Wahlkampfauftakt der Union Ein bisschen heile Welt

Mitten in ihrer schweren Krise versucht die Union um Armin Laschet eine Art Aufbruch im Bundestagswahlkampf. Doch bei dem Termin im Berliner Tempodrom wird klar, wie schwer es der Kanzlerkandidat hat.
Unionsgrößen Merkel, Laschet, Söder: Hauptsache Nummer eins bleiben

Unionsgrößen Merkel, Laschet, Söder: Hauptsache Nummer eins bleiben

Foto: Michael Kappeler / dpa

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Am Ende: Rhythmisches Klatschen, Jubelschreie, es kommt fast so etwas wie Stimmung auf. War ja nicht immer so, wenn Armin Laschet zuletzt aufgetreten ist. Aber an diesem Samstagmittag im Berliner Tempodrom wollen alle Harmonie und gute Laune. Laschet steht zwischen Angela Merkel und Markus Söder, er lächelt verlegen. Fast wirkt es, als sei es ihm immer noch etwas unheimlich, Kanzlerkandidat der Union zu sein.

Aber dann stellt er die Daumen auf und winkt, weil alles halbwegs gut gegangen ist und es losgehen muss mit dem Wahlkampf, wenn nicht alles schiefgehen soll bei der Bundestagswahl im September. »Ich werde kämpfen, damit nicht die Ideologen dieses Land übernehmen«, rief Laschet zuvor in den Saal, sehr zur Freude der Anwesenden.

Die Union hat sich versammelt, um sich an einem Aufbruch zu versuchen. Mehr Angriff soll her, mehr Klartext. Gemeinsam will man den Eindruck widerlegen, als hätten sich CDU und CSU schon halb aufgegeben. Start in die »heiße Wahlkampfphase«, so nennen es die Unionsparteien.

Es soll ein Schaulaufen sein, wobei im Moment größere Zusammenkünfte der Christdemokraten eher Krisentreffen sind. Die Umfragewerte sind mies, der Kandidat schleppt sich durchs Land, die Kanzlerin hat angesichts des Triumphs der Taliban in Afghanistan eine historische außenpolitische Niederlage zu verkraften. Man kann sagen: Für Laschet, für die Union insgesamt ist die Lage ein ziemlicher Albtraum.

Aber Angst, Selbstzweifel, Zwist sind heute nicht erlaubt. All jene, die an die Mikros gehen, wirken, als hätten sie ein wochenlanges Motivationstraining hinter sich. Die Moderatorin kündigt Merkel, Laschet und Söder als »unsere Stars« an, ein paar Wahlkämpfer tragen T-Shirts mit der Aufschrift »Läuft bei uns«. Zwei junge Helferinnen schwärmen in einer Videoschalte von ihrer »riesigen Mitmachtour«, Fraktionschef Ralph Brinkhaus nennt Laschet einen »Mann, der den Blick in die Zukunft hat«. Und Merkel ruft: »Es ist richtig schön, hier heute dabei zu sein.«

Ein Hauch von Bunkergefühl

So richtig schön ist es streng genommen nicht. Jedenfalls hat die Atmosphäre im Saal wenig von dem, was Wahlkämpfe sonst ausmacht. Kein Tageslicht, keine Passanten, die mal zufällig stehen bleiben, um den »Stars« zu lauschen. Coronabedingt sitzen nur ein paar Dutzend ausgesuchte Wahlkämpfer vor der Bühne.

Draußen hat die Polizei die Straßen abgeriegelt, um mögliche Proteste abzuwehren. Deshalb fühlt sich die Veranstaltung ein wenig so an, als befinde sich die Union in einem Bunker. Aber vielleicht ist das gar nicht schlecht, wenn sie ein Selbstgespräch führt.

Es geht für die Union schließlich darum, sich zu vergewissern, ob sie das alles noch kann: das Land führen, Volkspartei sein. Die Union ist die Mitte, sie kann regieren und steht für Stabilität – das sind die Botschaften dieses Tages. 90 Minuten heile Welt. Angesichts der Lage ist das einigermaßen kurios. Aber es gibt auch leichtere Aufgaben, als die Union ausgerechnet in dieser Woche als startklar verkaufen zu müssen.

Zu den Eigenartigkeiten des Tages gehört, dass weniger relevant ist, was Laschet sagt, als das, was über ihn gesagt wird, wer ihn stützt und wie ernst das gemeint ist. Die Tragik seiner Kandidatur ist, dass sie von Tag eins an von großen Zweifeln begleitet ist.

Auf dem besten Weg zu einem politischen Horrorpaar

Das liegt nicht nur an Söder, der lange mit Laschet um die Kandidatur konkurrierte, sondern auch an Merkel. Sie hat sich so lange aus der Nachfolgefrage herausgehalten, dass es wirkte, als sei sie von Laschet nicht sonderlich überzeugt. Am Samstag spricht sie sehr freundlich über ihn, nennt ihn gar »den künftigen Bundeskanzler«, Beifall im Tempodrom.

Mit Söder ist die Sache ungleich komplizierter. Seit er gegen Laschet im Kampf um die Kanzlerkandidatur unterlag, tut er viel dafür, dass sich das Image des CDU-Chefs nicht zum Besseren wendet. Trotz aller Beteuerungen belastet die Fehde zwischen beiden die Union mittlerweile so sehr, dass Söder und Laschet auf dem besten Weg sind, in der Hitliste der politischen Horrorpaare bald mit den ganz Großen mitzuspielen, irgendwo zwischen Kohl und Strauß, Schröder und Lafontaine, Merkel und Merz, Beck und Müntefering. Das hilft nie, so kurz vor einer Bundestagswahl ist es besonders schädlich.

Dass Söder sich im Tempodrom weitgehend an die Spielregeln hält, ist deshalb fast schon die größte Nachricht dieses Tages. Klar, ganz ohne Bosheiten geht es nicht. Auf einer Leinwand wird der CSU-Spot für die Bundestagswahl gezeigt. Söder sagt darin, es brauche in diesen schwierigen Zeiten jemanden, der alles zusammenführe, der Stabilität und Erneuerung garantiere, und man ist schon fast überrascht, wie wohlwollend er Laschet da in den Fokus rückt. Bis Söder plötzlich selbst im Bild erscheint und sagt: »Darin sehe ich meine Aufgabe.«

Söder hält auch mal wieder eine seiner Superman-Reden, sie ist viel zu lang für jemanden, der sich eigentlich zurückhalten müsste, damit die Fantasien eines Kandidatenwechsels nicht doch noch weiter wachsen. Sie ist aber eben auch entschlossener, emotionaler als Laschets Worte.

Söder versteht, wie Wahlkampf funktioniert, er karikiert die politische Konkurrenz in einer Art, dass den ganzen Saal die blanke Panik erfasst bei der Vorstellung, eine Regierung ohne die Union könne dieses Land regieren. Söder streift viele Themen, bei denen man sich fragt, warum CDU und CSU sie nicht viel stärker in den Mittelpunkt des Wahlkampfs rücken: die Polizei, die Bundeswehr, das Klima.

»Ich will, dass Armin Laschet Kanzler wird – und nicht Olaf Scholz.«

CSU-Chef Markus Söder

Aber Söder stellt sich auch hinter Laschet. »Ich habe keine Lust, keinen Bock auf Opposition«, ruft der CSU-Chef. »Ich will, dass Armin Laschet Kanzler wird – und nicht Olaf Scholz.« Großer Jubel.

Da ist schon fast egal, was Laschet sagt. Auch wenn die Moderatorin seinen Auftritt als »absoluten Höhepunkt« ankündigt, hat Laschet nichts dabei, was unmittelbar die Wende bringen könnte. Kein Team auf der Bühne, keinen herausragenden Vorschlag, wie man Deutschland neu aufstellen könnte. Hier und da gerät seine Rede ein wenig durcheinander, wenn er etwa von Afghanistan über eine Neuordnung der Außenpolitik plötzlich zum Kampf gegen Kinderpornografie kommt.

Man kann auch nicht sagen, dass eine besondere Energie im Saal entsteht, während Laschet spricht. Anders als Söder legt er gern detailliert dar, was er vorhat, von neuen Planungsbeschleunigungsgesetzen bis hin zum Ausstiegspfad bei der Kohleenergie. Da gibt es dann schon mal ein paar Minuten ohne Applaus.

Dennoch ist es einer der besseren Wahlkampftermine für Laschet. Aber es ist fraglich, ob der Auftritt im Tempodrom das überwiegend negative Bild, das viele Deutsche von ihm haben, noch einmal drehen kann.

Gemeinsame Auftritte mit Fachleuten und Parteifreunden sollen Laschets Beliebtheit steigern und belegen, wie breit die Union aufgestellt ist. Zudem stehen bald die TV-Trielle gegen Annalena Baerbock und Olaf Scholz an. Das kann eine Chance sein für Laschet, weil die Erwartungen an ihn mittlerweile so niedrig sind, dass er sie nur übertreffen kann.

Und die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass schon singuläre Momente eine gewaltige Dynamik auslösen können. Laschets Lachen im Hintergrund, während Bundespräsident Steinmeier mit der Presse über die Flutkatastrophe sprach. Die plagiierten Passagen in Baerbocks Buch.

Ein herausragender Auftritt beim Triell, ein schwerer Fehler der Konkurrenz – und es kann für Laschet wieder bergauf gehen. Hauptsache, die Union geht als Nummer eins durchs Ziel, das ist die Hoffnung bei CDU und CSU. Dann ist alles möglich.

Nur: Die Zeit wird knapp für eine Trendwende. Es sind nur noch fünf Wochen, dann wird abgerechnet. Mit Stimmzetteln und womöglich auch in der Union.

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