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28. August 2017, 13:38 Uhr

Bundestagswahl

Dr. Merkels Schlaflabor

Eine Kolumne von

Nach zwölf Jahren im Amt agiert die Kanzlerin ohne Bodenhaftung. Angela Merkel klammert sich an die Macht - und kein Wahlkampfgetöse soll den Schlaf der Bürger stören.

Hör auf mich, glaube mir,
Augen zu, vertraue mir!
Schlafe sanft, süß und fein,
Will dein Schutzengel sein!
Sink nur in tiefen Schlummer,
Schwebe dahin im Traum,
Langsam umgibt dich Vergessen,
Doch das spürst du kaum!
(Die Schlange Kaa aus dem Dschungelbuch)

Waffe: Säbel, Distanz: 100 Meter, Werfen verboten. So sähe das Fernsehduell im Bundestagswahlkampf aus, wenn Angela Merkel es sich aussuchen könnte. Sie ist die Kanzlerin, ohne sie wäre kein Duell möglich. Also kann sie es sich aussuchen.

Merkel und ihre Leute haben die Sender erpresst. Das ist erbärmlich. Aber immerhin sind die Umstände, unter denen das TV-Duell nun zustande kommen wird, vielsagend: Nach fast zwölf Jahren im Amt ist bei der Kanzlerin von einer irgendwie besseren, weiblichen Politik nichts übrig. Merkel scheut die offene Auseinandersetzung, die Macht ist ihr zum Selbstzweck geworden und sie klammert sich ans Amt wie jeder Mann vor ihr.

Nur einmal treffen die Kanzlerkandidaten direkt aufeinander: im TV-Duell. Darum ist diese Sendung, die am 3. September ausgestrahlt wird und der vermutlich 15 Millionen Menschen folgen werden, so wichtig. Aber nicht die Sender - die hier immerhin die deutsche Öffentlichkeit repräsentieren - geben die Bedingungen vor, sondern Merkel und ihre Vertrauten. Der frühere ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender hat dazu im SPIEGEL gesagt: "Das Kanzleramt verlangt ein Korsett für die Kanzlerin, in dem sie sich nicht bewegen muss. Und zugleich eines für Schulz, in dem er sich nicht bewegen darf."

Die beteiligten Sender - und die SPD - waren eigentlich für zwei Duell-Termine. Merkels Leute wollten das nicht. Dann schlugen die Sender vor, das Format zu verändern: Zwei Journalisten sollten die ersten 45 Minuten bestreiten, die anderen beiden die zweite Hälfte, vielleicht sogar vor Studiopublikum. All das sollte dem Zweck dienen, die Konfrontation zwischen den Kandidaten lebendiger zu machen, strittiger.

Dem Wahlkampf hätte das genutzt - Merkel unter Umständen geschadet. Also war sie dagegen. Denn die Kanzlerin, so Nikolaus Brender, mache einen Wahlkampf "im Schlafmodus". Ein Fernsehduell, "das Funken schlägt, würde dabei nur stören".

Der Wahlkampf heißt so, weil die Demokratie Auseinandersetzung braucht. Die Menschen sollen aus dem Schlaf der Selbstgerechten geweckt werden und sich fragen: Sind die Dinge gut im Land? Was muss sich ändern? Darum gehört zum Kampf der Lärm der Waffen, das Getöse. Aber Dr. Merkel liebt es leise. Von ihr aus können die Leute gerne weiterschlafen.

"Die Leute sollen uns Politiker die Politik machen lassen, weil wir so viel mehr davon verstehen." Die Kanzlerin hat das einmal nach einem langen Brüsseler Verhandlungstag gesagt, der Journalist Nikolaus Blome hielt den Satz in einem Buch fest. Für ein patriarchales Politikverständnis muss man nämlich kein Mann sein. Mit dem "Führungsstil einer Frau, einer ostdeutschen Frau", von dem Merkel am Beginn ihrer ersten Dienstzeit sprach, ist es in Wahrheit nicht weit her. Selbstherrlichkeit ist nämlich nicht ans Geschlecht gebunden - sondern ans Amt.

Angela Merkel verfügt im Wahlkampf mit großer Freihändigkeit über die ihr zur Verfügung stehenden Mittel - ohne Rücksicht auf Anstand und Regeln. Räume der Adenauer-Stiftung werden für Besprechungen benutzt, zu Wahlkampfterminen lässt sich die Kanzlerin in Hubschraubern von Bundespolizei und Bundeswehr fliegen, und die Planung des Wahlkampfes obliegt dem Kanzleramtschef Peter Altmaier. Um den Schein zu wahren sind drei Mitarbeiter der Regierungszentrale - darunter Merkels enge Vertraute Eva Christiansen - von der CDU-Zentrale für die Dauer des Wahlkampfes als Minijobber angestellt, auf 450-Euro-Basis.

Das ist alles keine große Korruption. Es sind nur unübersehbare Anzeichen dafür, wie abgehoben Merkel inzwischen ist. Sie zeigt dieselben Verfallserscheinungen politischer Moral wie alle überlangen, im Übermaß von sich überzeugten Amtsinhaber.

Vor langer Zeit, als Kaiser Claudius gestorben war, wurde er in den Stand der Götter erhoben. Damals ging das per Erlass. Der Dichter Seneca machte sich danach über die "Apocolocyntosis" des Gottkaisers lustig, was man als Kürbisfizierung übersetzen kann, oder Verkürbissung, also jedenfalls wird da jemand zum ganz großen Kürbis gemacht.

So einen Riesenkürbis haben wir als Kanzlerin.

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