TV-Debatte der Kleinparteien Angriff der Giftzwerge

Wortgefechte, Flunschen, genervte Moderatoren: In der Fernsehdebatte der Kleinparteien kam Wahlkampfstimmung auf. Was bei einer verwirrenden Sendung gar nicht so leicht war.

AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel begrüßt Christian Lindner (FDP) - im Hintergrund Sahra Wagenknecht (Die Linke), Cem Özdemir (Grüne) und Joachim Herrmann (CSU)
DPA

AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel begrüßt Christian Lindner (FDP) - im Hintergrund Sahra Wagenknecht (Die Linke), Cem Özdemir (Grüne) und Joachim Herrmann (CSU)


Wenn sich Politiker darum streiten, wer auf jeden Fall und unbedingt noch was zur Rentenkasse sagen darf, dann hat man die Kleinparteien der Republik aufeinander losgelassen. Wer am Montagabend die ARD-Fernsehdebatte ("Der 5Kampf") mit den Spitzenkandidaten von CSU, FDP, Grünen, Linken und AfD gesehen hat, bekam den Eindruck: Hier gab es tatsächlich so etwas wie Kontroversen - ein Gefühl, das man beim Kanzlerduell am Vorabend größtenteils vermisst hatte.

Beispielhaft dafür standen Szenen wie diese:

  • Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) will in einer angeblich spontan angesetzten Jeder-fragt-jeden-Runde schlitzohrig von Cem Özdemir (Grüne) wissen, ob er besetzte Häuser räumen lassen würde. Özdemir weicht aus, hält ein Referat über unbesetzte Polizeistellen. Die Moderatoren wollen das Thema wechseln, Herrmann zetert: "Herr Özdemir, wo stehen Sie? Er hat meine Frage nicht beantwortet!" Der Rest geht im Wortgefecht unter.
  • Alice Weidel (AfD) schielt zu Sahra Wagenknecht (Linke), die mal eine Obergrenze für Flüchtlinge gefordert hatte. "Sie sind ja die einzige vernunftorientierte Person in Ihrer Partei…". Wagenknecht, frostig: "Ihr Lob können Sie sich gern schenken."

Warum war die Sendung wichtig?

Nach Angela Merkel und Martin Schulz bekamen die SpitzenkandidatInnen der übrigen relevanten Parteien ein eigenes Forum. Denn am 24. September geht es nicht nur um das Rennen zwischen Union und SPD (und die damit verbundene Kanzlerschaft, sondern auch darum, welche Kleinparteien als mögliche Mehrheitsmacher für eine Koalition auf dem dritten Platz landen. Ausgeschlossen davon ist die AfD, mit der niemand koalieren will. Aber die Rechtspopulisten sitzen inzwischen in 13 Landtagen und könnten in den Bundestag einziehen, deshalb wurde die AfD mit eingeladen.

Bei der CSU geht es trotz Schwesterparteienschaft mit der CDU streng genommen auch um Platz drei, denn bei einem guten Abschneiden in Bayern kann sie im Bund selbstbewusster in Koalitionsgespräche gehen und mehr einfordern. Zusammen mit FDP, Grünen und Linke ist die Konkurrenz also groß wie nie. Linke, FDP, Grüne und AfD erreichen Umfragewerte zwischen 6,5 und 11 Prozent.

Wie grenzten sich die Kandidaten voneinander ab?

Die FDP betonte die Bürgerrechte: "Poller sind ein Stück weit Kapitulation, eine Symbolmaßnahme", sagte Spitzenkandidat Christian Lindner im Zusammenhang mit Fahrzeug-Terroranschlägen wie in Barcelona. Damit kritisierte er konservative Sicherheitspolitik, die aus seiner Sicht die Ursachen von Terrorismus vernachlässige.

Wagenknecht wollte vor allem die Unterschiede zur AfD deutlich machen. Beide Parteien ziehen häufig Protestwähler an, buhlen mancherorts um eine ähnliche Zielgruppe. Wagenknecht warf Weidel vor, in ihrer Partei "handfeste Halbnazis" zu beherbergen. Außerdem drängte sie auf sozialen Wohnungsbau, den Weidel eher skeptisch betrachtete.

Özdemir und Lindner gerieten beim Thema Russland aneinander: Lindner bezeichnete die Russland-Politik der vergangenen Jahre als widersprüchlich, Özdemir verteidigte den Mix der Merkel-Regierung aus Sanktionen und Diplomatie.

Özdemir wollte die CSU als Umwelt-Ignoranten brandmarken, Herrmann ließ das an sich abprallen ("Nennen Sie mir ein einziges Braunkohlekraftwerk in Bayern!").

Kurz vor dem Fünfkampf hatte das ZDF einen Dreikampf zwischen CSU, Grünen und Linken ausgestrahlt. Darin saßen Vertreter der Parteien, die aktuell im Bundestag sitzen und keinen Kanzlerkandidaten stellen. Da kofferten sich die Gäste schon nach ein paar Minuten an. Alles in allem gerieten beide Sendungen mit den kleinen Parteien interessanter und thematisch vielfältiger als das große TV-Duell.

Gab es einen Gewinner, eine Gewinnerin?

Schwer zu sagen. Die jeweiligen Anhänger dürften sich bestärkt fühlen. Es gab aber sowohl beim Dreikampf als auch beim Fünfkampf nicht den einen Überraschungssieger, der massenhaft Wechselwähler überzeugt haben dürfte.

Özdemir und Lindner waren stark, wenn es um bildhafte Sprache ging: "Mein siebenjähriger Sohn ist ungefähr auf Augenhöhe mir Auspuffrohren, der atmet diese Luft ein" (Özdemir), oder: "Die Große Koalition ist über die Rentenkasse hergefallen wie ein ausgehungertes Raubtier" (Lindner).

Hermann räumte ein, die Vorratsdatenspeicherung sei keine Anti-Terror-Garantie, auch wolle "niemand in der CSU flächendeckende Videoüberwachung wie in London". Das wirkte souveräner als pure Law-and-Order-Parolen.

Und in der Dreikampfsendung überzeugte Linken-Politiker Dietmar Bartsch mit einem simplen, aber eindrücklichen Satz: "In einem Land, in dem Menschen Flaschen sammeln, kann man nicht von fair verteiltem Reichtum sprechen."

Welche Momente amüsierten?

Als FDP und Linke beim Thema Dieselnachrüstungen einen Schulterschluss wagten ("Da stimme ich Ihnen zu, Frau Wagenknecht"), schaute Özdemir irritiert. Bei der Russland-Streitszene mit Özdemir rutschte Lindner das "Du" heraus - tatsächlich duzen sich Özdemir und Lindner seit einer Weile, aber bei TV-Runden ist das eigentlich nicht üblich. AfD-Kandidatin Weidel war beim Staubthema Niedrigzinspolitik beinahe poetisch: "Das Geld sucht sich den Weg, das ist ein ökonomisches Gesetz in der Ökonomie, es kommt immer so, wie es ist." In der Dreikampf-Sendung kramte die Grüne Katrin Göring-Eckardt einen Zettel heraus und konfrontierte CSU-Verkehrsminister Alexander Dobrindt mit einem Zitat von CSU-Kollege Markus Söder: "Grüne Motoren schaffen Arbeitsplätze". Für einen Moment war Dobrindt sprachlos.

Hat das Format funktioniert?

Stellenweise ging es so durcheinander, dass Moderatorin Sonia Mikich streng werden musste: "Kurz, bitte!" Spontane Interaktionen zwischen den Kontrahenten wurde nahezu unterbunden, was angesichts der 75 Minuten Sendezeit in der ARD verständlich war - aber auch jegliche Chance einer tieferen Debatte erstickte. Waren am Ende einfach zu viele Gäste in einem Raum? Gut möglich. Am Dienstag dürfte es noch chaotischer werden. Dann ist nämlich nach Zwei-, Drei- und Fünfkampf auch noch ein Siebenkampf geplant - mit Vertretern von "wirklich allen Parteien", die gerade im Bundestag sitzen oder wahrscheinlich reinkommen.



Sie wollen die Sonntagsfrage für den Bund beantworten? Stimmen Sie hier ab:




insgesamt 97 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Paul-Merlin 05.09.2017
1. Andere Wahrnehmung ...
Das sich die AfD-Politikerin Weidel selbst zerlegt haben soll war wohl Wunsch der SPON-Kommentatoren. Tatsächlich hat Weidel mit ihren Beiträgen Sachkunde und Weitsicht gezeigt. Ihrem Hinweis, dass mit der AfD in Kürze die einzig echte Opposition im Bundestag einziehen wird ist voll zuzustimmen.
thequickeningishappening 05.09.2017
2. Die sogenannten "Kleinparteien"
bringen es zusammen immerhin auf 40%! Von Diesen haben mindestens Drei (AfD, FDP, Die Linke) Das Potential, Zweistellig zu werden waehrend bei der SPD die reale Moeglichkeit < 20% besteht! Wo sind die großen Wahlkampfrunden (Strauß/Wehner/Geißler/ Lambsdorff/Schily) wie es Sie früher einmal gab?
Teddi 05.09.2017
3. Wenn zwei sich streiten
Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Darauf läuft es doch hinaus mit all den Kritikern, die solche Streitereien toll finden. Man möchte zusehen, wie sich die Leute so richtig bösartig zoffen, erst dann macht es richtig Spaß. Die das wollen, sind nach meiner Meinung doch nur Leute mit der Mentalität derer, die sich die schlecht gespielten, lauten Streitereien gern anschauen, die man in den langweiligen, sogenannten Dramen des sogenannten wahren Lebens auf RTL, Vox, usw. anbietet. Wenn solch ein lautes Drama in Politik vorkommt, sind Inhalte und Vorschläge nur noch Nebensache, denn erst die feindliche Anmache scheint zu vermitteln, dass sich was bewegt. Tut es aber nicht. Und größere Klarheit gibt es dadurch auch nicht. Wir wussten auch vor diesen, medienmäßig genannten Schlagabtausch (schon die Bezeichnung ist eklig), wo diese Individuen mit ihrer Einstellung in ihren jeweiligen Parteien zuhause sind. Daher ist mir ein ruhiger, intelligenter Austausch, bei dem man sich nicht in Missachtung dauernd ins Wort fällt, weit lieber. Eben wie es bei Merkel/Schulz geschah. Denn von den beiden habe ich mehr info mitgenommen als von den letzten Fünfen, auch wenn es bei M/Sch nicht viel Neues war und wenn auch einige Themen fehlten. Ich würde mir mehr von dem spontanen Frage-Antwort-Spiel wünschen, das man sich dieses Mal ausgedacht hatte. Aber dann sollte das Mikrofon des Fragenden gleich nach der Frage kurzzeitig abgestellt werden. Damit man die Antwort auch klar und ohne Zwischenrufe hören und verstehen kann. Es braucht allerdings auch gewieftere Moderatoren, die gut leiten können, wie ich meine, Moderatoren, die aber auch selber darauf verzichten jemanden ins Wort zu fallen. So etwas nervt mich immer, egal wann und wo es geschieht. Vielleicht liest dies ja einer von ihnen und versucht mal was Neues.
fly8 05.09.2017
4. Die Akademisierung der AfD
Das, was u.a. hängen blieb ist, dass Frau Weidel darlegte, die AfD habe die höchste "Akademisierungsquote" auf der Liste. Das passt ja wirklich wunderbar zu einem Grossteil ihres Wählerpotentials, die sich als die Abgehängten unserer Gesellschaft verstehen.
steveleader 05.09.2017
5. Ich fürchte...
wir werden bei der Bundestagswahl eine Überraschung erleben. Die AfD und seine im Netz sehr lauten Anhänger setzen in Deutschland bereits die Themen. Die demokratischen Parteien kommen mir dabei vor wie ein Wal an Land. Ich hoffe nur inständig das die Wahlbeteiligung hoch sein wird und der Wähler sich besinnt wer die Grundlagen gelegt hat das Deutschland nach dem Krieg ein so großartiges Land geworden ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.