Bundestagswahl-Blog Angelas Alptraum von der Allmacht

So, alles Unwichtige ist gesagt, alles Wichtige ausgeblendet. Jetzt noch drei Tage Leerlauf im Wahlkampf. Angela Merkel wird kaum gut schlafen, meint SPIEGEL-Redakteur Christoph Schwennicke, und malt sich ihren schlimmsten Alptraum aus: die absolute Mehrheit - und kein echtes Ziel.

Wie bitte? Kanzlerin Merkel lauscht in der Bundespressekonferenz einer Journalistenfrage
REUTERS

Wie bitte? Kanzlerin Merkel lauscht in der Bundespressekonferenz einer Journalistenfrage


Es ist Montagmorgen, viertel vor sieben am Berliner Kupfergraben, als der Wecker Angela Merkel hochschrecken lässt. Was? Wie? Wo? Merkels Glieder fühlen sich an wie Blei, das Bettlaken ist kalt und klamm. Benommen fragt sich die mächtigste Frau der Welt, ob sie alles nur geträumt hat. Dann fährt die Gewissheit wie ein Blitz in ihren Kopf. Es ist wahr. Es ist passiert. 49,7 Prozent für die CDU/CSU bei der Bundestagswahl.

Absolute Mehrheit. Merkel verspürt das dringende Bedürfnis, die Decke über den Kopf zu ziehen und einfach liegen zu bleiben. Dann rafft sie sich auf und steuert Richtung Küche. Erst mal einen starken Kaffee. Vom letzten schweren Rotwein des Vorabends kündet noch ein dunkelrot verkrustetes Glas und die beinahe leere Flasche auf dem Küchentisch.

Wie konnte das passieren? Hatte sie es übertrieben in ihrem fulminanten Wahlkampf, in dem ihr Flügel gewachsen waren, bei dem sie über sich hinaus gewachsen war, an dessen Ende sie die Leute auf den Marktplätzen gefeiert hatten wie einen Popstar? Sie hatte SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier gedemütigt im Fernsehduell, als sie den Zuschauern eröffnete, wie sehr sie ihren Mann liebe und bewundere. Sie könnte sich ohrfeigen für dieses billige Manöver.

Was für ein Alptraum! Merkel kommt Gregor Samsa in den Sinn, die Hauptfigur aus Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung", die sich eines Morgens in ein riesiges Insekt verwandelt sah. Auch schlimm. Aber trotzdem würde sie jetzt gern tauschen mit Samsa. Was ist denn ein Chitinpanzer gegen die absolute Mehrheit für die Union! Alle Koalitionsspekulationen überflüssig, s i e - die erste Kanzlerin, die auf nichts und niemand mehr Rücksicht nehmen muss.

Oh Gott.

In der Elefantenrunde hat ihr Guido Westerwelle erst gratuliert, dann eine "putzmuntere FDP-Opposition" angekündigt und fortan den ganzen Abend mit Steinmeier von der SPD geschäkert. Sie selbst gefror zu Eis, als ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender sie fragte, was sie denn in diesem Moment "des maximalen Triumphes" empfinde. "Angst! Panik! Fluchtreflexe!", hätte sie am liebsten herausgeschrien, und dann gemurmelt, man müsse doch mal die Kirche im Dorf lassen. Sie staunte genauso über das Zeug, was da aus ihr herauskam wie die ganze Runde, die betreten schaute.

Durchregieren - eine schreckliche Vorstellung

Alleinregierung haben sie alle immer wieder gesagt, eine Alleinregierung der Union werde Merkel anführen. Jetzt könne sie endlich all das machen, was sie immer schon vorhatte und nicht umsetzen konnte wegen der SPD. Durchregieren, wie sie einmal selbst in einem unvorsichtigen Moment im Bundestag gesagt hatte.

Alleinregierung, Durchregieren, Richtlinienkompetenz. Schreckliche Worte hallen in ihrem Kopf, in dem es drückt und klopft. Merkel spült die zweite Paracetamol 600 mit einem kräftigen Schluck Kaffee herunter.

Alles machen, was sie schon immer wollte - wenn sie bloß wüsste, was das heißen soll. Leipzig, hatte Brender immer wieder gefragt, ob sie jetzt Leipzig mache. Das neoliberale Programm der CDU, das sie einmal taktisch genutzt hatte, um sich gegen den Vorwurf zu feien, zu konturlos zu sein. Leipzig war als Karrierekniff gedacht gewesen und erwies sich seither als ihre Vergangenheit, die nicht vergehen wollte.

Leipzig, das würde heißen: Mindestlohn wieder abschaffen, Kündigungsschutz schleifen, Unternehmensteuer senken, Erbschaftsteuer abschaffen, die Gewerkschaften knechten, Gesundheitsvorsorge weitgehend privatisieren. Alles Quatsch, wie Merkel längst erkannt hatte. Der Mindestlohn, den sie peu à peu die SPD mit ihrer Billigung einführen ließ, kam gut an. Und Kündigungsschutz: Die Leute machten aus Angst um ihren Arbeitsplatz kaum mehr blau, sie arbeiteten fleißig und strebsam, an denen lag die Krise jedenfalls nicht, weshalb auch kein Anlass bestand, den Unternehmern zu erleichtern, ihre Angestellten als Kostenstelle auf Latschen rauszuschmeißen.

Dann diese Steuerleier!

Weniger Kündigungsschutz für unfähige Top-Manager, das wär's eigentlich, hatte sie sich oft gedacht. Wer hatte denn den Durchblick in der Krise? Der Betriebsrat Franz von Opel war ihr richtig ans Herz gewachsen. Und IG-Metall-Boss Berthold Huber hatte ihr den Hit mit der Abwrackprämie beschert. Lauter Leute, wie sie sie schätzt: unideologisch, kompetent, verantwortungsbewusst. Selbst dieser Sommer vom DGB war ganz okay.

Dann diese Steuerleier! Steuersenkungen sind überhaupt nicht drin, diese schamlosen Banker hatten ihr ein monströses Loch in den Haushalt gerissen. Sie mochte gar nicht dran denken.

Das Telefon klingelt. "Guten Morgen, Frau Merkel", sagt eine ihr vertraute Stimme am anderen Ende der Leitung. Merkel fragt sich, weshalb sie sich nach all den Jahren mit Beate Baumann, ihrer engsten Mitarbeiterin, immer noch siezte, sie sich aber von diesem Rindvieh von Seehofer immer Angela nennen lassen musste.

"Guten Morgen, Frau Baumann", sagt Merkel und versucht, so selbstverständlich wie möglich zu klingen.

Beate Baumann war dort, wo sie die vergangenen vier Jahre immer war, im Büro im Kanzleramt. Merkel bemerkte, dass sie die resolute Frau noch nie gefragt hatte, was sie eigentlich in ihrer Freizeit treibe. Dann fiel ihr ein: Die Frage stellte sich so nicht.

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Seite 1
aqualung 18.09.2009
1.
Zitat von sysopWahl-Countdown: Die Parteien ringen um die Gunst der Deutschen. Wie bewerten Sie das Finale des Bundestagswahlkampfs und die Auftritte der Kandidaten?
Denke, dass die FDP z.Zt. noch zu hoch gehandelt wird und im Endeffekt knapp unter 10 % landen wird. Am Ende wird Rot-Rot-Grün rechnerisch möglich sein und die SPD wird sich panisch in die GroKo flüchten - auf die Argumentation bin ich gespannt...
zbigbrz 18.09.2009
2.
Zitat von sysopWahl-Countdown: Die Parteien ringen um die Gunst der Deutschen. Wie bewerten Sie das Finale des Bundestagswahlkampfs und die Auftritte der Kandidaten?
Was gibt's da zu bewerten? Wahlkampf fand doch nicht statt. Das Merkel fährt im Schlafwagen zurück ins Kanzleramt.
Machtbesessen 18.09.2009
3. Gleiche Augenhöhe
Zitat von sysopWahl-Countdown: Die Parteien ringen um die Gunst der Deutschen. Wie bewerten Sie das Finale des Bundestagswahlkampfs und die Auftritte der Kandidaten?
Das Finale ist gut. Die beiden Kanzlerkandidaten sind bald auf Augenhöhe. Beide haben dafür Ihr bestes dafür gegeben.
Brand-Redner 18.09.2009
4. Hamlet 2009
Zitat von aqualungDenke, dass die FDP z.Zt. noch zu hoch gehandelt wird und im Endeffekt knapp unter 10 % landen wird. Am Ende wird Rot-Rot-Grün rechnerisch möglich sein und die SPD wird sich panisch in die GroKo flüchten - auf die Argumentation bin ich gespannt...
Frei nach Shakespeare: Ist es auch Blödsinn, so hat es doch Methode. Ich würde sie "hochschreiben" nennen, denn die gebetsmühlenartige Wiederholung utopischer "Umfragewerte", scheinbar ein Mantra des politischen Mainstreams, soll doch nichts anderes werden als eine selbsterfüllende Prophezeiung nach dem Motto: Es gibt genügend Lemminge, die sich wirklichen und auch erdachten Mehrheiten anschließen. Die wählen schon deshalb den angepriesenen Favoriten, um nachher stolz sagen zu können: "Ich habe es ja richtig gemacht!" Doch die neoliberalen Volksverführer haben - wen wundert's - bis dato nichts aus der Finanzkrise gelernt: Die maßlose Überbewertung eines dubiosen "Produktes" führt früher oder später zum totalen Wertverlust. Der könnte in diesem Falle am 27. September erfolgen - mein Mitleid hält sich aber schon heute in Grenzen...
pssst... 18.09.2009
5.
Zitat von sysopWahl-Countdown: Die Parteien ringen um die Gunst der Deutschen. Wie bewerten Sie das Finale des Bundestagswahlkampfs und die Auftritte der Kandidaten?
Schlaftabeltten sind dagegen reine Aufputschmittel.
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