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Potenzielle Kanzlerkandidaten Ältere Männer mit S

Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
Es ist toll, dass sich alle potenziellen Kandidaten selbst für kanzlertauglich halten. Jetzt bräuchten sie nur noch eine Idee für Deutschland.
aus DER SPIEGEL 53/2020
Karriereziel Kanzleramt

Karriereziel Kanzleramt

Foto: Christophe Gateau/ DPA

Die Bundesrepublik Deutschland startet unter optimalen Voraussetzungen ins Superwahljahr 2021: Sämtliche potenziellen Kanzlerkandidaten trauen sich die Kanzlerschaft tatsächlich selbst zu. Besser geht es gar nicht. Friedrich Merz hält sich Gerüchten zufolge bereits seit Kindesalter für kanzlertauglich. Man kann sich gut vorstellen, wie der sechsjährige Fritz am Weltspartag vom Sparkassenleiter persönlich einen blauen Luftballon für stolze 38 D-Mark im Sparschwein überreicht bekam. Aber das nur am Rande. Nach unzähligen Männern erklärte nun auch die Grüne Annalena Baerbock als erste Frau im aktuellen Rennen, dass sie sich dem mächtigsten Amt gewachsen fühle. Von Angela Merkel weiß man das bereits, aber die möchte ja nicht mehr mitmachen. Wäre das anders, hätte man sich den Wahlkampf, wie die letzten drei Male, schenken können.

Um nicht Gefahr zu laufen, dass sich ihr Ruf als Partei starker Frauen verfestigt, hat sich die Union nun ihrer Wurzeln besonnen und früh sichergestellt, dass diesmal nur männliche Kandidaten infrage kommen. Die Sozialdemokratie war früher als andere Parteien überzeugt, dass Frauen als Wählerinnen keinen größeren Schaden anrichten können. In der Frage, ob man ihnen auch die Führung eines ganzen Landes überlassen sollte, sind die Genossen aber bis heute unsicher. Also setzen sie nach den Kandidaten Steinmeier, Steinbrück und Schulz auch im kommenden Jahr auf die bewährte Formel: Älterer Mann mit S am Anfang. Bislang hat das zuverlässig nicht funktioniert.

Alle potenziellen Kanzlerkandidaten haben zuletzt ihr Potenzial unter Beweis gestellt. Armin Laschet ist es gelungen, sein Bundesland vergleichsweise glimpflich durch die Pandemie zu führen, obwohl er bei öffentlichen Auftritten oft alles gab, einen möglichst überforderten Eindruck zu hinterlassen. Bei Markus Söder war es umgekehrt. Auch das muss man erst mal schaffen. Olaf Scholz muss man zugutehalten, dass er aus dem unglücklichen Abschneiden seines Vorgängers Martin Schulz die richtigen Schlüsse gezogen  hat. Ein Hype um seine Person konnte bislang erfolgreich unterdrückt – und ein Anstieg der Umfragewerte für die SPD konsequent verhindert werden. Annalena Baerbock und Robert Habeck machen sowieso alles richtig. Solange sich alle fragen, wer von ihnen es macht, fällt weniger auf, wie sie Positionen entsorgen, um rundum anschlussfähig zu sein.

Ob jemand wirklich kanzlerinnentauglich ist, lässt sich im Vorfeld nie sicher sagen.

Ob jemand wirklich kanzlerinnentauglich ist, lässt sich im Vorfeld leider nie mit Sicherheit sagen. Angela Merkel zum Beispiel wurde vor ihrem Einzug ins Amt in der CSU als »Zonenwachtel« verhöhnt. Kaum jemand glaubte dereinst, dass sie eine souveräne Kanzlerin abgeben würde. Eine ähnliche Entwicklung, da bin ich mir sicher, kann jeder der oben Erwähnten hinlegen. Das sind gute Aussichten.

Was jetzt allerdings noch schön wäre: ein paar Inhalte vielleicht. Ein echtes gesellschaftliches Anliegen. Eine Idee davon, wie unser Land, unsere Gesellschaft in fünf oder zehn Jahren aussehen sollte. Gern unterschiedliche. Dann wäre Deutschland wirklich optimal für dieses Wahljahr aufgestellt.

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