Bundeswehr Deutsche Soldaten schmuggelten Waffen

Kalaschnikows, Granatenzünder, Munition: Deutsche Kfor-Soldaten sollen aus dem Kosovo heimlich Waffen nach Deutschland transportiert haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.
Von Udo Ludwig und Georg Mascolo

Wenn der deutsche Soldat seinen Ehrentag in der Fremde feiert, muss auch das Geschenk ein landestypisches sein. Eine nette Überraschung hatten sich Offiziere des ersten Kosovo-Kontingents der Bundeswehr für einen ihrer Kommandeure ausgedacht. Schließlich kam der Mann nicht einmal zum 25-jährigen Dienstjubiläum nach Hause. Ein besonders fein gearbeitetes Sturmgewehr mit blitzendem Klappbajonett aus der Waffenfamilie Kalaschnikow erstanden die Bundeswehroffiziere an ihrem Stationierungsort in Suva Reka. Gezim Hazarole, der örtliche Kommandeur der Kosovo-Befreiungsarmee UÇK, hatte den Kollegen gern bei der Beschaffung des chinesischen Nachbaus der legendären russischen AK-47 geholfen. Ganz gerührt war der Herr Oberstleutnant, als ihm das Präsent am 1. Juli 1999 überreicht wurde. Das Ansinnen, doch testhalber gleich einmal ein paar Salven abzufeuern, lehnte er aber ab. Denn der Jubilar hatte gleich nach der Überreichung der Waffe ein mulmiges Gefühl bekommen und befohlen, das Ding zu "legalisieren", sonst dürfe er das schöne Stück nicht mit nach Hause nehmen. Die spendablen Kameraden denken mittlerweile nicht mehr ganz unbeschwert an die Jubelfeier im Kosovo zurück, ihre Erinnerungsfotos sind inzwischen beschlagnahmt. Wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz soll drei von ihnen, darunter einem Kompanieführer, der Prozess gemacht werden. In München, Zwickau und Augsburg haben die Staatsanwaltschaften bereits Anklage erhoben. Und dass die Justiz es ernst meint, wissen die Kosovo-Kämpfer, seit ein ebenfalls beteiligter Hauptfeldwebel im vergangenen November in Augsburg zu sieben Monaten Haft auf Bewährung verurteilt wurde. Denn die Kalaschnikow aus dem Kosovo-Krieg wurde ­ säuberlich zerlegt ­ nach Deutschland geschmuggelt und hier auf dem Luftwaffenstützpunkt Penzing bei Landsberg sichergestellt. Zollbeamte hatten sie entdeckt, obwohl die Waffenteile geschickt zwischen allerlei Gefechtsmaterial versteckt worden waren. Bis heute ist nicht geklärt, wer den Transport nach Deutschland arrangierte oder den Befehl dazu gab. Sicher aber ist, dass sich die Jubiläumsgäste vergebens um eine Einfuhrgenehmigung nach Deutschland bemüht hatten. Immer wieder schmuggeln Bundeswehrsoldaten in größeren Mengen Zigaretten und Schnaps, aber auch Waffen und Munition, die es in dem ehemaligen Kriegsgebiet überreichlich gibt, in die Heimat. Und das, obwohl das Verteidigungsministerium ausdrückliche Weisung erlassen hat, keinerlei Kriegsmaterial aus dem Kosovo nach Deutschland einzuführen. "Das sind schwer wiegende Vorwürfe, die in jedem Einzelfall geprüft und durchermittelt werden müssen", sagt ein Sprecher der Bundeswehr. Genaue Zahlen über Vergehen solcher Art konnte die Truppe in der vergangenen Woche nicht nennen, dafür seien umfangreiche Recherchen notwendig. Einige sind es offenbar schon: Vor der Großen Strafkammer des Landgerichts in Darmstadt findet voraussichtlich noch in diesem Frühjahr das Verfahren gegen zwei Feldwebel, einen Major und einen Hauptmann statt. Diese, ebenfalls Mitglieder des ersten Kfor-Kontingents im Kosovo, sollen gleich in 10 094 Fällen gegen das deutsche Sprengstoffgesetz und in 7144 Fällen gegen das Waffengesetz verstoßen haben. Unter einer als "Verbandsmaterial und Drahtbürsten" deklarierten explosiven Fracht waren auch Handgranatenzünder, 1920 Grundladungen für Mörserpatronen und vier Pistolen osteuropäischer Bauart. Das in sieben Paletten verborgene Kriegsgut war beim Abladen von einem Lkw in der Frankenstein Kaserne in Darmstadt aufgefallen. Ausgerechnet ihr dienstlicher Auftrag scheint die Soldaten in Versuchung geführt zu haben: Bis heute gilt die Beseitigung von Minen, Munition und Blindgängern der Nato-Luftangriffe als eine der Hauptaufgaben des rund 5200 Mann starken deutschen Kontingents. Die Männer eines Kampfmittelbeseitigungszugs machten schon bald nach ihrer Entsendung im Juni 1999 reichlich Beute. In einer von der jugoslawischen Armee aufgegebenen Kaserne in Prizren stießen sie auf große Mengen Munition. Ganz "begeistert", gestanden die Angeklagten in ihren dienstlichen Vernehmungen durch die Bundeswehr, seien sie von dem Fund gewesen. Statt, wie befohlen, die Geschosse zu vernichten oder in Sammellagern abzuliefern, einigten sich die Bundeswehrpioniere, das Material für Übungszwecke nach Deutschland zu schaffen. In ihrer Kaserne in Sachsen-Anhalt wollten sie mit der Beute die "Ausbildung in der Handhabung von Beutewaffen" perfektionieren. Schließlich, gestanden sie ganz kleinlaut, sei Originalmaterial des Gegners immer ziemlich knapp gewesen. Die Staatsanwaltschaft geht jedoch davon aus, dass die vier Männer die im Kosovo besorgten Explosiva zu Hause in Deutschland aufteilen wollten. Bis zum Abtransport sicherten die Soldaten den Fundort mit einem Minen-Warnschild. Per Bundeswehr-Lkw wurden die Waffen in die Kaserne von Suva Reka geschafft und dort gelagert. Die aufgesammelten Reste des Kosovo-Kriegs füllten schließlich 25 Paletten. Auf die Reise wurden zunächst nur 7 geschickt. Weil ein Gefahrgut-Container für den Transport per Schiff nicht aufzutreiben war, landete das gefährliche Zeug schließlich auf dem Hänger einer zivilen Spedition. Nach der Beschlagnahme in Darmstadt wurde der Inhalt der restlichen 18 Boxpaletten in Suva Reka eilig vernichtet. Ob alle Angeklagten wirklich nur an Ausbildung gedacht haben, wird erst der Prozess zeigen: Einer der Soldaten sammelt auch privat Schusswaffen aller Art. Bei einer Durchsuchung in der Wohnung des Oberfeldwebels entdeckte die Staatsanwaltschaft unter der Dachschräge versteckt Karabiner und Repetierbüchsen. Auch für die Bundeswehr ist der Fall ziemlich peinlich: Zeugen sagten aus, es sei ein offenes Geheimnis gewesen, dass der Munitionsberg in der Kaserne für den Abtransport nach Deutschland bereitlag. Natürlich habe man gewusst, dass die "Sache nicht ganz in Ordnung war". Ein Oberst, der nach dem Darmstädter Fund die disziplinarischen Ermittlungen zeitweilig übernahm, soll sich für den Inhalt der noch herumstehenden 18 Boxpaletten nicht sonderlich interessiert haben, obwohl sich in ihnen sogar eine Handgranate und Mörsergranaten befanden. In den ersten beiden angeklagten Schmuggelfällen aus dem Kosovo drohen den Offizieren und Unteroffizieren jetzt harte Strafen und damit ein ordentlicher Knick in ihrer Bundeswehrkarriere. Denn ob Kalaschnikow oder Handgranatenzünder ­ die Strafen für Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz sind drakonisch: Bis zu fünf Jahre Haft drohen. Wie hart die Justiz gegen jeden vorgehen will, der im wilden Kosovo die strengen deutschen Waffenbestimmungen vergisst, zeigt sich am Fall der Jubiläums-Knarre. Bestraft werden sollen nicht nur die Schmuggler, sondern auch diejenigen, die das Kalaschnikow-Präsent beschafften. Denn dass die Gäste des Jubeltages wussten, dass die Waffe "ausschließlich privaten und erkennbar außerdienstlichen" Zwecken gedient habe, reicht der Justiz für eine Anklage schon aus.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.