Wählerwanderung bei der Bundestagswahl An wen die Union besonders viele Stimmen verlor

Mehr als fünf Millionen Stimmen hat die Union bei ihrer historischen Niederlage verloren – doch an wen? Und wen konnten Olaf Scholz und die SPD überzeugen? Die Wählerströme im Detail.

Eine historische Niederlage – anders lässt sich das Ergebnis der Bundestagswahl für die Unionsparteien nicht beschreiben. Nie zuvor hatten weniger als 30 Prozent der Wählerinnen und Wähler für CDU und CSU gestimmt, und laut vorläufigem amtlichen Endergebnis waren es sogar deutlich weniger: 24,1 Prozent.

Verloren hat die Union die Wahl in der politischen Mitte. Und gleichzeitig hat sich diese politische Mitte nach links verschoben. Das geht aus der Analyse zur Wählerwanderung von Infratest dimap hervor.

Das Wahlforschungsinstitut berechnet sie auf Grundlage eigener Befragungen, des vorläufigen Endergebnisses sowie weiterer amtlicher Statistiken. Die Werte sind eine grobe Schätzung dafür, wie viele Wählerinnen und Wähler eine Partei im Vergleich zur vorherigen Wahl halten konnte und wie viele zu und von anderen Parteien ab- oder zugewandert sind.

Quelle: Infratest dimap für die ARD (Schätzung auf Basis von Vor- und Nachwahlbefragungen, Wahl- und Bevölkerungsstatistiken)

Der Vergleich zur Bundestagswahl 2017 zeigt das Ausmaß der Niederlage für die Union: Von den 15,3 Millionen Wählerinnen und Wählern, die damals für die Schwesterparteien hinter Kanzlerin Angela Merkel stimmten, votierten diesmal mit 7,8 Millionen nur etwas mehr als die Hälfte erneut für CDU oder CSU mit ihrem Kandidaten Armin Laschet. Unter dem Strich verlor die Union rund drei Millionen ihrer Wähler an SPD, Grüne und FDP.

Massive Unionsverluste an die SPD

Dabei fällt auf, dass gerade die Wählerwanderung zu SPD und Grünen fast nur in eine Richtung verlief. Knapp zwei Millionen Menschen, die früher für die Union gestimmt hatten, wählten nun die SPD, umgekehrt war es nur in 460.000 Fällen so. Den gut eine Million Stimmenverlusten der Union in Richtung der Grünen stehen lediglich 130.000 Gewinne gegenüber.

Deutlich größer waren die Bewegungen zwischen Union und FDP: Zwar verloren CDU und CSU mit 1,3 Millionen mehr Wählerinnen und Wähler an die FDP als an die Grünen – aber sie gewannen auch 830.000 aus dem Lager der FDP. Diese hohe Fluktuation zwischen Konservativen und Liberalen könnte ein Zeichen dafür sein, dass viele Anhängerinnen und Anhänger dieser Parteien taktisch gewählt haben. Unter dem Strich konnte die Union nur von den politischen Rändern Stimmen für sich gewinnen – 80.000 von der AfD, 20.000 von der Linken.

Die SPD hingegen konnte unter dem Strich von allen anderen großen Parteien Stimmen gewinnen – mit Ausnahme der Grünen, an die sie netto eine Viertelmillion Stimmen verloren. Besonders stark waren die Zugewinne von Union (1,5 Millionen) und der Linken (640.000). Aus dem Lager der Nichtwähler gewann die SPD gut eine halbe Million Stimmen. Der demografische Faktor hat den Sozialdemokraten eher geschadet: 690.000 ihrer Wählerinnen und Wähler aus dem Jahr 2017 sind inzwischen verstorben, nur 310.000 Erstwähler gaben ihre Stimme den Sozialdemokraten.

Die Linke verliert an alle

Gemischt sieht das Bild bei der FDP aus. Sie verliert netto Stimmen an SPD (180.000) und Grüne (240.000), gewinnt aber von Union (490.000), AfD (210.000) und der Linken (110.000). Insgesamt fallen die Netto-Wanderungen von und zur FDP aber vergleichsweise klein aus.

Aus allen Personengruppen und politischen Lagern konnten die Grünen als einzige Partei Stimmen gewinnen: unter dem Strich knapp eine Million von der Union, eine halbe Million von der Linken, je eine Viertelmillion von FDP und SPD, sogar 60.000 von der AfD. Auch von Personen, die 2017 nicht zur Wahl gingen, wechselten 300.000 mehr ins Grünenlager als umgekehrt, bei den kleineren sonstigen Parteien beträgt der Saldo 100.000.

Das umgekehrte Bild bei der Linken: Sie verlor netto an alle anderen politischen Parteien Stimmen, am stärksten im linken Lager, also an SPD (640.000) und Grüne (480.000). Viele Menschen, die früher für die Linken gestimmt hatten, entschieden sich auch dazu, diesmal überhaupt keine Stimme abzugeben.

Kaum besser sieht es für die AfD aus. Im Saldo konnte sie nur von der Linken einige Stimmen dazugewinnen (90.000), an alle anderen Parteien verlor sie, und diesmal wanderten 180.000 mehr frühere AfD-Wähler zu den Nichtwählern ab als umgekehrt.

Grüne bei den Jungen und Hochgebildeten vorn

Deutliche Unterschiede sind in den unterschiedlichen Altersgruppen zu beobachten: Bei den Wählern unter 35 Jahren sind die Grünen die stärkste Partei, auch die FDP konnte viele Junge überzeugen. Bei den über 60-Jährigen dominieren jedoch die traditionellen Volksparteien SPD und Union.

Ebenfalls stärkste Partei wurden die Grünen bei der Wählergruppe mit hoher Bildung: 23 Prozent von ihnen gaben der Partei von Kandidatin Annalena Baerbock ihre Stimme, Union und SPD folgen mit jeweils 21 Prozent.

Wählerinnen und Wähler mit einfacher Bildung jedoch konnten die Grünen kaum überzeugen – bei ihnen wäre die Partei sogar an der Fünfprozenthürde gescheitert. Sie entschieden sich mehrheitlich mit jeweils 32 Prozent für SPD und Union.

Nur marginale Unterschiede zeigen sich im Wahlverhalten der Geschlechter: Frauen entschieden sich ein wenig häufiger für SPD und Grüne (je zwei Prozentpunkte mehr als männliche Wähler). FDP und vor allem AfD wurden hingegen von Männern häufiger gewählt.

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