Datenanalyse zur Bundestagswahl Union verliert mehr als 1,3 Millionen Stimmen an die SPD

CDU und CSU haben massiv Stimmen eingebüßt, vor allem Sozialdemokraten und Grüne profitieren. Wie die Wählerströme aussehen – und wie verschiedene Altersgruppen abgestimmt haben: die Analyse.
Foto: DER SPIEGEL

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Die SPD feiert bei der Bundestagswahl ein Comeback, das bis vor Kurzem wohl kaum jemand den Sozialdemokraten zugetraut hat. Erste Hochrechnungen sehen sie knapp vor der CDU/CSU. Klar ist schon jetzt, dass es eine Herausforderung wird, eine neue Regierung zu bilden.

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz sieht im Ergebnis einen Auftrag zur Regierungsbildung  für ihn und seine Sozialdemokraten. Doch auch Konkurrent Armin Laschet (CDU) beansprucht das Kanzleramt  für seine Partei – obwohl die Union ein historisch schlechtes Wahlergebnis holte und gegenüber der Abstimmung im Jahr 2017 deutlich verlor.

Welche Wählerwanderungen führten zu diesem Ergebnis? Der Überblick

Die SPD nahm der Union rund 1,36 Millionen Stimmen ab. Das geht aus einer Analyse der vorläufigen Wählerwanderung von Infratest dimap für die ARD hervor.

Das Wahlforschungsinstitut berechnet sie auf Grundlage eigener Befragungen sowie amtlicher Statistiken. Die Werte sind eine grobe Schätzung dazu, wie viele Wählerinnen und Wähler eine Partei im Vergleich zur vorherigen Wahl halten konnte und wie viele zu und von anderen Parteien ab- oder zugewandert sind. Die Werte werden dabei miteinander verrechnet: Wechseln beispielsweise 50.000 Wähler von Partei A zu Partei B und im Gegenzug 20.000 von Partei B zu Partei A, wird nur der Wanderungssaldo von 30.000 zugunsten von Partei A ausgewiesen.

Die Sozialdemokraten gewannen nicht nur von der Union hinzu. Sie überzeugten auch Wählerinnen und Wähler der Linken (590.000), der AfD (210.000), der FDP (170.000) sowie 320.000 frühere Nichtwählerinnen und -wähler. Nur an die Grünen büßte die Partei von Olaf Scholz ein (320.000).

Fast umgekehrt ist die Lage bei CDU/CSU. Die Union verlor nicht nur an die SPD, sondern an auch an die Grünen (900.000), die Liberalen (340.000) sowie an Parteien, die im neuen Bundestag nicht vertreten sein werden (440.000). Außerdem gaben 100.000 einstige Unionswählerinnen und -wähler bei dieser Wahl keine Stimme ab.

Die Grünen sind nach jetzigem Stand die Partei, die sich verglichen mit der Wahl vor vier Jahren am deutlichsten verbesserte. Die Partei um Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock nahm allen anderen Parteien Stimmen ab, die meisten davon der Union (900.000) und der Linken (470.000). Zudem konnten die Grünen auch eine Viertelmillion frühere Nichtwählerinnen und Nichtwähler von sich überzeugen.

Von der FDP flossen 260.000 Stimmen an die Grünen ab, 170.000 an die SPD und 220.000 an Kleinparteien. Im Gegenzug jagten die Liberalen der Union (340.000), den Linken (100.000) und der AfD (150.000) Stimmen ab.

Letztere verlor an alle anderen Parteien – mit Ausnahme der Linkspartei. Von den Einbußen der AfD profitierte die SPD am stärksten. Zudem stimmten 170.000 Wählerinnen und Wähler, die bei der vergangenen Wahl für die AfD gestimmt hatten, dieses Mal nicht ab.

Die Linke war die einzige Partei, der die AfD Stimmen abjagen könnte. Zudem verlor die Linke auch an alle übrigen Parteien.

Junge Wähler stimmen für Grüne und FDP

Ein Blick in die Altersgruppen zeigt: Die Jungen wählen FDP und Grüne. Die Liberalen überzeugten die meisten Erstwählerinnen und Erstwähler (23 Prozent), die Grünen folgen knapp dahinter (22 Prozent).

In der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen stimmten die meisten für die Grünen (23 Prozent), dicht dahinter die FDP (22 Prozent). Die Grünen holen zudem bei den 25- bis 34-Jährigen das beste Ergebnis aller Parteien (21 Prozent).

Union und SPD holen ihre besten Ergebnisse dagegen unter Älteren: Bei den 60- und 69-Jährigen sind die Sozialdemokraten stärkste Kraft (31 Prozent), bei Wählerinnen und Wählern über 70 ist es die CDU/CDU (39 Prozent).

Die beiden Parteien kommen auch unter 35- bis 44-Jährigen auf das beste Ergebnis aller Parteien (je 19 Prozent). Die SPD überzeugt zudem mehr 45- bis 59-Jährigen als die anderen Parteien (25 Prozent); die Union liegt in dieser Altersgruppe knapp dahinter auf Platz zwei (23 Prozent).

Mehr Frauen als Männer wählen Grüne und SPD, bei AfD und Liberalen ist es umgekehrt

Ein Blick auf das Wahlverhalten nach Geschlecht zeigt: Bei den Grünen und der SPD ist der Anteil der Wählerinnen größer als der Wähler. Umgekehrt verhält es sich bei der FDP und der AfD. Bei der Union überwiegt der Anteil der Frauenstimmen leicht. Bei der Linken ist das Geschlechterverhältnis in der Wählerschaft ausgeglichen.

Eine weitere Auswertung zeigt: Die Grünen sind stärkste Kraft unter Menschen mit einem hohen Bildungsstand (23 Prozent). Unter Menschen mit einfachem Bildungsstand holt die Partei hingegen den zweitschwächsten Wert mit nur vier Prozent.

Personen mit einfachem Bildungsstand wählten oft SPD und CDU/CSU (je 32 Prozent). Auch bei der AfD überwiegt dieser Wähleranteil deutlich.

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