Wahlumfragen Warum der Kampf ums Kanzleramt längst nicht entschieden ist

Nach den neuesten Umfragen sieht mancher Olaf Scholz oder Armin Laschet schon im Kanzleramt. Tatsächlich sind die einzelnen Ergebnisse mit Vorsicht zu behandeln – sie sagen wenig über das, was noch kommt.
Wahlplakate zur Bundestagswahl 2021

Wahlplakate zur Bundestagswahl 2021

Foto: Arnulf Hettrich / imago images

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Wahlumfragen beschäftigen Politik und Medien ständig, vor allem kurz vor der Bundestagswahl. Fast täglich gibt es nun Meldungen über neue Umfragekönige und die Schmach jener Parteien, die an Prozentpunkten verlieren. Weil die SPD in Umfragen erstmals wieder vor den Grünen lag, sieht mancher statt einem Kanzler-Triell zwischen Armin Laschet, Olaf Scholz und Annalena Baerbock schon ein Duell – zu schlecht seien die Umfragewerte der Grünen, um sie noch als Anwärter auf das Kanzleramt ernst nehmen zu können.

Diese Einordnungen gehören als taktische Manöver zum Wahlkampf. Umso mehr sind die Umfragen, auf denen sie basieren, mit Vorsicht zu behandeln. Denn in den Wochen vor der Wahl stehen sie weniger für das zu erwartende Wahlergebnis als für die Tendenz der Öffentlichkeit, ihre Aussagekraft zu überschätzen.

Umfragen sind keine Prognosen

Zunächst sind Umfragen nicht mit Prognosen zu verwechseln, wie der Politikwissenschaftler Rüdiger Schmitt-Beck in einem Interview nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erklärte. »Umfragen vor der Wahl geben keinen Ausblick auf das Wahlergebnis, sondern zeigen eine politische Momentaufnahme.«

Bei der Landtagswahl im Juni wurde das einmal mehr deutlich, als Institute wie Civey und Insa in ihren Umfragen die AfD und die CDU nah beieinander sahen, die CDU die Wahl dann aber mit fast 17 Prozentpunkten Vorsprung vor der AfD gewann.

Tatsächlich ist eine solche Überschätzung der AfD in Umfragen eher ungewöhnlich, normalerweise wird die Partei eher unterschätzt. Ihre Wählerschaft nimmt offenbar weniger häufig an Umfragen teil und legt ihre Parteipräferenz seltener offen – vermutlich auch, weil die Wahl der AfD gesellschaftlich weniger akzeptiert ist.

Demoskopie mit Hürden

Bei der Erhebung von Daten ist die Forschung mit einer Vielzahl solcher Schwierigkeiten konfrontiert. Die AfD ist in Umfragen unterrepräsentiert, die Grünen sind dafür eher überrepräsentiert. Zudem werden nicht alle gesellschaftlichen Gruppen gleich gut erreicht, etwa weil nicht jeder tagsüber ans Telefon gehen kann und die Bereitschaft zur Teilnahme insgesamt in den vergangenen Jahren stark abgenommen hat.

Um sich der tatsächlichen Bevölkerungsstruktur und ihren Wahlpräferenzen annähern zu können, gewichten Umfrageinstitute daher die Daten nach der Erhebung. Wie genau diese Anpassung der Daten aussieht und welche Faktoren dabei berücksichtigt werden, ist allerdings Betriebsgeheimnis der Institute.

Die Gewichtungen mögen also gerechtfertigt sein, gehen aber auch meist mit einer gewissen Intransparenz einher. Die veröffentlichten Daten entsprechen nicht den erhobenen und sind daher vor allem als Annäherung an die politische Stimmung im Land zu verstehen.

Wahlumfragen lassen Raum für Fehler

Warum Umfrageforschung schwierig ist, zeigt sich auch in den Größenverhältnissen, mit denen Umfragen arbeiten. Anhand von 1000 bis 2000 Personen wird versucht, Aussagen über die Präferenz von 60 Millionen Wahlberechtigten zu treffen. Durch statistische Verfahren ist es möglich, solche Schlüsse zu ziehen. Weil diese Rückschlüsse aber nicht punktgenau sein können, gehen Umfragen immer mit einer Fehlertoleranz einher, die je nach Institut meist zwischen zwei und drei Prozentpunkten liegt.

Was das wirklich bedeutet, wird mit einem Blick auf aktuelle Ergebnisse erkennbar. In einer aktuellen Umfrage von Insa liegt die Union bei 20,5 Prozent, die SPD bei 26 Prozent und die Grünen hinken mit 15 Prozent hinterher. Erstmals seit April 2017 sehen Umfragen die SPD damit wieder vor der Union.

Berücksichtigt man allerdings die Fehlertoleranz, wirkt das Ergebnis schnell weniger monumental. Das Umfrageinstitut Insa gibt die Fehlertoleranz für Umfragen mit 2,5 Prozentpunkten an. In der Realität können die Werte der Parteien also um plus minus 2,5 Prozentpunkte variieren.

Die Grünen könnten also auch auf 17,5 und die Union auf 18 Prozent kommen. Ebenso könnte die Zustimmung zur SPD in der Gesamtbevölkerung auch bei 28,5 und die zur Union doch bei 23 Prozent liegen.

Es wäre angesichts dieser Zahlen daher genauso falsch, die Grünen zu abgeschlagenen Verlierern zu erklären, wie zu behaupten, dass keine dieser Parteien die anderen noch hinter sich lassen könnte.

Bei kleinen Parteien oft genauer

Die Fehlertoleranz steigt zudem, wenn eine Partei näher an die 50 Prozent rückt. Je größer der Anteil einer Partei in der Umfrage ist, desto ungenauer kann die Schätzung also sein. Das heißt umgekehrt: Gerade bei kleinen Parteien ist die Schätzung vor der Wahl oft genauer. Das zeigte sich auch schon bei den vergangenen Wahlen. Die Umfrageergebnisse waren für kleine Parteien oft über einen längeren Zeitraum hinweg relativ stabil.

Wer am Ende wirklich die Oberhand gewinnt, lässt sich mit Umfragen also schlecht abbilden, Beispiele dafür finden sich in der jüngeren Vergangenheit genug. Vor dem Brexit sahen Umfragen die Seite der EU-Anhänger vorn, vor der US-Präsidentschaftswahl 2016 wiesen sie darauf hin, dass nicht Donald Trump, sondern Hillary Clinton im Weißen Haus sitzen würde. In beiden Fällen kam es bekanntlich anders.

Aber auch die vergangenen Bundestagswahlen zeigen, dass Umfragen fünf Wochen vor der Wahl nur ein Abriss der politischen Stimmung sind. Im August 2017 sahen mehrere Institute die Union noch bei 38 bis 40 Prozent – bei der Wahl im September erreichte sie mit 32,9 Prozent schließlich deutlich weniger. Ähnlich sah es damals bei der SPD aus.

Das Wahlverhalten ändert sich

Dass Umfrage- und Wahlergebnisse stark variieren können, hat auch mit einem veränderten Wahlverhalten zu tun. Die Kontinuität hat abgenommen, Parteien können sich immer weniger auf eine Stammwählerschaft verlassen. Laut einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung konnte sich 2021 jede vierte befragte Person nur bei einer Partei vorstellen, sie zu wählen. Viele Wählerinnen und Wähler sind also nicht auf eine Partei festgelegt. Die Wechselbereitschaft ist groß, die Wählerschaft verteilt sich gleichmäßiger auf mehrere Parteien, die Stimmung ist volatiler.

Deutlich wird das auch im Vergleich zu länger zurückliegenden Wahlen. 1998 schaffte es Gerhard Schröder mit der SPD, einen deutlichen Sieg gegen die CDU zu erringen und Helmut Kohls Regierung abzulösen. Schon Wochen vor der Bundestagswahl variierten die Umfrageergebnisse für Union und SPD dabei nur noch gering. Die Schätzungen lagen dann auch recht nahe an dem wirklichen Ergebnis, die SPD erreichte damals über 40 und die Union knapp 36 Prozent.

Im Jahr 2021 ergibt sich hingegen ein gänzlich anderes Bild: Die Union hat seit Anfang Juli teilweise sieben Prozentpunkte in Umfragen verloren, die SPD dagegen bis zu sechs zugelegt. Die politische Stimmung ist entsprechend stark in Bewegung – und die Wahl noch längst nicht entschieden.

Während Umfragen wenige Tage vor der Wahl das Ergebnis schon relativ präzise widerspiegeln können, ist in den Wochen vorher noch viel Spielraum. So sind auch die aktuellen Ergebnisse zu bewerten. Das liegt zum einen daran, dass innerhalb von einigen Wochen noch viele Dinge passieren können, die die politische Stimmung drehen. Mitte Juli wurde Deutschland noch von den Bildern der Flutkatastrophe beherrscht, jetzt hält die dramatische Lage in Afghanistan die Politik in Atem. Welche Bilder bis zur Wahl entscheidend sind, ist noch offen.

Zum anderen konkretisiert sich die Entscheidung vieler Wählerinnen und Wähler erst kurz vor der Wahl. Laut einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen gaben Mitte August 20 Prozent der Befragten an, noch unentschlossen zu sein. Jede fünfte Person wusste dieser Umfrage zufolge also noch nicht, wen sie überhaupt wählen will.

Gerade in diesem Wahlkampf, in dem wenige Prozentpunkte schon andere Mehrheitsverhältnisse bedeuten können, sollten Umfragen daher umso genauer als das betrachtet werden, was sie sind: eine Momentaufnahme. Eine Partei oder einen Spitzenkandidaten jetzt abzuschreiben, ist mindestens verfrüht. In der verbleibenden Zeit vor der Wahl ist eine Fortsetzung bestehender Trends genauso möglich wie die unerwartete Kehrtwende.

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