Guten Morgen, Deutschland In einem Land, in dem wir gut und gerne reden

Nur Wahl, kein Kampf? Laaaangweilig! Mag sein. Aber mal ehrlich: Lamentieren ist ganz schön bequem. Und ein bisschen feige. Und ziemlich arrogant.

Blick auf die Alb in Ettlingen, Baden-Württemberg
Shutterstock / DaLiu

Blick auf die Alb in Ettlingen, Baden-Württemberg

Ein Leitartikel von


Kennen Sie auch solche Leute? Die in den vergangenen Tagen über die Wahl geredet haben, wie man sonst nur über das Wetter spricht?

"Ich habe 20 Jahre lang SPD gewählt, aber dieses Mal weiß ich es wirklich nicht."

"Ich überlege ernsthaft, die FDP zu wählen. Aus Protest."

Wenn die Liberalen als Protest gelten, was ist dann bloß aus dem Mainstream geworden? Vermutlich hätte Lindner es selbst nicht für möglich gehalten, das Zeug zum Revoluzzer zu haben. Die Wahl wird zur Füllmasse lahmender Gespräche. Nicht um intensiv zu diskutieren, sondern um sich in der scheinbaren Ausweglosigkeit zu suhlen. Alles so schlimm. Alles so vorhersehbar. Alles (und natürlich alle!) so enttäuschend.

Wir Lamentierer, so viel ist klar, wir hätten wirklich Besseres verdient.

Eine schmissige Kanzlerin, einen feurigen SPD-Kandidaten, charismatische Grüne. Debatten, klug und hitzig, intellektuell und allgemeinverständlich zugleich. Die hohe Kunst und den tiefen Sinn. Früher gab es Wehner, Strauß und Brandt, und heute müssen sich die Kandidaten im TV-Duell fragen lassen, ob sie sonntags einen Gottesdienst besucht haben.

Man möchte sich abwenden, weggucken.

Aber ehrlich, was sehen wir, wenn wir an diesem Sonntagmorgen beim Zähneputzen in den Spiegel schauen? Charisma, Feuer, Leidenschaft? Wie viel Brandt steckt in Ihnen? Auf einer Skala von eins bis zehn, wie viele Minuten am Tag verwenden Sie auf gesellschaftspolitische Visionen, auf die Digitalisierung und das Kooperationsverbot? Oder geht's nicht doch um die Hausaufgaben der Kinder, den Knatsch mit der übergriffigen Schwiegermutter, den Zoff mit den Nachbarn.

Das ist menschlich. In Wahrheit werden die Frauenmagazine, deklariert für Leserinnen ab 40, auch überwiegend von 60-Jährigen gelesen. Denn: Die 40-Jährigen lesen die Hefte für die 20-Jährigen. Wir wollen nicht sein, wer wir sind. Wir wollen sein, was wir sehen. Und da fängt es an.

Wenn wir Merkel sehen und Schulz, dann sehen wir uns selbst. Wahlkampfstrategen haben in den vergangenen Jahrzehnten viel Zeit darauf verwendet, die Kandidaten nahbar erscheinen zu lassen. Brandt ließ sich seinerzeit im Unterhemd beim Rasieren für die Frauenzeitschrift "Constanze" ablichten. Peter Altmaier erzählte kürzlich der "Bunten" in einem Interview, sein Aussehen ermögliche es ihm, Nähe zu den Bürgern herzustellen: "Die Leute haben sich an mich gewöhnt, an meine Glatze, meine Sorgenfalte und an die wuchtige Präsenz meiner Person. Vielleicht fällt es mir auch deshalb so leicht, mit Menschen aller Schichten ins Gespräch zu kommen." Jedes einzelne Pfund mehr Volksnähe. Merkel betonte im Wahlkampf 2013, ihr Mann verlange nach mehr Streuseln auf dem Kuchen.

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Vielleicht haben es die Strategen übertrieben. Schulz und Merkel sind uns schon ähnlicher, als uns lieb ist. Das ist das Dilemma der Politik: Die Kandidaten sollen sein wie wir, nur eben besser. So, wie wir gerne wären.

Wenn wir also lamentieren, dann lamentieren wir eigentlich über uns. "Sie kennen mich", sagt Merkel. Und die Deutschen glauben das. Sie fühlen das. Merkel und Helene Fischer, jeder kennt sie, man weiß wenig, aber genug, dass sie als Projektionsfläche für alles Mögliche dienen.

Genießen Sie also den letzten Tag in diesem so stabilen und langweiligen Land. Denn so, wie es heute Vormittag erscheint, so wird es nicht bleiben. Heute Abend wird alles anders sein. Vermutlich nicht besser, und das macht es so frustrierend.

Noch können wir etwas dagegen tun. Noch können wir beim Zähneputzen die Zähne fletschen.

Es hat zu wenig Wahlkampf stattgefunden? Machen Sie selbst Wahlkampf.

Kennen Sie jemanden, der die AfD wählen will, aus Protest, und nicht die FDP? Streiten Sie mit ihm.

Sie selbst wollen die AfD wählen? Wut und Angst sind zwei Seiten einer Medaille. Und mehr Wut führt selten zu weniger Angst.

Das Lamentieren, das muss man sich leisten können. Wirtschaftlich und politisch. Debatten werden nicht politisch verordnet, wir können sie einfordern.



insgesamt 109 Beiträge
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Seite 1
yorkdiehl 24.09.2017
1. Sie haben recht
Nun stellt sich noch die Frage wie wir mit dieser Erkenntnis weiter kommen,,,,
Tim P.Tou 24.09.2017
2. Dem ist nichts hinzuzufügen
Danke für einen solchen Artikel an diesem Tag.
Leser161 24.09.2017
3. Haha
Beim Zähneputzen also bzw.: Ich bin auch kein geiler Ingeneur und will trotzdem für mein Geld ein Auto das funktioniert. Das nennt sich Arbeitsteilung. Politiker ist ein gut bezahlter Job, ich erwarte also gute Politiker die Anderes tun als das Land gegen Anschlussjobs an die heilige Wirtschaft zu verkaufen (Altenpflege, Post, Bahn, Strassen etc.). Ob ich oder mein Nachbar feurige Volkstribunen sind ist dabei egal, denn es heisst Demokratie nicht Meritokratie.
spontanistin 24.09.2017
4. Wieso "Besser oder schlechter"?
Die Evolution kennt nur "mehr oder weniger gut angepasst". Die Frage ist also: passen sich jetzt die Menschen dem Ihnen von Eliten vorgegebenen System besser and oder gelingt es, das System dem sich verändernden Wünschen der Menschen anzupassen?
ayee 24.09.2017
5. Korrekte Darstellung
Besonders der Blick in den Spiegel würde vielen vielleicht mal gut tun und das Reflektieren der eigenen Handlungen(!), nicht der eigenen Worte. Das eigene Verhalten und die Entscheidungen (z.B. beim Konsum) zwischen den Urnengängen haben wesentlich mehr Einfluss, als das Kreuz auf dem Wahlzettel. Wenn wir von Politikern korrekte Entscheidungen im Sinne der Gesellschaft treffen, wer kann von sich behaupten, bei seinen Entscheidungen an das Wohl der Gesellschaft zu denken? Aber alle quatschen nur von einer besseren Welt und einer besseren Gesellschaft, anstatt auch mal das eigene Handeln entsprechend anzupassen. So viele Dinge könnten sich zum Positiven wenden, ganz ohne Politik, wenn die einzelnen nur mal etwas machen würde und nicht bestenfalls denken oder quatschen.
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