die Piratenpartei gesichert und mit der eigenen Website verbunden. "Kostet ja nur ein paar Cents", sagt Wirth und grinst.
Die Konkurrenten von CDU und Linken, die keine zehn Meter entfernt ihre Stände haben, wirken reichlich ermattet. Doch Wirth redet auch am letzten Tag vor der Bundestagswahl noch so konzentriert auf die Passanten ein, als habe der Wahlkampf eben erst begonnen. Einem Familienvater erklärt er wortreich das Piraten-Bildungsprogramm - man müsse in der Schule "Medienkompetenz" vermitteln, sagt der 41-Jährige eifrig. Die Kinder müssten lernen, wie sie sich in Chatrooms schützen, erklärt er: "Nie das Geschlecht sagen, nie das Alter", rät er dem Sohn, der brav nickt. Das Thema passt gut zu Wirth. Er sieht selbst ein wenig wie ein Lehrer aus mit seiner Jeans, dem Drei-Tage-Bart, der schwarzen schmalen Brille und dem schon etwas schütteren Haar.
Tatsächlich aber ist der Mann selbständiger Informatiker. Seit einigen Wochen allerdings sei er "100 Prozent Pirat", sagt er, im Dauereinsatz für die Partei. Dass er seinen Job vernachlässigt und ihm dabei "sehr viel Geld" verloren geht, wie er offen sagt, scheint ihn nicht zu stören: "Man muss sich manchmal entscheiden, ob man etwas riskieren will, ob man dabei sein will, wenn Geschichte geschrieben wird." Dass die Piratenpartei genau das tut, steht für Wirth außer Frage. Immerhin hat sie inzwischen mehr als 9000 Mitglieder. Anfang des Jahres waren es nicht einmal 1000.
Vor allem seit den Europawahlen sei die Partei "explodiert", sagt Wirth. Der deutsche Ableger brachte es auf Anhieb auf immerhin 0,9 Prozent. Ein Pirat aus Schweden, wo der Ursprung der Partei liegt, zog sogar ins Parlament ein. Seitdem gibt es kein Halten mehr. "Alle sind elektrisiert", sagt Wirth.
Es klingt ein bisschen nach 68er-Bewegung, wenn Wirth erzählt. Wie er bei seinen vielen Reisen durch die Republik bei Parteikollegen unterkomme, die er oft gar nicht kenne. Und wie er dann bis spät in die Nacht mit ihnen über Politik diskutiere. Allerdings geht es den Piraten statt um Vietnam-Krieg und Entnazifizierung um alles, was mit der Freiheit im Internet zusammenhängt. Sie kämpfen gegen Online-Überwachung, gegen Zensurmaßnahmen im Netz, gegen Datenhandel und für eine Reform des Urheberrechts. Damit jeder Privatnutzer kostenfrei Wissen herunterladen kann: Schüler, ältere Menschen, sozial Schwache - alle eben. Um IT-Themen endlich die gebührende Beachtung zu verschaffen, fordern die Piraten einen "Minister für die Wissens- und Informationsgesellschaft".
"Morgens ist immer viel zu früh"
Umfragen sehen die Vereinigung am Sonntag bei immerhin zwei bis drei Prozent. Parteienforscher bescheinigen der Partei bewundernd, sie hätten ein lange vernachlässigtes Thema auf die politische Bühne gebracht - ähnlich wie die Grünen in den achtziger Jahren. Bei dem Projekt "U-18-Wahl", bei der 125.000 Jugendliche ihre Stimme abgaben, kamen die Piraten auf fast neun Prozent.
Viele Teenager dürfte allerdings vor allem eins anziehen: Die Piraten haben Spaß. Sie tragen schwarze Kapuzenshirts und orangefarbene Flaggen, sie veranstalten Flashmobs, um öffentliche Überwachungskameras anzubeten. Während sich der SPD-Mann Thorsten Schäfer-Gümbel beim Online-Dienst Twitter mit Kurzmeldungen über das Blumenverteilen mit einer Genossin abmüht ("lebhafte Debatten"), stellt Wirth in der Community erst einmal eine Gaga-These zur Diskussion: "Morgens ist immer viel zu früh."
Auch an diesem Samstag, als Wirth einen Wahlkampfstand in Hessen nach dem nächsten abklappert, wird gefrotzelt. "Der Bundes-Thorsten", tönt es dem Frankfurter bei der Ankunft in Hanau entgegen. "Yeah, die Piraten", ruft Wirth zurück zu den jungen Männern. Sie stehen breitbeinig und mit dunklen Sonnenbrillen hinter ihrem Wahlkampftisch, sehen aus wie die Blues Brothers in Jeans und T-Shirt. An einer Straßenlaterne baumelt das obligatorische Banner in Orange. Es ist ein Anblick, den junge Leute witzig finden.
Von der "Mitmach-" zur Regierungspartei?
Dabei meinen es die Parteimitglieder vollkommen ernst. Ein Hanauer Parteimitglied ist zurzeit 40 Stunden die Woche als Wahlkämpfer im Einsatz. Er schwärmt von der "Mitmachpartei", in der jeder tue, was er könne und wolle: Pressearbeit, Flyer und Broschüren entwerfen - oder eine AG gründen. Politik wie aus dem Bilderbuch. Es gehe um Themen und Vernunft, sagen die "KinzigPiraten" - so nennen sich die Hanauer. "Die Menschen sind nicht politikverdrossen, sondern parteiverdrossen", sagt ihr Vorstand Stefan Urbach.
Er hofft auf eine Entwicklung wie bei den Grünen. Ziel sei baldige Mitverantwortung auf kommunaler Ebene. Es gibt schon jede Menge Arbeitsgruppen, die über außenpolitische, soziale, wirtschaftliche Themen sprechen, weil man als ernstzunehmende Partei schließlich auch einmal zu solchen Fragen Stellung nehmen muss.
Allerdings ist die große Politik eine Welt mit ziemlich vielen Stolperfallen. Der stellvertretende Parteivorsitzende Andreas Popp gab kürzlich der rechtslastigen "Jungen Freiheit" ein Interview. Er habe die Zeitung überhaupt nicht gekannt, erklärte er. Danach füllte der Vorsitzende Jens Seipenbusch auch noch einen Fragebogen der Postille aus. Der Aufschrei in der Internetgemeinde war groß.
Mit einer viel dramatischeren PR-Katastrophe aber hat Thorsten Wirth seit ein paar Wochen jeden Tag zu kämpfen. Manchmal sogar, wenn er sich nur ein paar Croissants in einer Bäckerei kaufen will. Die Verkäuferin guckt kurz auf sein Piratenshirt, dann legt sie los. "Einen Mann aufnehmen, der sich Kinderpornos anschaut", wettert sie mit vorwurfsvoll blitzenden Augen. Viele Deutsche wissen vor allem eines von der Piratenpartei: Dass der Ex-SPDler Jörg Tauss seit einigen Wochen Mitglied ist. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Internetexperten wegen des Verdachts auf Kinderpornografiebesitz.
Es gibt Piraten, die zu der unangenehmen Personalie schon gar nichts mehr sagen wollen. Aber Wirth erklärt fest: "Es gilt das Menschenrecht auf die Unschuldsvermutung." Wenn ein Urteil vorliege, müsse man weiter sehen. Die Attacke der Bäckerin erträgt er gleichmütig. Er ist inzwischen an so etwas gewöhnt.
"Für die Piratenpartei ist der Abgeordnete Jörg Tauss eine Katastrophe", findet dagegen der Parteienforscher Dietmar Herz. Wollten die Piraten ernst genommen werden, müssten sie sich "von solchen Mitgliedern trennen".
Seit dem Tauss-Zugang hat auch der Witz mit der "Zensursula" einen noch unangenehmeren Beigeschmack. Den Spitznamen gaben die Piraten der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, weil sie Internetseiten sperren lassen wollte, Websites mit Kinderpornografie. Wenn erst einmal die Infrastruktur für die Sperrung einzelner Seiten bestehe, sei dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet, lautet das Argument der Piraten. Eine Mutter in Hanau überzeugen sie damit jedoch kaum: "Ich verstehe das nicht", sagt sie und schüttelt heftig den Kopf.
Wirth startet einen zweiten Versuch: "Kinderpornografie ist die Folge von Kindesmissbrauch", sagt er. Der werde durch Ursula von der Leyens "Stoppschild" nicht ausgemerzt. Die Frau runzelt die Stirn. Erst als ein Wahlkämpfer erklärt, wie sinnlos das Sperren einer Website sei, weil in Windeseile eine zweite entstehe, wirkt sie etwa besänftigt. "Wir wollen, dass solche Inhalte auf den Servern gelöscht werden", fügt der Pirat hinzu. Das komme aber selten rüber, sagt die Frau. "Weil das immer abgeschnitten wird", lautet die hilflose Antwort.
Der Erfurter Politikwissenschaftler Herz traut den "zu heterogenen" Piraten keine allzu lange Lebensdauer zu. "Ihre Forderung nach mehr Abwehrrechten gegen den übermächtigen Staat werden etablierte Parteien aufsaugen", prophezeit er. Spitzenkandidat Thorsten Wirth ist einer von denen, die das nicht schlimm fänden. Es gehe ihm um die Themen, sagt er. Und dass er davon überzeugt sei, dass das "System die Politik korrumpiert". "Politik braucht deshalb ständige Erneuerung,"