Bundestagswahl-Blog Der Rauf-runter-weg-Spuk

An jeder Ecke blitzt es böse: Was man auf einer Fahrradtour durchs Märkische Oderland zur preußischen Festung Küstrin alles über Deutschland und Europa erfahren kann, beschreibt SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Claus Christian Malzahn im Wahl-Countdown.

NPD-Plakat: In Berlin muss man mit Hundehaufen leben, in Brandenburg mit Nazi-Parolen
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NPD-Plakat: In Berlin muss man mit Hundehaufen leben, in Brandenburg mit Nazi-Parolen


Wenn man wie am vergangenen Wochenende in Berlin vor lauter Marathonläufern und Touristen nicht mehr piepsen kann und einem die mit lächelnden Kandidatenköpfen zugekleisterte Stadt vorkommt wie ein grelles Panoptikum der guten Laune, dann muss man raus. Ab und zu fährt der Berliner gern ins Umland, das ja streng genommen Brandenburg heißt. Der Brandenburger mag es zwar nicht, wenn man sein Bundesland als Berliner Umland bezeichnet. Aber das ist dem Berliner ziemlich schnuppe. Außerdem dürfen die Brandenburger am 27. September nicht nur den Bundestag, sondern auch noch einen eigenen Landtag wählen. Welches Umland kann das schon von sich behaupten?

Die meisten Berliner gehen davon aus, dass im Umland eigentlich nix los ist. Krüppelkiefern, Einkaufszentren und Tankstellen, hier und da ein See, naja, und dann kommt auch schon Polen. Wenn jedenfalls beim Alexanderplatz links abbiegt, die Moskauer Referenzbauten der Stalinallee und die Sonderangebotshallen in Hellersdorf hinter sich gelassen hat, kommt man nach rund 60 Kilometern in Neuhardenberg an. Das Dorf besteht aus ein paar bescheidenen Häusern, viel Gegend drum herum und einer stolzen Schlossanlage. Doch hier ist seit Jahren eine Menge los. Wenn man ehrlich ist, sogar viel mehr als in Berlin.

Denn während der interessierte Berliner vor Bundestagswahlen auch in aufgeräumter Stimmung und am liebsten politische Selbstgespräche führt ("Wenn ich was zu sagen hätte, aber mich fragt ja keiner!"), veranstaltet die Stiftung Neuhardenberg im gleichnamigen Schloss regelmäßig Debatten und Dialoge, die ihresgleichen suchen. Da diskutieren Schriftsteller wie Amos Oz und Amin Mahlouf über Glück, der französische Intellektuelle Regis Debray befragt Hans Küng über Gott und im Schlosspark spielt Van Morrison.

An diesem Wochenende gab sich die norwegische Sängerin Kristin Asbjornsen in der Schinkel-Kirche die Ehre, ein wunderbarer Bau mit einer sienablauen Decke voller Sterne. Man könnte meinen, Paloma Picasso hätte das Design ihrer Bettwäsche hier geklaut. Im Altar wird das große Herz des Aufklärers und preußischen Staatskanzlers Carl August von Hardenberg verwahrt, jenes deutschen Politikers des 19. Jahrhunderts, der im Gegensatz zu seinen Nachfahren noch etwas von Reformen verstand: Sie sollten Revolutionen verhindern, keine provozieren.

Überall die rot-weiß-schwarzen Plakate der NPD

Aber Asbjornsen: Kleine Sängerin, große Stimme - wenn Tom Waits und Björk eine gemeinsame Tochter hätten, wäre sie wahrscheinlich dabei raus gekommen. Am besten war "Rain, Oh Lord", ein, sagen wir mal, norwegischer Gospel. Ich hab in der Kirche leise mitgesummt. "Rain, Oh Lord, schmeiß Hirn vom Himmel".

Denn völlig kann man der Politik natürlich auch in Märkisch Oderland nicht entfliehen. Vor dem Konzert sind meine Frau und ich über die Dörfer zum Oderbruch geradelt. Im Himmel über dem Oderland zogen Gänse nach Süden, hier und da saß ein Angler am grünen Ufer des Grenzflusses, und in der Nähe der alten Oder bei Platkow soll mal eine Slawenburg gestanden haben. Also eigentlich genau so viel Idylle, wie der gestresste Großstädter am Wochenende vertragen kann, ohne gleich wieder nervös zu werden.

Aber irgendwas störte da zwischen den braun und gelb gebrannten Wiesen, kaminroten Äckern und dunklen Fichtenwäldern. Die sanfte Nachmittagssonne tauchte das flache Land zwar in ein versöhnliches Licht. Trotzdem blitzte es böse an jeder Ecke. Überall diese rot-weiß-schwarzen Plakate. An jeder Laterne.

Lechts und Rinks kann man hier glatt verwechseln

In Berlin muss man mit Hundehaufen leben, in Brandenburg offenbar mit Nazi-Plakaten. Von wegen Idylle. Rot-Weiß-Schwarz - das waren die Farben der NSDAP. Ab und zu prangten da auch ein paar Poster der Grünen, orange leuchtete die Union, im milden Rot die SPD. Ansonsten Rot-weiß-schwarz, so weit das Auge reichte. Wenn es nach den Plakaten geht, dann stellt die NPD im Berliner Umland die stärkste Fraktion.

Danach kommt dann gleich die Linke. Die hat auch eine originelle Farbkombination. Weiß-Rot-Schwarz. Lechts und Rinks kann man hier glatt verwechseln. Politisch liegen natürlich Welten dazwischen. Die Einen fordern: "Bundeswehr raus aus Afghanistan", die Anderen: "Mehr Geld für Deutsche - raus aus Afghanistan." Dafür will die Linke "Reichtum für alle" und natürlich: " Reichensteuer!" Die DVU, ebenfalls ein rechtsradikaler Knallchargenverein, fordert: "Diäten runter." Und die Linke "Weg mit Hartz IV!"

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Seite 1
aqualung 18.09.2009
1.
Zitat von sysopWahl-Countdown: Die Parteien ringen um die Gunst der Deutschen. Wie bewerten Sie das Finale des Bundestagswahlkampfs und die Auftritte der Kandidaten?
Denke, dass die FDP z.Zt. noch zu hoch gehandelt wird und im Endeffekt knapp unter 10 % landen wird. Am Ende wird Rot-Rot-Grün rechnerisch möglich sein und die SPD wird sich panisch in die GroKo flüchten - auf die Argumentation bin ich gespannt...
zbigbrz 18.09.2009
2.
Zitat von sysopWahl-Countdown: Die Parteien ringen um die Gunst der Deutschen. Wie bewerten Sie das Finale des Bundestagswahlkampfs und die Auftritte der Kandidaten?
Was gibt's da zu bewerten? Wahlkampf fand doch nicht statt. Das Merkel fährt im Schlafwagen zurück ins Kanzleramt.
Machtbesessen 18.09.2009
3. Gleiche Augenhöhe
Zitat von sysopWahl-Countdown: Die Parteien ringen um die Gunst der Deutschen. Wie bewerten Sie das Finale des Bundestagswahlkampfs und die Auftritte der Kandidaten?
Das Finale ist gut. Die beiden Kanzlerkandidaten sind bald auf Augenhöhe. Beide haben dafür Ihr bestes dafür gegeben.
Brand-Redner 18.09.2009
4. Hamlet 2009
Zitat von aqualungDenke, dass die FDP z.Zt. noch zu hoch gehandelt wird und im Endeffekt knapp unter 10 % landen wird. Am Ende wird Rot-Rot-Grün rechnerisch möglich sein und die SPD wird sich panisch in die GroKo flüchten - auf die Argumentation bin ich gespannt...
Frei nach Shakespeare: Ist es auch Blödsinn, so hat es doch Methode. Ich würde sie "hochschreiben" nennen, denn die gebetsmühlenartige Wiederholung utopischer "Umfragewerte", scheinbar ein Mantra des politischen Mainstreams, soll doch nichts anderes werden als eine selbsterfüllende Prophezeiung nach dem Motto: Es gibt genügend Lemminge, die sich wirklichen und auch erdachten Mehrheiten anschließen. Die wählen schon deshalb den angepriesenen Favoriten, um nachher stolz sagen zu können: "Ich habe es ja richtig gemacht!" Doch die neoliberalen Volksverführer haben - wen wundert's - bis dato nichts aus der Finanzkrise gelernt: Die maßlose Überbewertung eines dubiosen "Produktes" führt früher oder später zum totalen Wertverlust. Der könnte in diesem Falle am 27. September erfolgen - mein Mitleid hält sich aber schon heute in Grenzen...
pssst... 18.09.2009
5.
Zitat von sysopWahl-Countdown: Die Parteien ringen um die Gunst der Deutschen. Wie bewerten Sie das Finale des Bundestagswahlkampfs und die Auftritte der Kandidaten?
Schlaftabeltten sind dagegen reine Aufputschmittel.
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