Bundeswehr-Crashs In sieben Sekunden vom Manöver in den Tod

Ein Jahr nach den Abstürzen eines Eurofighters und eines Helikopters der Bundeswehr sind die Unfalluntersuchungen abgeschlossen. Der geheime Bericht konstatiert Pilotenfehler - aber auch Defizite bei der Truppe.
Eurofighter der Luftwaffe

Eurofighter der Luftwaffe

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Oliver Berg/ dpa

Die tödlichen Abstürze eines Eurofighter-Kampfjets über Mecklenburg-Vorpommern und eines Helikopters der Bundeswehr in Niedersachsen im Sommer 2019 sind laut internen Untersuchungen der Bundeswehr durch Fehler der Piloten verursacht worden. Gleichsam aber gab es Mängel bei der Dienstaufsicht. Dieses Ergebnis legte der General Flugsicherheit der Bundeswehr nach SPIEGEL-Informationen vergangene Woche dem Verteidigungsministerium vor.

General Peter Klement, der alle Unfälle von fliegendem Gerät der Truppe untersucht, hatte sowohl den Zusammenstoß zweier Eurofighter bei einer Luftkampfübung Ende Juni als auch den Absturz eines Eurocopter-Helikopters wenige Tage später untersucht. Bei dem Kampfjet-Unfall war ein 27-jähriger Oberleutnant, der sich in der Flugausbildung befand, ums Leben gekommen. Bei dem anderen Crash verbrannte ein Mitglied des Pilotenteams, eine 26-jährige Soldatin, in den Trümmern ihres Helikopters EC135.

Laut dem Bericht kam der Eurofighter-Unfall vor allem durch die Unaufmerksamkeit des 27-jährigen Oberleutnants zustande. Gemeinsam mit einem Fluglehrer verfolgte der Pilot an dem Unglückstag bei der Luftkampfübung einen dritten Eurofighter des Luftwaffengeschwaders "Steinhoff". Dabei konzentrierte sich der Oberleutnant offenbar zu stark auf das Zielobjekt und vergaß, dass der zweite Jäger direkt neben ihm flog. Dann rammte er ihn bei einem Flugmanöver.

Keine Chance für den Piloten

Klement beschreibt den Unfall Schritt für Schritt. Zwischen einem völlig normalen Manöver im Luftkampf und dem tödlichen Crash der beiden Jets hätten nur sieben Sekunden gelegen, so der General.

Der Unglückspilot hatte keine Chance, er starb vermutlich schon bei der Kollision der beiden tonnenschweren Kampfjets in der Luft. Sein Kamerad, ein erfahrener Fluglehrer, konnte sich noch mit dem Schleudersitz retten. Er wurde kurz nach dem Crash aus einer Baumkrone gerettet.

Bei der Untersuchung förderte Klement auch Ungereimtheiten zutage. So fand sein Team heraus, dass der Unglückspilot vor dem Crash nicht in Deutschland, sondern in Spanien trainiert wurde. Dort allerdings trainieren die Piloten stärker die Bekämpfung von Zielen am Boden als den Luftkampf mit anderen Jets. Trotzdem reihte sich der Pilot nach der Rückkehr nach Deutschland ganz normal in seinem Geschwader ein, mögliche Lücken bei seinem Trainingsstand wurden nicht thematisiert.

Zudem fiel der Unglückspilot kurz vor dem fatalen Unfall wegen schwacher Flugleistungen auf, bestand einen Eignungstest nicht, musste eine Prüfung wiederholen. Nur einen Tag vor dem Crash zeigte er bei einem ganz ähnlichen Manöver Schwächen im Flug. Klement geht deswegen mit den Ausbildern recht hart ins Gericht. Er schreibt sogar von mangelnder Dienstaufsicht, da sowohl die Unterschiede der Ausbildungen als auch die Schwächen des Piloten nicht hart genug nachverfolgt worden seien.

Möglicherweise haben die Defizite sogar juristische Folgen. Die Staatsanwaltschaft jedenfalls führt bereits Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung. Noch laufen die Recherchen gegen unbekannt, doch die Staatsanwälte werden sich Klements Bericht genau ansehen. Bei der Truppe ist die Nervosität zu spüren. Als Klement seine Erkenntnisse kürzlich vor Abgeordneten vortrug, widersprach ihm der Befehlshaber der Luftwaffe energisch. Er betonte stattdessen, der Pilot sei sehr eng betreut worden.

Beim Absturz des Eurocopter-Helikopters einige Tage nach dem Eurofighter-Unglück lesen sich die Vorwürfe sehr viel weicher. In seinem Bericht schildert General Klement detailliert, dass die Unglückspilotin bei einem extremen Tiefflug vorschriftswidrig eine steile Linkskurve geflogen sei. Innerhalb von Sekunden habe sich der Helikopter vom Typ EC135 überschlagen, schlug dann auf dem Boden auf. Die Pilotin wurde so unglücklich eingeklemmt, dass sie sich nicht mehr retten konnte.

Zu hohe Risikobereitschaft

Trotzdem beschreibt der Bericht eine Verkettung unglücklicher Tatsachen, die letztlich das risikoreiche Manöver der Pilotin begünstigten. So habe ein Team der Bundeswehr-Redaktion mit dem Pilotenteam vor dem Unglücksflug über mehrere Tage Bilder für den Instagram-Account der Truppe gemacht. Klement vermutet , dass allein die Präsenz des Fotografen die mit 450 Flugstunden sehr erfahrene Pilotin später zu immer waghalsigeren Manövern verführt und bei ihr letztlich eine zu hohe Risikobereitschaft erzeugt hätten.

Nach der Vorlage des Berichts müssen nun Luftwaffe und Heer prüfen, welche Konsequenzen sie aus den möglichen Defiziten ziehen. In Bundeswehrkreisen wird betont, dass Klement als direkte Unfallursachen jeweils Fehler der Piloten nennt. Die Mängel bei der Dienstaufsicht indes würden als begünstigende Faktoren erwähnt. Für Klement waren es erst mal die letzten aufwendigen Unfallrecherchen. Der 61-Jährige wechselt schon bald auf einen Dienstposten in Italien.

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, die Bundeswehr habe mit der Unglückspilotin ein Werbevideo zur Nachwuchswerbung gedreht. Tatsächlich handelte es sich um Bilder für den Instagram-Account der Truppe, sagte ein Sprecher des Ressorts nach Veröffentlichung des Texts.

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