Grüne im Wahlkampfendspurt Letzte Hoffnung Wechselwähler

Die Grünen wollten in diesem Wahlkampf alles richtig machen. Der Begeisterungskick blieb bislang aus - trotzdem glaubt die Partei noch an einen "Überraschungscoup".

Katrin Göring-Eckardt, Cem Özdemir
DPA

Katrin Göring-Eckardt, Cem Özdemir


Der eigene Anspruch, er darf jetzt bloß nicht wackeln. "Wir müssen den Mut haben, dieses Land endlich grün zu gestalten", sagt Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt, dramatisch eingerahmt von Leinwänden mit Hurrikanwirbeln drauf. Soll heißen: Die Grünen wollen und werden wieder mitregieren, nach zwölf langen Jahren in der Opposition.

Doch dafür müssten die Grünen schnell noch zum Faktor werden, um den man nicht herumkommt. Im Moment käme diese Vorstellung einem Wunder gleich: In der Realität stagnieren die Umfragewerte, bei den anderen kleinen Parteien ist mehr Bewegung drin. Die Grünen drohen im Bund abgehängt zu werden.

Doch davon sprechen Spitzengrüne eine Woche vor der Bundestagswahl natürlich nicht auf offener Bühne. Auch nicht davon, dass die einzige, rechnerisch realistische grüne Regierungsoption wohl ein Bündnis mit CDU, CSU und FDP sein dürfte.

Stattdessen warnen sie auf ihrer letzten großen Zusammenkunft vor der Wahl vor Schwarz-Gelb als Schreckensvision und schimpfen über die "von Lobbyismus durchzogene" FDP. Ein paar Kilometer weiter grenzt sich die FDP auf einem eigenen Parteitag von den Grünen ab. Attacke ist in diesen Tagen alles.

Um die Wahlkämpfer aufzumuntern, sind an diesem Sonntag alle nach Berlin gekommen, Co-Spitzenkandidat Cem Özdemir, Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, die Dauerhoffnung Robert Habeck, der Linksgrüne Anton Hofreiter.

Anton Hofreiter, Winfried Kretschmann
DPA

Anton Hofreiter, Winfried Kretschmann

Ihren Regierungsanspruch untermalt die Partei, indem Minister aus den Ländern von Radwegen, Breitbandnetzen und Hühnerhaltung berichten dürfen. Die Grünen regieren in zehn Bundesländern mit, in der Fläche ist der Einfluss da. Nur sind das grüne Sprenkel. Der fette Klecks, den die Partei hinterlassen will, fehlt. "Wir könnten so viel mehr machen", fasst Habeck zusammen und klingt dabei wie das begehbare Wahlprogrammhaus von Angela Merkel: Rein in die Zukunft, "denn gestern war schon!"

Wie wollen die das noch schaffen?

Beschlossen wurde auf diesem Parteitag ein Wahlaufruf("Grün macht den Unterschied"), es ging vor allem um Selbstvergewisserung und ein Du-bist-nicht-allein-Gefühl: Wer sind wir, wo stehen wir, wie schaffen wir das noch? Allerdings ist vom Optimismus aus dem Sommer wenig übrig. Man spürt in Gesprächen und am oft nur höflichen Applaus, dass es schwer geworden ist, einst große Hoffnungen bis zum Wahltag zu strecken.

Mit Themen wie Klimaschutz, Gerechtigkeit, einer offenen Gesellschaft sollen nun im Endspurt rot-grüne Wechselwähler gewonnen werden. "Kannst du dich noch an deinen Ex erinnern, der die Beziehung aufarbeiten wollte? Ruf ihn an, überzeug ihn!", ruft Göring-Eckardt. Özdemir sieht seine Partei als "Gegengift zur AfD, deshalb zählt jede Stimme. Wir lassen uns unsere großartige Heimat nicht kaputt machen."

Der Abgeordnete Özcan Mutlu behauptet, die AfD-Kandidatin Beatrix von Storch lasse sich "nie im Wahlkreis blicken". Claudia Roth beschwört nach Atomausstieg und Ehe für alle: "Unsere Geschichte muss weitergehen." Auch Kretschmann spricht seinen Leuten Mut zu. "Es sprechen alle Argumente für uns."

"Die Lobby für alle, die keine Lobby haben"

Hier drinnen, in der Kuppel des Gasometers in Berlin, klingen die grünen Argumente tatsächlich schön und schlüssig. Kohlekraft, Massentierhaltung, dreckige Abgase und Kinderarmut beenden. Pfleger und Hebammen besser bezahlen. Wohnungen bauen. Aber nimmt man ihnen die Forderungen da draußen ab?

Die aktuellen Werte sprechen kaum dafür, dass die Grünen kurzfristig deutlich mehr Wähler mobilisieren können. Dabei wollte die Partei alles richtig machen: Sie setzte sich lang vor der Wahl mit Themen wie Integration, Gerechtigkeit, Sicherheit, Umwelt-Natur-Klima, Digitalisierung auseinander. Sie wählte basisdemokratisch ein Spitzenduo, schickte es durchs Land, die Touren heißen "Cem Session" und "Triff Katrin". Um nicht zu verstaubt rüberzukommen, organisieren sie eine Pastaparty und einen "Haustierwahlkampf" (ja, wirklich!). Die TV-Debatten liefen okay. Nur fehlen bislang: Begeisterung. Echte Sympathien in der Breite.

Vielleicht liegt es daran, dass die Ausrichtung der Partei mitunter schwer erkennbar geworden ist. Özdemir etwa trifft sich zum TV-Zwiegespräch mit CDU-Finanzminister Wolfgang Schäuble und sagt gleichzeitig, die Grünen seien "die Lobby für alle, die keine Lobby haben". In der Dieseldebatte sorgte der Konflikt zwischen den Bundesgrünen und Kretschmann für Verwirrung. Die Grünen würden sowohl Koalitionen mit der Union als auch mit der SPD eingehen.

Das letzte Mal holten die Grünen 8,4 Prozent. Landen sie nächste Woche deutlich drunter, wird es eng. Dass die Basis eine mögliche Regierung absegnet, ist ungewiss. Und noch mal vier Jahre in der Opposition wären für sie maximal ermüdend.

Doch davon wollen die Grünen sieben Tage vor der Entscheidung nichts wissen. "Nächsten Sonntag werden wir einen richtigen Überraschungscoup landen", sagt Göring-Eckardt. Da ist er wieder - der Anspruch, der bloß nicht wackeln darf.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Fassung dieses Textes hieß es, der Parteitag habe nichts beschlossen. Korrekt ist, dass die Grünen einen Wahlaufruf beschlossen haben. Wir haben diese Information ergänzt.



Sie wollen die Sonntagsfrage für den Bund beantworten? Stimmen Sie hier ab:




insgesamt 209 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ohnefilter 17.09.2017
1. Ja!
Ich kann mir einen Kanzler Hofreiter gut vorstellen. Er hat die Ideen und das Formar!
tubolix 17.09.2017
2. Na denn ...
"Nächsten Sonntag werden wir einen richtigen Überraschungscoup landen", sagt Göring-Eckardt. Ja das glaube ich auch. die Grünen werden in den Bundestag einziehen - gerade so, mit Ach und Krach. Wenn es das letzte Mal 8,4% waren, dürfte es dieses Jahr sehr knapp werden. Die AfD wird jedenfalls nicht wieder mit 4,7% nach Hause gehen.
mwroer 17.09.2017
3.
"Beschlossen wurde auf diesem Parteitag nichts, es ging um Selbstvergewisserung und ein Du-bist-nicht-allein-Gefühl: wer sind wir, wo stehen wir, wie schaffen wir das noch?" Eben - bloß keine inhaltlichen Aussagen treffen. Es geht um die Grünen, danach die Grünen und dann die Grünen. Dann kommt eine Weile nichts und dann geht es endlich um die Grünen. Das was seit Monaten und Jahren gemacht wird, wird weitergeführt. Keine klaren Aussagen und Absagen an Parteien, keine klaren Bekenntnisse - alles nur ewiges rumlavieren, relativieren und 'Wir schaffen das' (ulkig, den Satz kenne ich doch...). So wünsche ich Euch 5% - x.
sir wilfried 17.09.2017
4. Grüner Kanzler?
Zitat von ohnefilterIch kann mir einen Kanzler Hofreiter gut vorstellen. Er hat die Ideen und das Formar!
Er muss ja nicht gleich Kanzler werden. Allerdings verkörpert er noch am ehesten das, was man mit den Grünen verbindet. Eine grün angestrichene CDU-Tante wie Göring Eckart sollte sich hingegen weit im Hintergrund halten, sonst scheitern die tatsächlich noch an den 5%.
volker.simoneit 17.09.2017
5. Özdemir ist auf dem richtigen Weg,
indem er eine Senkung der Mehrwertsteuer forderte. Nur steht es nicht im Wahlprogramm der Grünen sondern nur in dem der AFD. Jetzt muss er nur noch weiterlesen und die Punkte übernehmen, die die Bürger wirklich bewegen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.