Wahlkreis in der Pfalz Wo die jungen Wilden kandidieren

Das Wahlvolk wird immer älter. Und die Kandidaten? In einem pfälzischen Wahlkreis sind sämtliche Bewerber 30 Jahre und jünger - nur der AfD-Kandidat fällt aus der Reihe.

imago/ SPD/ Die Linke RLP/ Grüne Jugend RLP

Von Stephan Alfter, Speyer


Der AfD-Kandidat vermasselt den Schnitt. 68 Jahre alt ist Wolfgang Kräher, und damit sieht er ziemlich alt aus. Denn die Konkurrenz, zumindest aus jenen Parteien, die wohl in den Bundestag einziehen werden, ist jung. Wenn Kräher nicht wäre, so hat es der Bundeswahlleiter errechnet, dann wäre der pfälzische Wahlkreis Neustadt-Speyer mit der Nummer 208 der mit den jüngsten Direktkandidaten bundesweit.

  • CDU-Mann Johannes Steiniger ist 30, er gehört bereits seit 2013 dem Parlament an, seinerzeit zog er über die Landesliste ein.
  • SPD-Kandidatin Isabel Mackensen ist ebenfalls 30 Jahre alt.
  • Grünen-Politikerin Misbah Khan ist 27.
  • Die FDP schickt den 23-jährigen Markus Dürr ins Rennen.
  • Für Die Linke kandidiert Max Keck, er ist erst 20.

Die junge Generation zwischen Rhein und Deutscher Weinstraße buhlt um ein Wahlvolk, das immer älter wird. Die Tabellen des Bundeswahlleiters zeigen: Gut ein Drittel der Wahlberechtigten ist 60 Jahre und älter. Die Generation unter 30 stellt nur noch gut 15 Prozent. Dazu kommt, dass die Generation der 21- bis 25-Jährigen weniger oft zur Wahlurne geht.

Auch der Wahlkreis 208 ist heute schon ziemlich vergreist. Ende 60, früher bei BASF, so sieht der prototypische Wähler aus, der hier anzutreffen ist. Er hat nun die Wahl zwischen Kandidaten, die fast allesamt rund vier Jahrzehnte jünger sind als er selbst. Kann er sich noch vertreten fühlen?

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble warnte schon 2013 vor einem zu ausgeprägten Trend zu Verjüngung in der Politik. "Man braucht auch erfahrene Seeleute, besonders wenn die See stürmisch wird", sagte er damals. Alle Altersgruppen müssten im Bundestag vertreten sein, mahnte Schäuble, "natürlich die Jüngeren, aber auch die Senioren". Das Durchschnittsalter der Abgeordneten in dieser Legislaturperiode betrug 49,7 Jahre. Schäuble wird in Kürze 75.

Natürlich fehlt den jungen Kandidaten politische Erfahrung. Auch kann niemand in ihrem Alter auf eine langjährige Verwurzelung in der Partei verweisen - nur die Grüne Misbah Khan stand schon mal einem Kreisverband vor. SPD-Kandidatin Mackensen widerspricht CDU-Dino Schäuble dennoch: "Junge Menschen sind in den Parlamenten total unterrepräsentiert." FDP-Kollege Dürr sagt: "Ich betreibe keine Klientelpolitik, sondern vertrete sämtliche Bürger."

Schauen die Bewerber aus strategischen Gründen auf die Interessen der älteren Wähler, um ihre Stimmen zu bekommen? Tatsächlich setzen sie eher andere Schwerpunkte: "Uns jungen Kandidaten sind etwa Bildung, Digitalisierung und Familienpolitik sehr wichtig", sagt der neue CDU-Direktbewerber Steiniger. "Wir haben einen starken Fokus auf die Zukunftsthemen."

Steiniger, der auch Chef der Jungen Union in Rheinland-Pfalz ist, nutzt ausgiebig Facebook, Instagram und Snapchat, um sich bekannter zu machen und seine Wahlkampfveranstaltungen zu promoten. Sein christdemokratischer Vorgänger Norbert Schindler hingegen warb immer damit, dass seine Privatnummer im Telefonbuch stehe und man ihn auf jedem Dorffest treffen könne. Er weigerte sich zeitweise beharrlich, auf Anfragen zu antworten, die ihn über das Onlineportal Abgeordnetenwatch.de erreichten. Schindler sitzt seit 1994 im Bundestag, nun hört er auf, mit 67.

Ist für ihn auch die Digitalisierung der politischen Arbeit ein Grund, nicht noch einmal anzutreten? Die sozialen Netzwerke gehören bisher nicht zu seiner Lebenswelt. "Nichts geht über direkten persönlichen Kontakt", sagt der CDU-Politiker. Statt auf Computer setzt er noch immer auf dicke Aktenordner. Die Politik und damit auch die neue Generation von Abgeordneten habe in den vergangenen Jahren oft nicht mehr den Mut gehabt, gegen Momentstimmungen aus den sozialen Netzwerken zu bestehen, kritisiert Schindler.

Ihn stört, dass viele jüngere Politiker "das Smartphone inzwischen um den Hals hängen haben". Manchem Älteren sei es vielleicht auch unangenehm, mit sozialen Netzwerken umzugehen. "Aber deswegen scheidet niemand aus der Politik aus", glaubt der Christdemokrat.

Misbah Khan, die Grünen-Kandidatin, ist 40 Jahre jünger als Schindler. Sie ist überzeugt, "dass es gar nicht wichtig ist, wie alt jemand ist, der sich für unsere Gesellschaft einsetzen möchte". Eine absolute Repräsentativität sei ohnehin nicht möglich, sagt sie. Und der scheidende CDU-Mann Schindler erinnert sich, dass schon mit dem Wahlsieg Gerhard Schröders 1998 viele junge SPD-Leute ins Parlament gekommen seien.

Wolfgang Schäuble war übrigens gerade 30, als er in den Bundestag einzog, damals noch in Bonn. Ans Aufhören denkt er nicht.



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the_tetrarch 16.09.2017
1. Jeder Ältere war mal jung...
...und viele jenseits der Vierzig können rückblickend fast nur noch den Kopf schütteln über die törichten Flausen, die man zwischen 20 und 30 noch hatte. Ich fände es nicht gut, wenn der "Jugendwahn" auch noch im wichtigsten Parlament um sich greift. Die jungen Leute mögen zunächst einen Cursus Honorum durchlaufen. Die dicken Bretter der Kommunal- und Landespolitik bohren. Merken, dass Voluntarismus meist gegen die nächste Wand führt. Jugend an sich ist kein Verdienst, sondern oft genug ein Manko an Erfahrung und einer gewissen Abgeklärtheit. Wenn sich jemand schon in ganz jungen Jahren auf Kommunal- und Landesebene die Hörner abgestoßen hat, kann sie oder er auch mit Dreißig in den Bundestag, warum nicht. Aber direkt nach der Schule/Uni? Bitte nicht.
dennis_berber 17.09.2017
2. Und trotzdem sind es Parteisoldaten
Die haben allesamt langjährige Tätigkeiten in der Partei und deren Jugendorganisation vorzuweisen und haben sich entsprechend hochgedient. Das sind keine Quereinsteiger mit revolutionären Ideen, die sind so tief im Parteiapparat verwebt, dass von denen keine kritische Haltung zu erwarten ist. Die Parteien sortieren schom im Vorhinein aus, wer Probleme machen könnte. www.finwir.de/politik/wer-wird-im-deutschen-bundestag-wirklich-repraesentiert/
skeptikerin007 17.09.2017
3. Ich bin auch über 40...
.....und ich sehe nicht ein, warum junge Leute wählen soll, die kaum gearbeitet hatten, keine Ahnung von Sorgen und Nöten von uns haben. Die Berufspolitiker sind eine Plage für die Gesellschaft. Nicht nur für den Kanzler sondern auch für die Abgeordnete sollte gelten, zwei Wahlperioden sind genug. Was die freigestellten Berufspolitiker/innen danach machen, wäre auch interessant zu erfahren
epiktet2000 17.09.2017
4. Nicht verwunderlich
Bei dem Kriegsgeschrei gegen Russland in SPON wird schon deutlich, dass die Erinnerung an den Kalten Krieg und die Entspannungspolitik getilgt werden soll. Junge Menschen, die keinen Lärm bei Tieffliegerübungen durch US-Streitkräfte und Bundeswehr erdulden mussten, die nicht erlebten, wie die Einheit Deutschlands zustande kam und wie russische Truppen friedlich aus Deutschland abzogen, dem kann man dann leicht den Bären von der russischen Aggressivität aufbinden.
hotgorn 17.09.2017
5.
Zitat von epiktet2000Bei dem Kriegsgeschrei gegen Russland in SPON wird schon deutlich, dass die Erinnerung an den Kalten Krieg und die Entspannungspolitik getilgt werden soll. Junge Menschen, die keinen Lärm bei Tieffliegerübungen durch US-Streitkräfte und Bundeswehr erdulden mussten, die nicht erlebten, wie die Einheit Deutschlands zustande kam und wie russische Truppen friedlich aus Deutschland abzogen, dem kann man dann leicht den Bären von der russischen Aggressivität aufbinden.
Dafür erlebt die Jugend wie Putin dem russischen Bären immer neues Territorium ans Fell heftet, Krim; Ostukraine. Gab es in der DeeDee Rää keine Luftwaffenübungen?
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