Bundestagswahl 2013 SPD-Linke redet Steinbrücks K-Hype klein

Peer Steinbrück als Kanzlerkandidat der SPD? Lange haben seine Gegner vom linken Flügel der Partei die Debatte belächelt. Doch mit jedem Tag wird es schwerer, sie wieder einzufangen. Jetzt wollen die Kritiker einen neuen Anlauf starten, um ihn auszubremsen.

Ex-Finanzminister Steinbrück: Der SPD-Linken vergeht das Lachen
dapd

Ex-Finanzminister Steinbrück: Der SPD-Linken vergeht das Lachen

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Berlin - Peer Steinbrück hat die Sommerpause sehr ernst genommen. Mit Ausnahme eines kleinen Urlaubs-Interviews in seiner Heimatzeitung war vom ehemaligen Finanzminister nichts zu hören. Geschadet hat's ihm nicht, im Gegenteil: Der Sozialdemokrat ist beliebt wie nie. Das zeigt auch die entsprechende Forsa-Skala an. Schon witzelt man in seiner Partei, dass er mit Sicherheit Kanzler werde - wenn er bis 2013 nur weiter schweigen würde.

Ganz so weit ist es noch nicht. Um Angela Merkel zu stürzen, muss er in der SPD erst noch Kandidat werden. Aber auch in dieser Hinsicht läuft es gut für Steinbrück. Er gilt als Kopf der neuen Troika, zu der auch Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier gehören. Auf dem Parteitag im Dezember darf er an prominenter Stelle reden, er wird bald ein Buch mit Helmut Schmidt herausgeben und in den Zeitungen darf er regelmäßig wahre Hymnen auf sich lesen.

Was soll da noch schiefgehen?

Keine Frage, es hat sich etwas verselbständigt in und außerhalb der SPD. Frühestens Ende 2012 wollen die Sozialdemokraten über die K-Frage entscheiden. Aber schon jetzt scheint der Mann kaum einzufangen auf dem Weg zur Kandidatur. Kantig ist er, kompetent und führungsstark. Das passt gut. So gut, dass selbst Steinbrücks Feinde auf dem linken SPD-Flügel dem Hype nichts entgegenzusetzen wissen.

Lange haben seine Gegner die Diskussion belächelt, weil sie für offensichtlich hielten, wie schräg das alles ist. Jetzt ist ihnen das Lachen vergangen. Sie wissen auch: Sie müssen langsam etwas tun, wenn sie den 64-Jährigen noch verhindern wollen. Ansonsten könnten sie es bald mit einem zweiten Gerhard Schröder zu tun haben. Ein Alptraum für viele linke Genossen.

Nahles: Wowereit "für Höheres" geeignet

Aber wie soll man ihn stoppen? Einen zaghaften Anfang machte am Mittwoch Andrea Nahles. Die Generalsekretärin, einst Frontfrau des linken Flügels, gab der "Berliner Morgenpost" ein Interview, indem sie sich sehr wohlwollend über Klaus Wowereit äußerte, den Berliner Bürgermeister. Wenn dieser am 18. September die Wahlen zum Abgeordnetenhaus gewinne, sei das sein dritter Sieg in Folge, so Nahles. Und wie alle anderen Ministerpräsidenten auch, sei er "für Höheres" geeignet. Die Botschaft: Auch für die Kanzlerkandidatur.

Ganz abgesehen von der Frage, ob ihr Einwurf dem Berliner Parteifreund im Wahlkampf sonderlich hilft: Dass Wowereit 2013 für die SPD ins Rennen zieht, ist - vorsichtig formuliert - ein recht unwahrscheinliches Szenario. Der 57-Jährige findet bundespolitisch seit Jahren kaum statt, seine Bilanz ist nicht gerade ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Das weiß auch Nahles. Insofern dürfte sie mit ihrem Zwischenruf vor allem die Absicht gehabt haben, ein Signal in die Partei zu senden, dass die Kanzlerkandidatur noch lange nicht entschieden ist und der linke Flügel schon noch ein Wörtchen mitzureden plant. Erst recht nach einem Wahlsieg Wowereits.

Nahles' neuste Wortmeldung ist ein Zeichen dafür, dass die K-Frage - anders als öffentlich dargestellt - intern durchaus für Spannungen sorgt. Über die Sommerpause hat sich bei vielen linken Genossen ein ungutes Gefühl breitgemacht: Der eigene Flügel ist außen vor, jedenfalls, was die Personalfragen angeht. Obwohl man zahlenmäßig in der Bundestagsfraktion in der Mehrheit ist, stehen ausschließlich Pragmatiker im Fokus. Dass die SPD-Spitze den schleichenden Bedeutungsverlust der Parteilinken mit dem Auftritt des Spitzentrios Steinbrück, Gabriel und Steinmeier auch noch öffentlich erkennbar machte, sorgt zusätzlich für Unmut.

Das soll sich jetzt ändern. Dass die Generalsekretärin sich vorwagte, überrascht nicht. Zu Steinbrück pflegt sie seit langem ein distanziertes Verhältnis. Wie groß ihre politischen Differenzen sind, zeigte sich 2009, als Nahles ausgerechnet gegen das Prestigeprojekt des damaligen Finanzministers, die Schuldenbremse, opponierte. Der Streit wirkt bis heute nach. Als im Mai dieses Jahres Steinbrück erstmals seine Bereitschaft für eine Kandidatur erkennen ließ, mokierte Nahles sich über dessen "Selbstausrufung".

Steinbrücks Suada ist noch nicht vergessen

Auch andere Parteilinke wollen sich noch nicht geschlagen geben. "Um Kanzlerkandidat zu werden, braucht es drei Eigenschaften", sagt Schleswig-Holsteins Landeschef Ralf Stegner, der Steinbrück in tiefer Abneigung verbunden ist. "Man muss fachlich geeignet sein, man muss öffentlich gut ankommen und eben das politische Profil der Partei in seiner ganzen Breite repräsentieren können." Dass Steinbrück Letzteres kann, bezweifelt nicht nur er. Aber er ist einer der wenigen, die das schon halbwegs öffentlich tun. Gut möglich, dass nach der Berlin-Wahl andere nachziehen werden.

Jetzt halten sich viele lieber noch bedeckt. "Die K-Frage bei uns wird nicht von den Medien entschieden", sagt ein prominenter linker Genosse. Je länger die Debatte dauere, desto schlechter würden die Chancen Steinbrücks. Jeder Hype habe schließlich auch mal ein Ende.

Andere Steinbrück-Kritiker erinnern dieser Tage wieder häufiger an einen seiner berühmten Auftritte. Im Oktober 2009, kurz nach der Bundestagswahl, verabschiedete Steinbrück sich aus dem Parteivorstand. In jener Sitzung zog er so ziemlich gegen den gesamten linken Flügel vom Leder. Die "FAZ" schrieb von einer "Suada" gegen Wowereit, Stegner und die Hessin Andrea Ypsilanti. Der Auftritt ist noch nicht vergessen.

Das Problem ist nur, dass es für eine Offensive in Sachen Kanzlerkandidatur zu spät sein könnte. Die Personalie Steinbrück hat eine Eigendynamik entwickelt, die schwer einzufangen sein dürfte, jedenfalls ohne einen parteiinternen Streit zu riskieren. Und ob sich das Risiko lohnt, ohne eine echte Alternative zu haben, ist ebenfalls fraglich. Wowereit kommt kaum in Frage, ein andere Linker ist als Merkel-Herausforderer nicht in Sicht. Mit Frank-Walter Steinmeier könnten sie sich gut arrangieren. Aber ob der als Kompromisskandidat antreten würde?

"Alles richtig", sagt ein führender Parteilinker. "Aber wer weiß schon, wie die Welt in einem Jahr aussieht."



insgesamt 212 Beiträge
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Seite 1
hornbeam, 01.09.2011
1. Bionisch
Zitat von sysopPeer Steinbrück als Kanzlerkandidat der SPD? Lange haben seine Gegner vom linken Flügel*der Partei die Debatte belächelt. Doch mit jedem Tag wird es schwerer, sie wieder einzufangen. Jetzt wollen*die Kritiker einen neuen Anlauf starten, um ihn auszubremsen. Der Erfolg ist ungewiss. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,783752,00.html
Was solls. Burda, Spiegel und INSM hyped die Seehemeimer hoch, andere versuchen zu drücken. The same Precederature as every Year.
Klaus.G 01.09.2011
2. Höchste Zeit
dass die Parteibasis gegen Steinbrück aufsteht. Der Mann ist ein Vertreter von Wirtschaftsinteressen und Banken, außerdem ein glühender Verehrer von Hartz IV bzw. Agenda 2010. Der Mann steht für die Schröder SPD die die Partei ruiniert hat. Wenn die SPD wieder linke Wähler der Linken abspenstig machen will muß Steinbrück verhindert werden. Echte Sozialdemokraten l i n k e Sozialdemokraten. Eine Wende zum Besseren für die SPD sieht anders aus...
Europa! 01.09.2011
3. Wozu braucht die SPD Flügel?
Sie muss ja nicht fliegen. Sie soll bloß dieses Land vernünftig regieren. Und das kann vermutlich Steinbrück am besten.
christiane006, 01.09.2011
4. die sind anstrengend.
Zitat von sysopPeer Steinbrück als Kanzlerkandidat der SPD? Lange haben seine Gegner vom linken Flügel*der Partei die Debatte belächelt. Doch mit jedem Tag wird es schwerer, sie wieder einzufangen. Jetzt wollen*die Kritiker einen neuen Anlauf starten, um ihn auszubremsen. Der Erfolg ist ungewiss. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,783752,00.html
mit Steinbrück hätte die SPD eine reale Chance, da er derzeit der beliebteste Politiker im wöchentlichen Ranking ist. Man muss halt wissen, ob meine seine Chancen nutzt, oder sie vergeigt.
Hovac 01.09.2011
5. Es
passiert wirklich alles genau nach Plan. Schönes Bilderbergersystem haben wir da. Hat der Wähler ein Gedächtnis? Steinbrück dürfte bei denkenden Menschen noch nicht einmal irgend ein Amt bei einem Kaninchenzüchterverein per Wahl erlangen können.
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