Rot-Grün schwächelt Für die SPD geht es nur noch um die Große Koalition

Rückenwind fühlt sich anders an. Zwar hat die SPD bei der Bayern-Wahl leicht zugelegt. Dafür schwächelt jetzt der grüne Koalitionspartner. Offiziell halten beide Seiten am Ziel Rot-Grün fest, doch am Ende dürfte es aus Sicht der Sozialdemokraten nur für eine Große Koalition reichen.

Kanzlerkandidat Steinbrück, SPD-Chef Gabriel: Noch hoffen sie auf Rot-Grün
Reynaldo C. Paganelli/ Demotix

Kanzlerkandidat Steinbrück, SPD-Chef Gabriel: Noch hoffen sie auf Rot-Grün

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Berlin - Wenn man führenden Sozialdemokraten nach dieser Bayern-Wahl zuhört, könnte man meinen, sie hätten da einen ordentlichen Sieg eingefahren. Von einer "ganzen Portion Zuversicht" spricht Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, auch die Generalsekretärin gibt sich äußerst zufrieden. Ein "gutes Ergebnis" meint Andrea Nahles erkennen zu können und streut diese Sichtweise, wo immer sie auftritt.

Die gute Stimmung, die die Sozialdemokraten nach außen tragen, mag verwundern: Gerade mal 21 Prozent haben die Genossen bei der Landtagswahl im Freistaat geholt. Das ist für eine Partei, die sich noch immer als Volkspartei versteht und kommenden Sonntag das Kanzleramt zurückerobern will, eher bescheiden. Auch hat man es zum ersten Mal seit 2010 in einem Bundesland verpasst, in die Regierung einzuziehen. Rückenwind, eine Woche vor der Bundestagswahl, sieht anders aus. Aber in der SPD ist man schon froh, dass es kein Totalabsturz geworden ist.

Es gibt ein paar Dinge, die sich die Sozialdemokraten jetzt zurechtlegen aus dem bayerischen Wahlergebnis, und das nicht ganz zu Unrecht.

  • Da ist zum einen natürlich das miserable Abschneiden der FDP, das die SPD-Spitze in den kommenden Tagen noch genüsslich ausschlachten dürfte.
  • Da ist die Tatsache, dass man ein paar Prozent besser abgeschnitten hat, als es die Umfragen vorhersagten.
  • Und da ist die gestiegene Wahlbeteiligung, von der die Sozialdemokraten profitierten.

Besonders Letzteres ist es, das die Bundes-SPD ein wenig darauf hoffen lässt, dass das Ergebnis am 22. September einigermaßen anständig werden wird. Für die letzten Tage will man noch einmal im ganzen Land mobilisieren, um die eigenen Leute zur Urne zu treiben. Zwar sei man in Sachen Mobilisierung längst "im roten Bereich", sagt Kanzlerkandidat Steinbrück. Aber ein bisschen Luft nach oben gebe es da noch. "Es ist ein offenes Rennen", meint der Kandidat.

Offiziell hält man weiter am Wahlziel Rot-Grün fest

Trotz der bescheidenen Aussichten halten die Sozialdemokraten dabei weiter am Wahlziel Rot-Grün fest, offiziell zumindest. "Wir stehen für eine Koalition: für Rot-Grün", sagt SPD-Chef Sigmar Gabriel und schiebt vollmundig hinterher: "Wenn die FDP nicht einzieht, dann haben wir darauf auch eine große Chance." Dabei ist auch führenden Sozialdemokraten längst klar, dass es nach der Bundestagswahl - sollte nicht ein mittleres Wunder geschehen - allenfalls für eine Neuauflage der ungeliebten Großen Koalition reichen dürfte. Der Wahlausgang in Bayern lässt diese Option noch ein wenig wahrscheinlicher werden.

Denn auch im Freistaat war nun ein Trend zu beobachten, der sich seit längerem im Bund andeutet: Die SPD stabilisiert sich, die Grünen werden schwächer. Das ist für die gemeinsamen Pläne nicht förderlich, aber die Sozialdemokraten können mit dem Trend leben. Denn sie wissen: Je stärker sie werden, desto leichter wäre ein Gang in die Große Koalition und desto mehr könnte man in einem solchen Bündnis inhaltlich herausholen.

Die Grünen-Devise: "Jetzt erst recht"

"Sch…". So lautet das Wort des Abends bei den Grünen. Die Stimmung ist miserabel in der Parteizentrale, als die ersten Prognosen über die Bildschirme flimmern. Es ist ein Wahlsonntag zum Abhaken für die Grünen, die sich aus Bayern nach dem Umfragentief der vergangenen Wochen eine Trendwende versprochen hatten. Deutlich zweistellig sollte das Ergebnis werden. Stattdessen kamen die Grünen auf gerade einmal 8,6 Prozent und verloren im Vergleich zu 2008 sogar noch einen knappen Prozentpunkt.

Keiner bei den Grünen streitet öffentlich ab, dass man enttäuscht über dieses Ergebnis ist. Weder in München, noch in Berlin die Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin. Auch intern: In der Telefonschalte mit dem Bundesvorstand sei das Ergebnis am frühen Abend ehrlich analysiert worden, heißt es - aber genauso hätte Einigkeit darüber geherrscht, dass nun die Devise "Jetzt erst recht" heißen muss.

Sollte die Wahl schiefgehen für die Grünen, werden ab 18 Uhr am kommenden Sonntag die Fetzen fliegen, dann geht es los mit den parteiinternen Schuldzuweisungen, vor allem Spitzenkandidat Trittin dürfte dann unter Druck kommen, aber bis dahin haben sie sich Disziplin verordnet. Die Grünen wollen jetzt kämpfen.

Sollen sie uns doch alle abschreiben! Die Grünen wollen in den letzten sieben Tagen den Abwärtstrend stoppen. "Uns bläst seit unserer Gründung der Wind ins Gesicht", sagt Trittin, "wir können es rumreißen." Aber wie? Zumal nun in der Debatte um die Verstrickungen der Grünen mit Pädophilie-Aktivisten auch der Spitzenkandidat selbst in die Schlagzeilen gerät. Klimaschutz, Energiewende, moderne Gesellschaft - diesen Dreiklang wollen die Grünen in den nur noch wenigen Tagen bis zur Bundestagswahl in der Republik predigen.

Aber natürlich wissen die Grünen, dass die Chancen auf eine Koalition mit der SPD immer mehr schwinden. Und dafür können sie inzwischen nicht mehr den Sozialdemokraten die Schuld in die Schuhe schieben.

Wahlergebnisse

insgesamt 381 Beiträge
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verdi49 16.09.2013
1. Erst große Klappe...
Zitat von sysopReynaldo C. Paganelli/ DemotixRückenwind fühlt sich anders an. Zwar hat die SPD bei der Bayern-Wahl leicht zugelegt. Dafür schwächelt jetzt der grüne Koalitionspartner. Offiziell halten beide Seiten am Ziel Rot-Grün fest, doch am Ende dürfte es aus Sicht der Sozialdemokraten nur für eine Große Koalition reichen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundestagswahl-spd-und-gruene-hoffen-weiter-auf-eine-mehrheit-a-922368.html
unter allen Umständen mit den Grünen zu koalieren und jetzt den Schwanz einziehen. Saubere Sozen! Die Frage ist nur, will der Wähler überhaupt das?
falx 16.09.2013
2. SPD gescheitert?
Die SPD hat aber offenbar noch nicht einkalkuliert, dass FDP und AfD reinkommen könnten, oder Die Linke ihr Koalitionsangebot zurückziehen könnte. Dann hat sie in den Koalitionsverhandlungen mit der Union kein Drohpotential Rot-Rot-Grün mehr, Grüne ebenso. Ich wünsche unserer neuen FDP viel Standhaftigkeit beim Abwicklern ihres Wahlprogrammes und eine schöne Zeit mit Angela. Steinbrück hat sich vorsorglich ja schon verabschiedet.
vbhfgdl 16.09.2013
3. Gleich zwei ...
Zitat von sysopReynaldo C. Paganelli/ DemotixRückenwind fühlt sich anders an. Zwar hat die SPD bei der Bayern-Wahl leicht zugelegt. Dafür schwächelt jetzt der grüne Koalitionspartner. Offiziell halten beide Seiten am Ziel Rot-Grün fest, doch am Ende dürfte es aus Sicht der Sozialdemokraten nur für eine Große Koalition reichen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundestagswahl-spd-und-gruene-hoffen-weiter-auf-eine-mehrheit-a-922368.html
... sozialdemokratische Parteien in der Regierung? So wird´s wohl kommen. Ich weiß nicht, ob das so gut ist für das Land.
derandersdenkende, 16.09.2013
4. Was heißt n u r noch um die große Koalition?
Zitat von sysopReynaldo C. Paganelli/ DemotixRückenwind fühlt sich anders an. Zwar hat die SPD bei der Bayern-Wahl leicht zugelegt. Dafür schwächelt jetzt der grüne Koalitionspartner. Offiziell halten beide Seiten am Ziel Rot-Grün fest, doch am Ende dürfte es aus Sicht der Sozialdemokraten nur für eine Große Koalition reichen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundestagswahl-spd-und-gruene-hoffen-weiter-auf-eine-mehrheit-a-922368.html
Ich hatte den Eindruck, es ging immer nur um eine solche. Gut auch andere Varianten innerhalb des neoliberalen Blockes waren im Blickfeld, wenn Bürger Zufall mitgespielt hätte. Aber linke solidarische Politik, in der die Teilnahme an Angriffskriegen nicht vorkommt, zu verhindern, war schon immer Programm der "SPD"-Führungsgilde!
krenz57 16.09.2013
5. optional
wäre eine große koalition eingehen und die wegen merkels " nichthandelns " platzen lassen und danach eine koaltion mit grün und linke , so gehts
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