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05. September 2017, 00:46 Uhr

TV-Debatte der Kleinparteien

Angriff der Giftzwerge

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Wortgefechte, Flunschen, genervte Moderatoren: In der Fernsehdebatte der Kleinparteien kam Wahlkampfstimmung auf. Was bei einer verwirrenden Sendung gar nicht so leicht war.

Wenn sich Politiker darum streiten, wer auf jeden Fall und unbedingt noch was zur Rentenkasse sagen darf, dann hat man die Kleinparteien der Republik aufeinander losgelassen. Wer am Montagabend die ARD-Fernsehdebatte ("Der 5Kampf") mit den Spitzenkandidaten von CSU, FDP, Grünen, Linken und AfD gesehen hat, bekam den Eindruck: Hier gab es tatsächlich so etwas wie Kontroversen - ein Gefühl, das man beim Kanzlerduell am Vorabend größtenteils vermisst hatte.

Beispielhaft dafür standen Szenen wie diese:

Warum war die Sendung wichtig?

Nach Angela Merkel und Martin Schulz bekamen die SpitzenkandidatInnen der übrigen relevanten Parteien ein eigenes Forum. Denn am 24. September geht es nicht nur um das Rennen zwischen Union und SPD (und die damit verbundene Kanzlerschaft, sondern auch darum, welche Kleinparteien als mögliche Mehrheitsmacher für eine Koalition auf dem dritten Platz landen. Ausgeschlossen davon ist die AfD, mit der niemand koalieren will. Aber die Rechtspopulisten sitzen inzwischen in 13 Landtagen und könnten in den Bundestag einziehen, deshalb wurde die AfD mit eingeladen.

Bei der CSU geht es trotz Schwesterparteienschaft mit der CDU streng genommen auch um Platz drei, denn bei einem guten Abschneiden in Bayern kann sie im Bund selbstbewusster in Koalitionsgespräche gehen und mehr einfordern. Zusammen mit FDP, Grünen und Linke ist die Konkurrenz also groß wie nie. Linke, FDP, Grüne und AfD erreichen Umfragewerte zwischen 6,5 und 11 Prozent.

Wie grenzten sich die Kandidaten voneinander ab?

Die FDP betonte die Bürgerrechte: "Poller sind ein Stück weit Kapitulation, eine Symbolmaßnahme", sagte Spitzenkandidat Christian Lindner im Zusammenhang mit Fahrzeug-Terroranschlägen wie in Barcelona. Damit kritisierte er konservative Sicherheitspolitik, die aus seiner Sicht die Ursachen von Terrorismus vernachlässige.

Wagenknecht wollte vor allem die Unterschiede zur AfD deutlich machen. Beide Parteien ziehen häufig Protestwähler an, buhlen mancherorts um eine ähnliche Zielgruppe. Wagenknecht warf Weidel vor, in ihrer Partei "handfeste Halbnazis" zu beherbergen. Außerdem drängte sie auf sozialen Wohnungsbau, den Weidel eher skeptisch betrachtete.

Özdemir und Lindner gerieten beim Thema Russland aneinander: Lindner bezeichnete die Russland-Politik der vergangenen Jahre als widersprüchlich, Özdemir verteidigte den Mix der Merkel-Regierung aus Sanktionen und Diplomatie.

Özdemir wollte die CSU als Umwelt-Ignoranten brandmarken, Herrmann ließ das an sich abprallen ("Nennen Sie mir ein einziges Braunkohlekraftwerk in Bayern!").

Kurz vor dem Fünfkampf hatte das ZDF einen Dreikampf zwischen CSU, Grünen und Linken ausgestrahlt. Darin saßen Vertreter der Parteien, die aktuell im Bundestag sitzen und keinen Kanzlerkandidaten stellen. Da kofferten sich die Gäste schon nach ein paar Minuten an. Alles in allem gerieten beide Sendungen mit den kleinen Parteien interessanter und thematisch vielfältiger als das große TV-Duell.

Gab es einen Gewinner, eine Gewinnerin?

Schwer zu sagen. Die jeweiligen Anhänger dürften sich bestärkt fühlen. Es gab aber sowohl beim Dreikampf als auch beim Fünfkampf nicht den einen Überraschungssieger, der massenhaft Wechselwähler überzeugt haben dürfte.

Özdemir und Lindner waren stark, wenn es um bildhafte Sprache ging: "Mein siebenjähriger Sohn ist ungefähr auf Augenhöhe mir Auspuffrohren, der atmet diese Luft ein" (Özdemir), oder: "Die Große Koalition ist über die Rentenkasse hergefallen wie ein ausgehungertes Raubtier" (Lindner).

Hermann räumte ein, die Vorratsdatenspeicherung sei keine Anti-Terror-Garantie, auch wolle "niemand in der CSU flächendeckende Videoüberwachung wie in London". Das wirkte souveräner als pure Law-and-Order-Parolen.

Und in der Dreikampfsendung überzeugte Linken-Politiker Dietmar Bartsch mit einem simplen, aber eindrücklichen Satz: "In einem Land, in dem Menschen Flaschen sammeln, kann man nicht von fair verteiltem Reichtum sprechen."

Welche Momente amüsierten?

Als FDP und Linke beim Thema Dieselnachrüstungen einen Schulterschluss wagten ("Da stimme ich Ihnen zu, Frau Wagenknecht"), schaute Özdemir irritiert. Bei der Russland-Streitszene mit Özdemir rutschte Lindner das "Du" heraus - tatsächlich duzen sich Özdemir und Lindner seit einer Weile, aber bei TV-Runden ist das eigentlich nicht üblich. AfD-Kandidatin Weidel war beim Staubthema Niedrigzinspolitik beinahe poetisch: "Das Geld sucht sich den Weg, das ist ein ökonomisches Gesetz in der Ökonomie, es kommt immer so, wie es ist." In der Dreikampf-Sendung kramte die Grüne Katrin Göring-Eckardt einen Zettel heraus und konfrontierte CSU-Verkehrsminister Alexander Dobrindt mit einem Zitat von CSU-Kollege Markus Söder: "Grüne Motoren schaffen Arbeitsplätze". Für einen Moment war Dobrindt sprachlos.

Hat das Format funktioniert?

Stellenweise ging es so durcheinander, dass Moderatorin Sonia Mikich streng werden musste: "Kurz, bitte!" Spontane Interaktionen zwischen den Kontrahenten wurde nahezu unterbunden, was angesichts der 75 Minuten Sendezeit in der ARD verständlich war - aber auch jegliche Chance einer tieferen Debatte erstickte. Waren am Ende einfach zu viele Gäste in einem Raum? Gut möglich. Am Dienstag dürfte es noch chaotischer werden. Dann ist nämlich nach Zwei-, Drei- und Fünfkampf auch noch ein Siebenkampf geplant - mit Vertretern von "wirklich allen Parteien", die gerade im Bundestag sitzen oder wahrscheinlich reinkommen.

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