SPIEGEL-Umfrage Union behauptet Vorsprung vor Grünen

Es ist noch nicht lange her, dass die Grünen in Umfragen auf Augenhöhe mit der CDU/CSU waren. Inzwischen ist der Abstand deutlich – die Präferenzen für Wunschkoalitionen auch.
CDU-Chef Armin Laschet (r.) bei einem Wahlkampfauftritt neben Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff

CDU-Chef Armin Laschet (r.) bei einem Wahlkampfauftritt neben Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff

Foto: Sebastian Willnow / dpa

In Sachsen-Anhalt hat die CDU ihren Status als Volkspartei bewahrt: Bei der Landtagswahl am vergangenen Sonntag wurden die Christdemokraten mit großem Vorsprung stärkste Kraft. Und auch bundesweit liegen die Unionsparteien rund dreieinhalb Monate vor der Bundestagswahl vorn in der Wählergunst. Das ergab eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für den SPIEGEL.

Wäre am Sonntag Bundestagswahl, kämen CDU und CSU demnach auf 29 Prozent, eine Verbesserung von zwei Prozentpunkten gegenüber dem Anfang Mai erzielten Wert. Die Grünen, damals noch bei 25 Prozent, büßten zuletzt ein. Sie liegen aktuell bei 21 Prozent.

(Mehr zur Civey-Methodik lesen Sie hier.)

Im Wesentlichen unverändert blieben zuletzt die Werte von SPD, FDP und AfD: Die Sozialdemokraten verharren bei 16 Prozent, die FDP liegt bei zwölf und die AfD bei zehn Prozent. Die Linke kommt wie zuletzt auch auf sechs Prozent.

Deutschland, Schwarz-Grün, Jamaika, Ampel – oder etwas anderes?

Die aktuellen Umfragewerte lassen – vor allem angesichts der Fehlertoleranz von 2,5 Prozentpunkten – eine Reihe von Koalitionen als zumindest rechnerisch möglich erscheinen. Der sogenannten Deutschlandkoalition aus Union, SPD und FDP kommen derzeit besonders viele Sympathien zu. Gut 20 Prozent der Befragten würden sich am ehesten dieses Bündnis nach der Bundestagswahl wünschen.

Auch ein Bündnis aus Grünen, Sozialdemokraten und Linken findet Unterstützung (15 Prozent), ebenso eine schwarze-grüne Koalition (zwölf Prozent) oder ein Jamaikabündnis von Union, Grünen und FDP (elf Prozent). Zehn Prozent sprechen sich für eine Ampelkoalition aus Grünen, SPD und FDP aus.

Unbeliebter ist eine Fortsetzung der Großen Koalition; dies halten nur rund sechs Prozent für wünschenswert. Auch die in Sachsen-Anhalt erprobte Keniakoalition aus Union, Grünen und SPD ist mit Zustimmungswerten von rund drei Prozent kaum erwünscht. Rund ein Fünftel der Bevölkerung kann sich für keine der genannten Konstellationen erwärmen, sondern bevorzugt eine andere Koalition.

Deutschlandkoalition hat viele Fans bei Anhängern von Union und FDP

Interessant ist, welche Bündnisse bei den Wählerinnen und Wählern der unterschiedlichen Parteien besonders beliebt sind. Im Falle der Union sind es eine Deutschlandkoalition (36 Prozent), ein Jamaikabündnis (21 Prozent) und Schwarz-Grün (15 Prozent).

Den SPD-Anhängerinnen und -Anhängern ist ein Bündnis mit Union und FDP mit 15 Prozent dagegen nur die drittliebste Option – sie favorisieren eine Koalition mit Grünen und Linken (28 Prozent) oder eine Ampelkoalition (19 Prozent).

Anhängerinnen und Anhänger der FDP sehen neben einem Bündnis mit Union und SPD (40 Prozent) vor allem Jamaika (24 Prozent) oder eine andere Koalition (25 Prozent) als Optionen.

Ziemlich gleichmäßig sind die Sympathien im Lager der Personen verteilt, die die Grünen unterstützen: Noch lieber als Schwarz-Grün (26 Prozent) und Ampel (23 Prozent) hätten sie gern eine Grün-Rot-Rote Koalition (31 Prozent). Letzteres ist auch mit großem Abstand Wunschbündnis bei Wählerinnen und Wählern der Linken.

Immerhin 19 Prozent der Anhänger der AfD sind einer Deutschlandkoalition zugetan, obwohl die Partei an einer solchen nicht beteiligt wäre. 72 Prozent wünschen sich allerdings eine andere Regierungskonstellation.

Warum die Umfragen in Sachsen-Anhalt danebenlagen

Wichtig ist, dass die Werte keine Prognosen sind, sondern eine Momentaufnahme des Stimmungsbilds im Land – und wegen des statistischen Fehlers mit Ungewissheiten behaftet. Besonders deutlich ließ sich das bei der Wahl in Sachsen-Anhalt beobachten. Umfragen lagen zum Teil weit neben dem tatsächlichen Ergebnis. In einer Civey-Umfrage für den SPIEGEL etwa kam die CDU vier Tage vor der Wahl auf 29 Prozent, die AfD auf 28. Am Ende lagen zwischen den beiden Parteien rund 16 Prozentpunkte.

Fachleute sehen mehrere Gründe für die Abweichungen. In einem Interview mit dem SPIEGEL nannte der Politikwissenschaftler Rüdiger Schmitt-Beck etwa den Umstand, dass Umfrageinstitute Daten bereinigen und gewichten, um die Ergebnisse belastbarer zu machen (das ganze Interview lesen Sie hier.)

Hinzu komme, dass Wahlumfragen vor Landtagswahlen schwieriger durchzuführen seien. Es sei kostspieliger und aufwendiger, gute Stichproben zu erstellen. Zudem sei Ostdeutschland beim Wahlverhalten ein Sonderfall. »In den Ostbundesländern sind Parteibindungen schwächer, weil dort das Parteiensystem nicht so tief verwurzelt ist«, sagte der Politikwissenschaftler. Entsprechend gebe es dort auch mehr Fluktuation bei den Wählerinnen und Wählern.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt Civey. Bei der vergleichsweise hohen Abweichung handele es sich um »ein Phänomen, das wir in den ostdeutschen Bundesländern wiederholt beobachten – zuletzt bei der Landtagswahl in Brandenburg, aber auch bei der Wahl in Sachsen-Anhalt 2016«, teilt das Meinungsforschungsinstitut mit. Es zeige sich, dass Wählerinnen und Wähler hier »mobiler in ihren Wahlentscheidungen« seien.

Die unterschiedlichen Erhebungen zu Union und AfD könnten laut Civey auf ein taktisches Wahlverhalten der Bürgerinnen und Bürger zurückzuführen sein. Womöglich habe die CDU mit ihrem Ministerpräsidenten Reiner Haseloff von der Sorge profitiert, dass die AfD stärkste Kraft werden könnte.