Podcast zur Wahl Wie divers muss der Bundestag sein?

Die Abgeordneten im neuen Bundestag sollen die Bevölkerung vertreten – aber wie gut können sie das, wenn etwa Frauen und Migranten deutlich unterrepräsentiert sind? Antworten im Stimmenfang.

Ein paar mehr Frauen, ein paar mehr junge Leute – und fertig ist der neue Bundestag. Große Sprünge bei der Diversität gibt es im Parlament nicht. Dabei unterscheiden sich die Parteien drastisch: Während in der Unionsfraktion Männer deutlich in der Überzahl sind (77 Prozent), besteht die Grünenfraktion zu 58 Prozent aus Frauen.

Die scheidende Bundestagsabgeordnete Elisabeth Motschmann (CDU) zieht nach der Wahl ein bitteres Fazit. »Mir persönlich geht es gut. Meiner Partei geht es schlecht. Wir haben dramatisch verloren«, sagt Motschmann im Stimmenfang-Podcast. »Und was mich auch traurig stimmt, ist, dass wir mit dem Anteil der Frauen kaum weitergekommen sind.«

Der Frauenanteil im neuen Bundestag ist im Vergleich zur abgelaufenen Legislaturperiode leicht gestiegen und liegt bei 34,7 Prozent. Der geringe Frauenanteil sei »einfach nicht mehr hinnehmbar«, so Motschmann.

Die Politikerin wird dem neuen Bundestag nicht mehr angehören – allerdings unfreiwillig, wie sie selbst sagt. Motschmann verlor den ersten Listenplatz für die Bundestagswahl in Bremen an den männlichen Parteikollegen Thomas Röwekamp und entschied sich daraufhin, nicht wieder anzutreten. Röwekamp ist nach dem schwachen Wahlergebnis der einzige CDU-Vertreter aus Bremen im Bundestag. Auch Wiebke Winter , seit Januar Mitglied im CDU-Bundesvorstand und Teil des »Klimateams« Armin Laschets, schaffte den Einzug ins Parlament nicht.

»Sachsen braucht Vorbilder«

Grünenpolitiker Kassem Taher Saleh

Ganz anders ist die Lage bei den Grünen. Deren Fraktion ist so groß wie nie – und hat auch bei der Vielfalt Fortschritte gemacht. »So divers waren wir noch nie«, sagte Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt . Ein Beispiel dafür ist ein neues Gesicht in der Fraktion, Kassem Taher Saleh. Er hofft, dass sein Mandat andere Menschen in Sachsen zu politischem Engagement bewegt.

»Sachsen braucht Vorbilder, um andere Menschen zu motivieren, politisch aktiv zu sein«, sagt Taher Saleh im Stimmenfang. Der gebürtige Iraker wuchs im sächsischen Plauen auf und kandidierte in Dresden für den Bundestag. Über die Landesliste der Grünen schaffte er den Einzug ins Parlament.

»Ich habe Fluchterfahrung und kann aus einer persönlichen Perspektive berichten, was es heißt, als Geflüchteter hier aufzuwachsen. Ich kenne auch die Rechtsextremisten.« In Taher Salehs Heimatort Plauen ist die rechtsextreme Kleinstpartei »III. Weg« stark vertreten. Vor der Bundestagswahl sorgte sie mit der Plakatkampagne »Hängt die Grünen« für bundesweites Aufsehen, die schließlich gerichtlich untersagt wurde.

»Da siehst du die Nazis auf der Straße, und am Wochenende spielst du vielleicht gegen die Fußball«, sagt Taher Saleh. »So ein Umfeld, das prägt einen extrem. Und dementsprechend finde ich es wichtig, dass man politische Arbeit macht. Weil dann hat man eben nicht nur das theoretische Wissen, sondern auch die praktische Erfahrung dazu.« Gleichzeitig möchte Taher Saleh nicht auf seine Rolle als Migrant reduziert werden: Im Bundestag will sich der Bauingenieur im Bauausschuss für Nachhaltigkeit und Klimaschutz engagieren.

Wir haben mit Motschmann und Taher Saleh darüber gesprochen, wie wichtig Diversität im Bundestag ist – und ob Quoten der richtige Weg zu einer besseren Repräsentation sind. Außerdem erklärt das Forschungsduo Stefanie Bailer und Christian Breunig, wie sich Diversität auf die politische Praxis der Abgeordneten auswirkt.

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