Wahlkampf 2017 Das Beste zum Start in die heiße Phase

Wie macht Merkel das nur? Warum zerplatzte der Schulz-Hype? Und kommt Guttenberg zurück? Verstehen Sie das Wahljahr: mit den besten Reportagen, Interviews und Podcasts von SPIEGEL, SPIEGEL ONLINE und Bento.

Wahlplakate für die Bundestagswahl
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Wahlplakate für die Bundestagswahl


Es ist schon seltsam: Da gibt es eine Dauerkanzlerin, die keine Experimente wagt, und einen Herausforderer, der es trotzdem nicht schafft, sie damit vorzuführen. Wer soll das begreifen? "Als hätte jemand aus der CDU einen dieser lebensgroßen Pappaufsteller geschickt, neben denen man sich im Wahlkampf fotografieren lassen kann, und gedacht: merkt keiner", schrieb der SPIEGEL im März.

Danach traf Merkel noch ein paar Mal auf Donald Trump oder weihte ein Gehege für Pandabären ein, deren Namen wie Uschi-Glas-Filmtitel klingen (hier im Video zu sehen). SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz war damit beschäftigt, Zehn-Punkte-Pläne, Fünf-Punkte-Pläne oder einfach nur Pläne vorzustellen. Von Merkel verlangte er zuletzt im Interview, sie müsse ehrlicher zu den Bürgern sein. "Ganz vielen Deutschen geht es überhaupt nicht gut."

Diese seltsame Mischung aus Merkel-Starre und Attacken, die sich im Nichts verlieren, ist verwirrend. Zumal die Lage Anfang des Jahres noch anders aussah. Damals schien der sogenannte "Schulz-Zug", der im Netz von einer Handvoll Fans losgeschickt wurde, keine Bremsen zu haben.

Er bremste dann doch. Zumindest aber zeigt die Extrembewegung binnen weniger Monate, dass sich Stimmungen kurzfristig wenden können. Gekämpft wird bis zuletzt, denn es geht um viel: Deutschland steht vor der ersten Bundestagswahl nach dem Brexit, nach der Wahl Trumps, nach der Ankunft Hunderttausender Flüchtlinge im Jahr 2015. Krisen um Krisen also, die die Weltlage unberechenbarer machen - dabei ist das Leben als Politiker sowieso schon ungesund, wie TV-Arzt Eckart von Hirschhausen feststellte.

Eine Auswahl der vergangenen Monate aus dem Archiv von SPIEGEL, SPIEGEL ONLINE und Bento hilft dabei, Deutschland im Wahljahr besser zu verstehen. Ein Großteil ist frei lesbar, einige Texte sind kostenpflichtig. Sie können diese Artikel ganz einfach mit dem System Laterpay aufrufen und dann später bezahlen.

Zunächst zum Offensichtlichen: Sie können dem Wahlkampf nicht entkommen. Google präsentiert Ihnen das bestmögliche Bild der Spitzenpolitiker, und bald werden die Kandidaten der Parteien auch in Ihrer Straße hängen:

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Bundestagswahl: Köpfe und Kleingedrucktes - Die Plakate der Parteien

Was die Parteien versprechen, wenn sie mehr als eine Plakatfläche zur Verfügung haben (hier geht es zum Partei-Slogan-Quiz), ist gar nicht so leicht zu erklären. Die SPD legte schon früh ein Steuerkonzept vor, das so moderat ist wie der Kandidat selbst. Die Union setzt auf den Klassiker "keine Steuererhöhungen", doch die geplanten Entlastungen bleiben begrenzt. Letztlich versprechen sie alle mehr soziale Gerechtigkeit. Warum man die aber nicht so leicht bekommt, ist einer von sieben Schwerpunkten unserer Themenwochen zur Wahl.

Mindestens einen Grundkonflikt schleppen beide Volksparteien mit sich herum: Die SPD hat immer noch an den vor 14 Jahren beschlossenen Hartz-IV-Reformen zu knabbern, die einen Teil der Basis verunsicherte. Altkanzler Gerhard Schröder sieht die Reformen im Rückblick entspannter (nachzulesen bei SPIEGEL Plus): Er habe immer gesagt, dass die Agenda 2010 "nicht die zehn Gebote sind und ich nicht Moses bin". Immerhin bekommt die SPD Unterstützung aus der Schlagerszene. Der Sänger Roland Kaiser offenbarte in diesem Interview, dass seine Mutter einst das Büro von Willy Brandt putzte.

Und die Schwesterparteien CDU/CSU kriegen es nur leidlich hin, ihre Differenzen zu überspielen. Seit Jahren knatscht es zwischen Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer, was die vielfach festgehaltenen "Seehofer-Seitenblicke" der Kanzlerin illustrieren:

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Merkel und Seehofer: Die Kunst des Seitenblicks

Von ihrem Zerwürfnis der Flüchtlingskrise soll aber im Wahljahr keine Rede mehr sein. Beide inszenieren sich wieder häufiger als Traumpaar und wollen diesen Eindruck mindestens bis zu Bundestagswahl aufrechterhalten.

Und während Merkels Partei in diesem Jahr mit Softie-Politikern Landtagswahlen gewonnen hat, sie selbst mit dem Helikopter die Ostseebäder der Republik bereiste, CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sehr häufig sehr viele Dinge forderte, die Seehofer-Partei mit einem Foto irritierte und Spekulationen über ein Guttenberg-Comeback nährt, fragt man sich, ob die Kanzlerin tatsächlich bis 2021 durchmachen kann. Und welche Chancen die SPD hat. Antworten darauf gibt der SPIEGEL-ONLINE-Podcast Stimmenfang in einer Folge aus dem Mai:

Stimmenfang #9: Macht Merkel jetzt weiter bis 2021?

Die kleinen Parteien ringen um den dritten Platz und könnten in der nächsten Regierung zum Machtfaktor werden. Ansonsten setzt man auch hier voll auf Personalisierung. Das gelingt mal mehr, mal weniger gut: FDP-Frontmann Christian Lindner versucht es mit Feinripp-Fotos und Russland-Geschmuse. Die Grünen-Spitze möchte Deutschland in eine Elektromotoren-Republik verwandeln, während ihr einziger Ministerpräsident Winfried Kretschmann den Diesel retten will. Die AfD zieht mit einer Spitzenkandidatin in den Wahlkampf, die nur oberflächlich gemäßigt rüberkommt, aber eigentlich eine Hardlinerin ist. Und von Linken-Spitzenfrau Sahra Wagenknecht erfahren wir, dass sie hundert Kilometer Rennrad fahren kann, ohne zu schwitzen.

Was alle Parteien, kleine wie große, in diesem Wahljahr gemeinsam haben, ist die Furcht vor manipulierten Nachrichten und falschen Gerüchten, die sich im Internet als vermeintliche Wahrheit verbreiten. Der SPIEGEL-ONLINE-Podcast Netzteil erklärt,ob diese Entwicklung eine Bedrohung für die Demokratie ist.

Die größte Herausforderung wird aber sein, die Bürger überhaupt zum Wählen zu kriegen. 18 Millionen Wahlberechtigte blieben bei der letzten Bundestagswahl zu Hause. Doch häufig trifft das Klischee der "Abgehängten" für Nichtwähler gar nicht zu, zeigte dieser persönliche Text zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen . "Was soll sie denn wählen?" schrieb die Autorin über ihre Mutter. Dass mehr Menschen in diesem Wahljahr darauf eine Antwort haben, dafür können nur die Parteien selbst sorgen.



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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
Marvel Master 16.08.2017
1.
Sie macht das was sie am Besten kann. Nichts. Abwarten und Tee trinken. Sie wird gewinnen. Helfershelfer sind die heutigen Medien die nichts kritisches mehr schreiben. Alle Probleme werden unter dem Mantel des Schweigens gekehrt. Mfg
_alexander_ 16.08.2017
2. Es ist einfach nur...
bedauerlich, dass in einem Land, das so viele (intelligente) Menschen hat, zwei Personen um den Posten des Bundeskanzlers "kämpfen". Zwei Personen, die im Grunde genommen so gut wie niemand will, aber man schließlich die die Qual der Wahl, sondern nur die zwei. Absurd!
jan07 16.08.2017
3. Nur ein Wunder
Die SPD hinkt meilenweit hinter der CDU her, und das nicht erst seit gestern. Ich kann mir kein Szenario vorstellen, das diesen Trend umkehrt. Natürlich kann es noch überraschende Ereignisse geben, die die gegenwärtigen Mehrheitsverhältnisse kippen. Aber alles, was ich mir so vorstellen kann, kommt ganz sicher nicht der SPD zugute. Nur ein Wunde könnte dem Genossen Trend - und damit dem Genossen Schulz helfen. Aber wie oft passieren Wunder....
From7000islands 16.08.2017
4. Journalisten lieben zu provozieren
Frau Meiritz hatte vielleicht nicht bemerkt, dass der Schulz Hype nur Chearleader in seiner eignen Partei hatte und viele Menschen schon von Anfang an Schulz zweifeln wegen seiner blassen EU Karriere, dem Scheitern seiner Flüchtlingspolitik in der EU, und seiner unaufgeklärten Finanzaffairen in der EU. Oder Annett Meiritz wollte die Reaktion der Leserschaft ergründen und schreibt absichtlich ahnungslos über Schulz. Mit stark steigendem Gehalt wollen die Bürger eine Persönlichkeit, die nicht ihresgleichen ist, sondern sich abhebt. Das Gegenteil ist Schulz. "Einen auf die Mappe bekommen"...den Fortschritt "verpennt" sind keine Ausdrücke, die man von einem Kanzler erwartet. In meiner unbedeutenden Sicht ist Herr Schulz ein primitiver Karrierist von erstaunlichem Anpassungsvermögen aber ohne innere Bildung....Kanzler ? Indiskutabel, der Nächste bitte !
micromiller 16.08.2017
5. Frau Merkel gewinnt, weil
sie die intelligentere Strategin ist. Sie muss gar nichts sagen, nur Raute zeigen, das beruhigt. Gut mit Photoshop aufbereitet sieht sie zeitlos manierlich aus, das reicht der mit gedeckelten Informatinen angereicherten, ängstlichen Mehrheit. St. Martin redet und redet, leider um den Brei herum. Er schimpft nach alter Sozialisten Manier gegen die Reichen zu denen er selber gehört und vergisst den Bürgern im Schatten klar mitzuteilen, um wieviel €€€ ihr Leben besser werden kann, wenn sie ihn den alten Beamten aus der EU wählen. Schade das die SPD keinen Mut hat, klare Ansagen zu machen und noch weniger Mut hat einen knackigen, charismatischen, unverbrauchten , jungen Politiker (vielleicht sogar gut aussehenden) Kandidaten aufzustellen.
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