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25. September 2017, 12:50 Uhr

Mehrheiten im Land

Jamaika ist eine (westdeutsche) Insel

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So haben Sie das Wahlergebnis noch nicht gesehen: Sechs Deutschland-Karten zeigen, welche Koalition wo eine Mehrheit hat.

Die Wähler haben Angela Merkel nicht viel Auswahl gelassen. Nur eine Große Koalition und ein Jamaika-Bündnis haben im neuen Bundestag eine Mehrheit. Weil die SPD in die Opposition möchte, werden wohl zunächst Union, FDP und Grüne über eine mögliche Regierung verhandeln.

Doch ein Blick in die Wahlkreise zeigt: Ein solches Jamaika-Bündnis kann sich keineswegs im ganzen Land auf eine Mehrheit stützen. SPIEGEL ONLINE hat für alle 299 Wahlkreise ausgewertet, welche Koalition wo die Mehrheit der Zweitstimmen bekommen hat (Mehr zur Methodik finden Sie am Ende des Textes). Diese "Koalitionsinseln" sind manchmal riesige Landmassen und manchmal nur winzige Flecken. Vor allem aber ermöglichen die sechs Karten einen neuen Blick auf das Wahlergebnis.

1. Die Jamaika-Republik

Union, FDP und Grüne kommen bundesweit auf 52,5 Prozent der Stimmen. Eine Mehrheit hat das Bündnis jedoch fast ausschließlich in Westdeutschland. In dieser "Jamaika-Republik" leben rund 56,2 Millionen der 82,2 Millionen Menschen in Deutschland.

In Ostdeutschland, aber auch im Nordosten Bayerns, in Teilen Hessens und NRWs hat das Bündnis keine Mehrheit. Die Jamaika-Republik verdient mit rund 22.100 Euro netto pro Kopf mehr als der gesamtdeutsche Durchschnitt (21.100 Euro) und ist auch christlicher als der Rest des Landes.

2. Die GroKo-Republik

Für die Große Koalition reicht es immer, das ist eine Grundregel bei Wahlen. Doch auch das stimmt nicht überall. Zwar hat das GroKo-Land mit 65,9 Millionen Menschen die meisten Einwohner aller Koalitionsinseln. Aber ausgerechnet im Wahlkreis von Kanzlerin Angela Merkel - der personifizierten Großen Koalition - reicht es für dieses Bündnis nicht. Auch in Sachsen, Brandenburg und Thüringen schaffen Union und SPD vielerorts keine Mehrheit; genauso wie in Stuttgart, wo die Grünen seit Jahren Volkspartei sind.

3. Die schwarz-gelbe Republik

Durch das schlechte Abschneiden von CDU und CSU reicht es bundesweit nicht für eine schwarz-gelbe Koalition. Die entsprechende Koalitionsinsel ist denn auch eher eine Inselgruppe - mit vielen weißen Flächen. Schwarz-Gelb kommt vor allem in ländlichen Regionen in Westdeutschland auf eine Mehrheit. Die 27 Millionen Einwohner der schwarz-gelben Republik sind zu 75 Prozent christlich - und verdienen mit mehr als 22.400 Euro netto pro Kopf mehr als in jedem anderen Koalitionsland.

4. Die schwarze Republik

Die Union hat in diesem Jahr das schlechteste Ergebnis seit 1949 eingefahren. Könnte die Partei trotzdem irgendwo alleine regieren? Ja. Allerdings besteht die schwarze Republik nur aus vier kleinen Inseln: zwei im Norden und zwei in Bayern. Die Unions-Hochburgen sind auch Bastionen der christlichen Kirchen. 84 Prozent der Einwohner sind Christen; das sind 25 Prozentpunkte mehr als in Deutschland im Schnitt.

5. Die rot-rot-grüne Republik

Rot-Rot-Grün ist das Schreckgespenst für konservative Wähler. Keine Koalition lehnen Anhänger von Union und FDP so vehement ab wie die aus SPD, Linke und Grüne, zeigen Umfragen. Kein Wunder also, dass die rot-rot-grüne Republik aus Stadtinseln besteht. Im ländlichen Raum hat Rot-Rot-Grün keine Chance.

In der rot-rot-grünen Republik wohnen mit 7,8 Millionen Menschen die wenigsten aller Koalitionen. Und auch sonst ist das Land wenig durchschnittlich: Die Arbeitslosigkeit ist mit neun Prozent vergleichsweise hoch, der Christen-Anteil mit 47 Prozent gering und das Netto-Einkommen liegt mit 19.700 Euro ebenfalls deutlich unter dem bundesdeutschen Schnitt.

6. Die Ampel-Republik

Für Rot-Grün reicht es in diesem Jahr in keinem einzigen Wahlkreis für eine Mehrheit. Zusammen mit der FDP schaffen SPD und Grüne jedoch in mehreren Städten die 50-Prozent-Hürde. Dieses Ampel-Land hat viele kleine Inseln, unter anderem reicht es im Münchener Norden und in den städtischen Regionen Nordrhein-Westfalens für eine Mehrheit.

Ein Blick in die Länder

Zwei Bundesländer stehen bei dieser Bundestagswahl besonders unter Beobachtung: Niedersachsen und Bayern. In beiden Ländern wird bald ein neuer Landtag gewählt. Das Abschneiden der Parteien bei der bundesweiten Wahl gibt einen Ausblick auf das, was kommen könnte - und das sieht für die regierenden Parteien nicht gut aus.

In Niedersachsen hat Rot-Grün keine Mehrheit; in dem Land kommen nur SPD und CDU sowie CDU, Grüne und FDP auf mehr als 50 Prozent der Stimmen. In Bayern wäre die CSU mit dem Ergebnis der Bundestagswahl ebenfalls auf einen Koalitionspartner angewiesen. Neben der Großen Koalition wären auch Schwarz-Gelb und Schwarz-Grün möglich. Ganz anders sah das noch 2013 aus: Damals schaffte die CSU noch alleine die 50-Prozent-Marke.

Inspiration: The Two Americas of 2016 von Tim Wallace

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