Vorläufiges Endergebnis Union verliert deutlich, SPD schwach wie nie, AfD auf Platz drei

Die Union mit Kanzlerin Merkel ist laut vorläufigem Endergebnis bei der Bundestagswahl stärkste Kraft - trotz herber Verluste. Die SPD fällt auf ein historisches Tief, die AfD zieht mit einem zweistelligen Ergebnis ins Parlament ein.
Auszählung der Wählerstimmen

Auszählung der Wählerstimmen

Foto: THILO SCHMUELGEN/ REUTERS

Die Union hat die Bundestagswahl trotz dramatischer Verluste gewonnen. CDU und CSU kommen nach Auszählung aller 299 Wahlkreise auf 32,9 Prozent (2013: 41,5). Die einstige Volkspartei SPD scheint das Vertrauen vieler Wähler dauerhaft verloren zu haben: Nach zwei bereits schwachen Bundestagswahlen stürzt sie nun auf ein Rekordtief von 20,5 Prozent (2013: 25,7).

Die AfD, 2013 noch knapp gescheitert, legt mit 12,6 Prozent auf knapp das Dreifache zu. Die Grünen verbessern sich auf 8,9 Prozent (8,4). Die Linke kommt mit 9,2 Prozent leicht über ihren alten Wert (8,6). Die seit 2013 nicht mehr im Parlament vertretene FDP überspringt mit 10,7 Prozent locker die Fünfprozenthürde.

Das neue Parlament wird insgesamt wohl 709 Sitze haben, die Verteilung sieht laut Bundeswahlleiter  wie folgt aus: CDU/CSU 246 (2013: 311), SPD 153 (193), AfD 94, FDP 80, Grüne 67 (63) und Linke 69 Mandate (64).

Die Wahlbeteiligung lag bei 76,2 Prozent (71,5). Zur Abstimmung aufgerufen waren rund 61,5 Millionen Wahlberechtigte.

Rechnerisch möglich wären eine erneute Große Koalition oder ein sogenanntes Jamaika-Bündnis aus Union, FDP und Grünen, da keine der etablierten Parteien eine Koalition mit der AfD eingehen will.

Martin Schulz will SPD-Chef bleiben, aber nicht Fraktionschef sein

Schulz schloss aber bereits eine erneute Große Koalition aus. Er will trotz der Wahlniederlage Parteivorsitzender bleiben und die SPD in die Opposition führen. Er will aber nicht Fraktionschef werden. Stattdessen werde er sich "voll auf die Erneuerung der Partei konzentrieren", sagte Schulz in der Berliner Parteizentrale. Er sprach von einem "bitteren Tag" für die Sozialdemokraten in Deutschland.

Das Ergebnis der AfD nannte er bedrückend. Mit ihr werde erstmals eine rechtsextreme Partei in Fraktionsstärke in den Bundestag einziehen. "Das ist eine Zäsur, und kein Demokrat kann darüber einfach hinweggehen."

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Reaktionen bei den Parteien: Schock und Jubel

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"Natürlich haben wir uns ein besseres Ergebnis erhofft", sagte Angela Merkel vor jubelnden Anhängern. Zwölf Jahre Regierung seien aber alles andere als selbstverständlich. Man wolle die Wähler der AfD zurückgewinnen, kündigte sie an. "Wir haben einen Auftrag, eine Regierung zu bilden."

Der stellvertretende FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki kritisierte die Entscheidung der SPD, in die Opposition zu gehen. Seine Partei stehe deshalb aber nicht automatisch für eine Koalition zur Verfügung. Es sei keine Selbstverständlichkeit zu glauben, dass die FDP den "Ausputzer mache", sagt Kubicki in der ARD.

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter sagte, seine Partei werde "sehr ernsthafte Gespräche" mit den anderen demokratischen Parteien führen. Das gute Abschneiden der AfD sei "bitter für alle Bürger".

Die Christsozialen von Parteichef Horst Seehofer stürzten in Bayern laut vorläufigem Endergebnis um 10,5 Prozentpunkte ab - auf 38,8 Prozent. Das ist ihr schlechtestes Ergebnis seit 1949, Seehofer sprach von einer "herben Enttäuschung". Die CSU gewann aber alle 46 Direktmandate im Freistaat.

Die AfD-Bundesvorsitzende Frauke Petry reagierte mit einem Zitat des indischen Widerstandskämpfers Mahatma Gandhi auf das Abschneiden ihrer Partei. "Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du", twitterte sie.

Die künftige Bundesregierung müsse sich "warm anziehen", sagte Spitzenkandidat Alexander Gauland. "Wir werden sie jagen. Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen", sagt er vor Anhängern.

Die Linke hätte sich nach Ansicht von Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht im Wahlkampf mehr der Flüchtlingsthematik widmen müssen. Man habe "dort auch vielleicht bestimmte Probleme ausgeklammert, in der Sorge, dass man damit Ressentiments schürt", sagte Wagenknecht. "Aber am Ende hat man dann der AfD überlassen, bestimmte Dinge anzusprechen, von denen die Menschen einfach erleben, dass sie so sind." Die Linke sei aber mit dem Ergebnis zufrieden.

Im Video: Gewinner und Verlierer der Wahl

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als/aar/dpa/AFP/Reuters