Bundeswehr Generalinspekteur Zorn warnt vor falschen Schlüssen aus Afghanistaneinsatz

Sind Missionen wie die der Bundeswehr in Afghanistan generell zum Scheitern verurteilt? Nein, meint der Generalinspekteur der Truppe – trotz des Durchmarschs der Taliban.
Generalinspekteur Zorn: »Haben wir das Land und seine Bevölkerung überfordert?«

Generalinspekteur Zorn: »Haben wir das Land und seine Bevölkerung überfordert?«

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Westliche Militärinterventionen in Konfliktgebieten sind aus Sicht des Generalinspekteurs der Bundeswehr, Eberhard Zorn, nicht prinzipiell hoffnungslos. Das gelte trotz der raschen Machtübernahme der Taliban in Afghanistan. »Mir ist wichtig, dass wir aus den Schlussbildern der letzten Monate nicht den Schluss ziehen, dass internationales – auch militärisches – Krisenmanagement mit dem Ziel der Stabilisierung einer Region nicht Erfolg versprechend sein kann und daher besser erst gar nicht versucht werden sollte«, sagte Zorn bei Bilanzdebatte des Verteidigungsministeriums zu dem Einsatz in Berlin.

Zorn betonte, dass es mit Blick auf aktuelle und mögliche künftige Auslandseinsätze dennoch dringend notwendig sei zu fragen: »Haben wir das Land und seine Bevölkerung überfordert?« Und: »Wieso hat uns die Lageentwicklung am Ende derart überraschen können?« Das Militär habe in Afghanistan einen Sicherheitsrahmen geschaffen. Dieser sei aber nicht für eine politische Stabilisierung genutzt worden.

Auch mit Blick auf den gefährlichen Einsatz in Mali sagte Generalarzt Ralf Hoffmann, die mit dem jeweiligen Einsatz verfolgten Ziele müssten regelmäßig überprüft werden. Dazu gehöre auch die Frage: »Haben wir die richtigen Mittel dafür eingesetzt?« Hoffmann, der sich als Beauftragter des Verteidigungsministeriums um im Einsatz traumatisierte Menschen kümmert, sagte, das »wünschen sich auch viele Soldaten, dass das klar definiert wird«.

Ungeachtet des Engagements der Europäischen Union und der Uno haben Militärs in Mali seit 2020 zweimal geputscht und dabei eine korrupte und weitgehend erfolglose Regierung abgelöst. Zudem haben Berichte über einen möglichen Einsatz von Truppen der russischen Söldnerfirma Wagner in dem westafrikanischen Land in Paris und Berlin Sorgen sowie eine Debatte über ein mögliches baldiges Ende des Einsatzes ausgelöst.

»Da können wir uns nicht ganz freisprechen«

Der Kommandeur des letzten deutschen Einsatzkontingentes der Ausbildungsmission »Resolute Support« in Afghanistan, Brigadegeneral Ansgar Meyer, sagte, es habe sicher »Defizite« bei den afghanischen Sicherheitskräften gegeben, etwa bei ihrer Logistik oder Durchhaltefähigkeit. »Da können wir uns auch nicht ganz freisprechen«, fügte er hinzu.

Brigadegeneral Meyer (im Juni 2021): »Zwei Herzen schlagen in meiner Brust«

Brigadegeneral Meyer (im Juni 2021): »Zwei Herzen schlagen in meiner Brust«

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa

Dennoch habe nicht das fehlende Durchhaltevermögen der lokalen Sicherheitskräfte zur schnellen Machtübernahme der Taliban geführt. Es habe auch an der militärischen Führung der afghanischen Streitkräfte gelegen, sagte Meyer, der Ende September das Kommando über die Spezialkräfte des deutschen Heeres übernommen hatte. So seien etwa im laufenden Gefecht Gouverneure und Polizeichefs ausgetauscht worden, »weil man glaubte, mit vertrauenswürdigem Personal aus dem eigenen Umfeld die Situation stabilisieren zu können. Das war zum Scheitern verurteilt«.

Meyer zog auch eine persönliche Bilanz. Er sagte: »Zwei Herzen schlagen in meiner Brust, auf der einen Seite schon, ohne eitel klingen zu wollen, Stolz und Freude, dass wir eine komplexe Operation erfolgreich beendet haben. Auf der anderen Seite aber auch fast das Gefühl des Entsetzens, dass im Grunde die afghanischen Sicherheitskräfte ohne jeglichen Widerstand nach Hause gegangen sind und im Grunde den Raum gelassen haben für die Taliban.«

Kramp-Karrenbauer verteidigt ihr Vorgehen, Strack-Zimmermann beklagt »Respektlosigkeit«

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) und Verteidigungspolitiker von Grünen, FDP, SPD und Union hatten ihre Teilnahme an der Auftaktveranstaltung zur Aufarbeitung des Afghanistaneinsatzes der Bundeswehr abgesagt. Dabei wurde auf einen unpassenden Zeitpunkt der Bilanzdebatte kurz nach der Bundestagswahl verwiesen.

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) verteidigte ihr Vorgehen. Sie sagte, es sei ihr wichtig gewesen, »dass wir die Debatte heute starten«. Das Verteidigungsministerium wolle sich nicht dem Verdacht aussetzen, mit dem für Mittwoch kommender Woche geplanten Großen Zapfenstreich »eine besonders glanzvolle Decke über den Afghanistaneinsatz« zu legen, um dadurch eine ehrliche Debatte zu verhindern.

FDP-Verteidigungsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann nannte die Podiumsdiskussion im Sender Bayern 2 eine »Respektlosigkeit«. Sie sagte: »Wir hatten die Ministerin im Vorfeld darum gebeten, das nicht in die Nullzeit zu legen, also in die Zeit zwischen der Bundestagswahl und der Konstituierung des neuen Bundestages.« Es gelte nun zu schauen, »dass wir nicht in Einsätze gehen, deren Ziele wir nicht erreichen können«.

asa/dpa