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20. September 2017, 20:03 Uhr

Umfragen

Unentschiedene, Taktierer, Heimlichtuer - so beeinflussen sie die Wahl

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Geht es nach Umfragen, scheint die Bundestagswahl gelaufen zu sein. Aber stimmt das wirklich? Wie mächtig ist die Masse der Unentschlossenen? Und was ist mit taktischen Wählern? Die fünf wichtigsten Fragen und Antworten.

Ständig neue Zahlen, für die eine Partei einen Prozentpunkt mehr, für die andere einen weniger: Jede Umfrage wird kurz vor der Bundestagswahl aufmerksam beäugt.

Medien bilden auch kleine Veränderungen ab - die Daten der Meinungsforscher können dabei helfen, die politische Stimmungslage zu erfassen. SPIEGEL ONLINE zum Beispiel erhebt in Kooperation mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey einen eigenen repräsentativen Wahltrend. (Mehr zum Umgang von SPIEGEL ONLINE mit Umfragen finden Sie hier.)

Zugleich gibt es Kritik an Umfragen: Demoskopen hätten zu viel Macht. Die Zahlen in Dauerschleife schadeten der Demokratie, weil es nicht mehr um Inhalte gehe. Die Umfragen beeinflussten die Wahlentscheidung - und das, obwohl sie nur bedingt zuverlässig seien.

Klar ist: Es gibt kurz vor den Wahlen mehrere Faktoren oder Gruppen, die die Umfragen bisher gar nicht oder nur bedingt abbilden (können).

"Wenn 50 Prozent der Wähler sich noch nicht entschieden haben, dann ist alles möglich", verkündete jüngst SPD-Kanzlerkandidat Schulz in einem Interview und bezog sich damit auf neuere Umfragen.

Meinungsforscher warnen jedoch, diese Gruppe, die je nach Umfrage gut eine Woche vor den Wahlen zwischen rund 40 und 46 Prozent schwankte, als freie Verfügungsmasse für die Parteien zu sehen. Nach dem Motto: Potenziell sind sie für alle noch zu kriegen.

Es sei falsch, zu suggerieren, diese Menschen wüssten noch überhaupt nicht, wo sie ihr Kreuz machen. "Es sind Wähler, die nicht ganz sicher bezüglich ihrer Entscheidung sind", sagt Matthias Jung von Forschungsgruppe Wahlen. "Wir fragen die Leute erst nach ihrer Wahlbeteiligung und Wahlabsicht. Dann sagen sie etwas und dann fragen wir nach, ob es möglich wäre, dass sich diese Antwort bis zu den Wahlen noch ändere. Das bejahen rund 39 Prozent. Und bei dieser Zahl sind sicher auch welche, die nicht wählen gehen wollen und sich wegen sozialer Unerwünschtheit hinter einem 'Ich weiß nicht' verstecken" - also nicht zugeben wollen, dass sie der Wahl fernbleiben.

Es stimme zudem nicht, dass die Gruppe der Wähler, die noch nicht ganz fest in ihrer Entscheidung ist, größer sei als früher. 2013 habe es eine Woche vor der Wahl exakt genauso ausgesehen, so Jung.

Demoskop Jung: "Unionswähler sind traditionell am wenigsten verunsichert, es gibt hier die härtesten Strukturen. Der Anteil derer, die sich vorstellen können, nur eine Partei zu wählen, ist hier am größten."

Allerdings hat eine Umfrage von Forsa bei Wählern, die ihre Entscheidung zwischen Anfang und Ende August getroffen haben, keine wesentlichen Unterschiede ergeben. "Diese Menschen verteilten sich relativ ähnlich auf die Parteien wie jene, die Anfang August schon sicher waren", so Peter Matuschek von Forsa.

In den vergangenen beiden Wochen und Tagen verzeichnen die meisten Umfrageinstitute eher einen Zuwachs für FDP, Linke und AfD, eher eine Abnahme bei Grünen, Union und SPD. "Das deutet darauf hin, dass Parteien, die die Wähler als inhaltliche Gegner der aktuellen Regierungspolitik wahrnehmen, bei den unsicheren Wählern profitieren können", so Torsten Schneider-Haase von Emnid. Auch wenn die Grünen nicht regierten, würden sie inhaltlich doch eher als regierungsnah wahrgenommen.

Auch die Umfrageinstitute selbst erklären, ihre Daten zu aktuellen Wahlneigungen seien für den Ausgang der Wahlen nur bedingt aussagekräftig - der Meinungsbildungsprozess sei erst am Wahltag abgeschlossen.

Dass aber etwa noch zu verhindern sei, dass die AfD in den Bundestag kommt, halten Wahlforscher für Wunschdenken.

"Es geht eher um Feinjustierung in den einzelnen Lagern", sagt Matuschek von Forsa. Es sei weder zu erwarten, dass sich auf den letzten Metern noch überproportional viele Menschen entschließen, die AfD zu wählen, noch, ihr entgegen früherer Absichten doch nicht ihre Stimme zu geben.

"Die Anhänger der AfD sind seit Langem mobilisiert", so Matuschek. "Was die AfD zusätzlich stabilisiert, ist, wenn wieder verstärkt über ihr Lieblingsthema Flüchtlinge gesprochen wird und ihre Kandidaten mit ihren kalkulierten Provokationen - wie etwa den Äußerungen von Gauland - in den Medien breiten Raum eingeräumt bekommen."

So sieht es auch Forscher Jung: "Die harte Kritik der etablierten Parteien an der AfD führt eher zu einem Zusammenschweißen, mit dem Ergebnis, dass man dann eine gefestigte Mehrheit gegen eine gefestigte Minderheit hat." Überhaupt funktioniere es nicht, Leute kurzfristig von Parteien abzuziehen.

"Wie stark die AfD am Ende wird, hängt auch damit zusammen, wie stark die etablierten Parteien ihre Anhänger am Ende mobilisieren. Ein Beispiel: Bei den Europawahlen hat die AfD genauso viele Stimmen bekommen wie bei der letzten Bundestagswahl, aber ihr Ergebnis war viel besser, weil deutlich weniger Menschen wählen gegangen sind", so Matuschek.

Ein besonderes Risiko könnte es für die Unionsparteien geben. Weil ihr Vorsprung so groß erscheint, wäre möglich, dass mehr Wähler von CDU und CSU als von anderen Partei zu Hause bleiben - in dem Glauben, die Wahl sei eh zu ihren Gunsten entschieden.

Grundsätzlich spricht einiges dafür, dass immer mehr Menschen bereit sind, taktisch zu wählen - also für eine andere als ihre bevorzugte Partei zu stimmen, um eine bestimmte Koalition zu erreichen: Die Bindungen an Parteien sind in den vergangenen Jahren schwächer geworden.

Im Vergleich zu 2013 liege die Gruppe, die sich nur die Wahl einer Partei vorstellen kann, aber unverändert bei rund 30 Prozent, so Jung von Forschungsgruppe Wahlen. "In früheren Umfragen sagten 14 Prozent der Teilnehmer, dass sie schon einmal aus taktischen Gründen ihre Wahlentscheidung geändert haben. 83 Prozent gaben an, das noch nicht gemacht zu haben", so Paul Zernitz vom Umfrageinstitut Civey.

Bei der diesjährigen Bundestagswahl allerdings ist die Stimmabgabe aus Kalkül für eine bestimmte Wunschkoalition schwierig. Keine der Parteien hat sich in Bezug auf künftige Partner festgelegt - mit der Ausnahme, dass CDU, CSU, SPD, FDP, Grüne und Linke ausschließen, mit der AfD zusammenzuarbeiten, Union und FDP jeweils nicht mit den Linken koalieren würden. Derzeit erscheint nur eine Mehrheit für die Große Koalition oder ein Jamaika-Bündnis wahrscheinlich.

Für Demoskopen ist die AfD besonders schwer zu fassen - es fehlen unter anderem Erfahrungswerte bei Bundestagswahlen. Sind die Umfragewerte für die AfD zu niedrig, weil viele AfD-Anhänger entweder nicht an Befragungen teilnehmen oder ihre Wahlentscheidung verschweigen?

Paul Zernitz von Civey, das Daten ausschließlich digital erhebt, sagt: "Wir brauchen nicht aktiv nach AfD-Wählern zu suchen. Wir haben eher das umgekehrte Phänomen, dass sich AfD-Anhänger intensiv an Umfragen beteiligen und ihre Meinung kundtun."

Für andere Institute, die Wähler vor allem per Telefon befragen, mag anderes gelten - aber Wahlforscher kalkulieren bereits jetzt mit einer gewissen Dunkelziffer für die AfD. Offenbar aus gutem Grund: Bei den Landtagswahlen 2017 waren die Umfragen in Bezug auf die AfD näher am tatsächlichen Ergebnis als im Jahr 2016.

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