Bundestagswahl Jeder dritte Wähler noch unentschlossen

Drei Wochen vor der Bundestagswahl ist sich ein Drittel der Wähler noch nicht klar darüber, welche Partei es wählen wird. Demoskopen geben an, vor allem potentielle SPD-Wähler seien noch unmotiviert.


Bundestagswahl: Wähler sind leicht beeinflussbar und wankelmütig
DDP

Bundestagswahl: Wähler sind leicht beeinflussbar und wankelmütig

Frankfurt am Main - Die Anzahl der Unentschlossenen ist groß, daher werden die Parteien und Politiker mit Wahlkampfreden, Plakaten und Werbegeschenken bis zuletzt erbittert um sie kämpfen. Mit großen Überraschungen ist aber wohl nicht mehr zu rechnen.

Vor allem die SPD hat es nach Erkenntnissen von Demoskopen dieses Mal schwer, ihre potentiellen Wähler zu mobilisieren. "Das hat viel mit dem Frust und der Enttäuschung der SPD-Anhänger zu tun", sagt der Geschäftsführer des Emnid-Instituts, Klaus-Peter Schöppner. Dazu komme die unklare Koalitionsaussage der SPD, die die Wähler verunsichere.

Generell haben es Regierungsparteien schwerer als die Opposition, ihre Anhänger am Wahlsonntag zu den Urnen zu locken. Seit fast einem Vierteljahrhundert beobachtet die Politikwissenschaft zudem den langsamen Verfall der Parteibindung in Deutschland, wie der Bremer Politikwissenschaftler Lothar Probst berichtet: "Die Wähler bewegen sich heute auf einem offenen Markt."

Als Folge steigt die Zahl der unentschlossenen, weil ungebundenen und häufig uninteressierten Wähler. "Die Zeiten, in denen die politische Einstellung wie eine Tradition von Generation zu Generation weitergegeben wird, sind vorbei", sagt Probst. Damit kämpft nach dem Zerfall des klassischen Arbeitermilieus neben der SPD auch die Union angesichts nachlassender Bindung etwa an die Kirchen.

Heutzutage sind die Wähler leicht beeinflussbar und wankelmütig und entscheiden sich häufig erst in den letzten Wochen vor der Wahl, oder gar erst am Wahltag selbst. Laut dem Politologen hängt der Anteil der unentschlossenen Wähler auch vom Grad der Wechselstimmung im Land ab: Je höher die Sehnsucht des Volkes nach einem Regierungswechsel, desto entschiedener sind die Wähler.

Unentschlossen sind nach der Erfahrung Schöppners vor allem eher jüngere Wähler und Wähler mit eher niedrigem Bildungsniveau. Auch viele von der Politik enttäuschte Menschen fällen ihre Entscheidung lange nicht, am Ende gehen sie häufig gar nicht zur Wahl, sagte Schöppner. Generell verbirgt sich in der Gruppe der Unentschlossenen ein großer Anteil der Nichtwähler, aber auch der Anhänger von rechten Parteien. Nicht zu vergessen sind die taktischen Wähler, die zwar keiner Partei sonderlich nahe stehen, aber dennoch mit ihrer Stimme einen bestimmten Wahlausgang erreichen wollen. Auch sie entscheiden sich häufig erst kurz vor dem Urnengang, wie der Politikwissenschaftler Probst berichtet.

Auch 2002 war jeder Dritte unentschlossen

Dass noch ein Drittel der Wähler unentschlossen ist, ist laut Schöppner im Vergleich mit anderen Bundestagswahlen ganz normal. Trotz des kürzeren Wahlkampfs und der langen Unsicherheit über den Wahltermin - erst gestern hat das Bundesverfassungsgericht den 18. September endgültig bestätigt - sind dieses Jahr fast genauso viele Wähler noch unentschlossen wie bei der Bundestagswahl 2002. Dass sich daran in den verbleibenden Wochen noch etwas ändern wird, hält Schöppner für unwahrscheinlich.

Ohnehin steht der Emnid-Chef dem Heer der unentschlossenen Wähler völlig gelassen gegenüber. "Es sind keine Erdrutsche zu erwarten", sagt Schöppner. Bei Umfragen antworteten die Last-Minute-Wähler entsprechend den bereits entschlossenen Wählern etwa auf Fragen nach der Wechselstimmung oder der Kompetenz der verschiedenen Politiker. Am prognostizierten Wahlausgang - derzeit eine Mehrheit für Union und FDP - wird also voraussichtlich auch das eine Drittel nicht mehr viel ändern.

Mit Überraschungen rechnet auch der Politikwissenschaftler Probst bei aller Vorsicht nicht mehr. Zumal sich unentschlossene Wähler laut Forschungsergebnissen häufig für die Partei entscheiden, die in den Prognosen vor der Wahl in Führung liegt, Experten sprechen vom "band-waggon-effect", nach dem der Mensch sich wohler fühlt, wenn er zu den Gewinnern gehört.

Isabell Scheuplein, AP



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