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30. Juli 2013, 13:32 Uhr

Plagiatsvorwurf gegen Lammert

Angriff auf eine moralische Instanz

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Bundestagspräsident Lammert muss sich Plagiatsvorwürfen stellen. Sollten sie zutreffen, wäre das ein schwerer Schlag für den christdemokratischen Politiker - und auch für seine Partei. Es gibt in der CDU nicht mehr viele, die ein solches intellektuelles und moralisches Format besitzen.

Berlin - An manchen Tagen kann einem auf der Präsidialebene des Bundestags ein lässig gekleideter Mann begegnen. Ohne Schlips und Sakko eilt er vorbei. Oft hat er mehrere Bücher unter dem Arm. Keinesfalls staubtrockene Lektüre, sondern Historisches und Literarisches, wie an den Buchrücken zu erkennen ist. Es ist Norbert Lammert, Bundestagspräsident.

Lammert ist ein Mann des Wortes, seit 2005 bekleidet er das Amt, er hat viele kluge Reden gehalten. Wer als Journalist mit ihm ein Interview führt, ist immer wieder erstaunt, wie er seine gedrechselten, oftmals mit vielen Einschüben versehenen Sätze am Ende doch zu einem gekonnten Abschluss bringt. Lammert weiß um diese Gabe, er pflegt sie offensichtlich mit Hingabe. Er ist auf seine Art eitel - wie andere Politiker eben auch.

Über seinen Hang zu besonders klugen und gespreizten Formulierungen wird manchmal in seiner Partei gelästert, aber sie wissen am Ende doch, was sie an ihrem Lammert haben - schließlich gibt es nicht mehr viele in der CDU, die über solch ein intellektuelles Format verfügen.

Nun allerdings steht Lammert vor einer großer Herausforderung. Ein anonymer Plagiatsjäger behauptet auf der Webseite lammertplag.wordpress.com, er habe auf 42 Seiten von Lammerts Dissertation Passagen aus 21 Quellen gefunden, die Unregelmäßigkeiten aufwiesen. Die Vorwürfe sind wohl ernst zu nehmen, auch wenn sie aus einer anonymen Quelle stammen. Schließlich hat der Mann unter dem Pseudonym Robert Schmidt schon im Falle der Doktorarbeit der (am Ende zurückgetretenen) Bundesbildungsministerin Annette Schavan erste Hinweise auf Fehler geliefert.

Lammert lässt seine Arbeit ins Internet stellen

Der Angriff kommt zu einer Zeit, da die Republik noch den Sommer genießt. So auch Lammert, der derzeit im Urlaub ist und dort, wie er jüngst erklärte, ein paar "gute Bücher" lesen wollte. Nun muss er sich verteidigen in einer Sache, die Jahrzehnte zurückliegt. "Ich habe meine Doktorarbeit nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt", ließ er der "Welt" gegenüber erklären, die als erste über die Vorwürfe berichtete. Lammert selbst lässt nun die Arbeit von der Universität Bochum prüfen. Er hat dort Mitte der siebziger Jahre zum Doktor der Sozialwissenschaften promoviert, der Titel seiner Arbeit lautete "Lokale Organisationsstrukturen innerparteilicher Willensbildung. Fallstudie am Beispiel eines CDU-Kreisverbandes im Ruhrgebiet". Lammert sucht das beste aus der vertrackten Lage zu machen. Seine komplette Arbeit hat er mittlerweile auf seine Abgeordnetenseite gestellt.

Noch ist nichts bewiesen, aber es könnte schwierig werden für Lammert, sollten die Vorwürfe substantiell sein. Würde er dann - sollte er es wollen und die Mehrheitsverhältnisse nach der kommenden Bundestagswahl dies zulassen - für eine dritte Amtszeit kandidieren? Als Bundestagspräsident ist Lammert ein Unbequemer gewesen. Er hat Haltung bewiesen auch bei Themen, die in der Öffentlichkeit umstritten waren. Als die "Bild" einmal eine mehrtägige Kampagne für eine drastische Senkung der Abgeordnetenversorgung startete, stemmte sich Lammert argumentativ dagegen und suchte danach auch das Gespräch mit dem Chefredakteur des Blattes aus dem Springer-Konzern.

Lammert hat das Amt des Parlamentspräsidenten, protokollarisch das zweithöchste nach dem des Bundespräsidenten, sehr ernst genommen. In der Euro-Krise versuchte er, eine möglichst breite Beteiligung des Bundestags an den Hilfsmaßnahmen zu sichern - nicht immer zur Freude der Kanzlerin und ihres Bundesfinanzministers. Das hat Lammert Respekt eingebracht - in allen Fraktionen.

Die Vorwürfe des Plagiatsjägers aber könnten Lammert nun in seinem Kernverständnis treffen. Denn der 64-Jährige hat seine Rolle auch stets als die einer moralischen Instanz begriffen. Als Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg über seine Plagiatsaffäre stürzte, wurde ein Zitat von ihm kolportiert, von dem bis heute nicht klar ist, ob es je wirklich so fiel. Lammert soll von einem "Sargnagel für das Vertrauen in die Demokratie" gesprochen haben. Wie auch immer: Das Zitat machte seine Runde und CSU-Mann Guttenberg sagte in einem Interviewband, der nach seinem Rücktritt herauskam: "Ein Sargnagel braucht immer jemanden, der den Hammer hält und den Sargnagel einschlägt. Diese Rolle würde ich dem Autor des Satzes zugestehen. Das war wirklich unglaublich."

In den vergangenen Jahren hat Lammert vor dem immer schneller werdenden, durch die neuen Medien angetriebenen Politikbetrieb gewarnt. Nach dem Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff sprach er davon, dass manches würdelos gewesen sei, auch die "zunehmende Enthemmung im Internet, im Schutze einer tapfer verteidigten Anonymität".

Nun findet er sich selbst in der Defensive wieder.

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