Taliban-Vormarsch in Afghanistan Bundeswehr steht vor gefährlichster Phase ihres Abzugs

Während die Bundeswehr in Masar-i-Scharif ihr Feldlager abbaut, rücken die Taliban fast mühelos bis an die Stadtgrenze vor. Die Deutschen geben sich gelassen, aber intern macht sich Nervosität breit.
Von Matthias Gebauer und Shoib Najafizada
Verstärkung: Seit einigen Wochen unterstützen 20 Soldaten des »Kommando Spezialkräfte« (KSK) den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan

Verstärkung: Seit einigen Wochen unterstützen 20 Soldaten des »Kommando Spezialkräfte« (KSK) den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan

Foto: - / dpa

Die Bundeswehr muss sich während der letzten Tage des Abzugs aus Nordafghanistan auf eine Verschärfung der Sicherheitslage einstellen. Kommandeur Ansgar Meyer und das zum Schutz des Abzugs nach Afghanistan entsandte Team des »Kommandos Spezialkräfte« (KSK) beobachten den mühelosen Vormarsch der Taliban bis an den Rand von Masar-i-Scharif mit zunehmender Sorge. Zwar rechnet derzeit niemand mit einem Taliban-Angriff auf das deutsche Camp. Gleichwohl macht sich nicht nur unter einfachen Soldaten Nervosität breit.

Bereits am Montag hatten die Taliban auf Twitter ein Foto veröffentlicht, das einen Kämpfer vor dem Westtor der Stadt zeigte. Damit war die Miliz nur noch rund 20 Kilometer vom deutschen Feldlager und nur einige Autominuten vom Zentrum der Großstadt entfernt.

Das auf den ersten Blick harmlose Bild des Kämpfers mit einem AK-47-Sturmgewehr löste in der Stadt so viel Nervosität aus, dass die vom KSK aufgebaute afghanische Spezialeinheit »888« mobilisiert wurde. Die Ankunft der Soldaten am Stadttor wurde kurz darauf auf Twitter wie ein Sieg gefeiert.

Mehrere Städte von Taliban faktisch eingekreist

Auch wenn es sich bei dem Vorgang vermutlich eher um ein PR-Manöver der Taliban handelte, hat sich die Sicherheitslage in Nordafghanistan in den vergangenen Tagen spürbar verschlechtert. Tag für Tag nahmen Einheiten der Taliban fast ohne jeden Widerstand weitere Distrikte im Operationsgebiet der Bundeswehr ein. Die lokalen Sicherheitskräfte gaben kampflos auf, oft schlossen sie sich den Milizen sogar an. Mittlerweile sind mit Taloqan, Kunduz, Baghlan und Masar-i-Scharif gleich mehrere größere Städte faktisch von Taliban-Kräften eingekreist.

Ein Sprecher der Taliban gibt sich dieser Tage siegesgewiss und zynisch zugleich. »Große Städte wie Masar-i-Scharif einzunehmen, ist nicht unser erstes Ziel, wir erobern erst mal so viele Distrikte wie möglich«, sagte Sabihullah Mudschahed am Montagabend in einem Telefoninterview dem SPIEGEL. Die Talibankämpfer würden dabei ihr Bestes versuchen, keine internationalen Truppen zu töten. »Wir sehen ja, dass ihr mit dem Abzug begonnen habt, dabei werden wir euch nicht durch Angriffe stören oder gar aufhalten.«

Kompletter Abzug bis Ende Juni

Die Strategen der Bundeswehr hoffen, dass sich die Taliban bis Ende Juni an diese Linie halten. Tatsächlich haben die Milizen seit Monaten keine Nato-Soldaten mehr angegriffen. Stattdessen gingen sie brutal gegen afghanische Sicherheitskräfte vor. »Den Taliban geht es um das Narrativ, dass die afghanische Armee und die Regierung in Kabul ihnen nichts mehr entgegensetzen können«, konstatiert ein erfahrener Bundeswehroffizier. Allein die vergangenen Tage hätten leider bewiesen, dass dies nicht nur eine Wunschvorstellung sei.

Offiziell gibt sich die Bundeswehr fast übertrieben gelassen. Ein Sprecher des Einsatzführungskommandos ließ via Nachrichtenagenturen verlauten, die Truppe sei auf alle Szenarien bestens vorbereitet. Gemeinsam mit den Partnernationen könne man jederzeit auf »Gefährdungen für das Kontingent« reagieren. Trotzdem hat die Bundeswehr robuste Reservekräfte in Deutschland vorsorglich mobilisiert, um diese im Ernstfall nach Afghanistan verlegen zu können.

Für die Bundeswehr kommt der Vorstoß der Taliban zur Unzeit. Bis Ende Juni will die Truppe das Camp Marmal räumen. Dann sollen alle rund 700 derzeit noch in Afghanistan stationierten Soldaten ausgeflogen sein. Taktisch gesehen ist die Truppe genau jetzt besonders verletzlich, da viel des sonst verfügbaren Hightech-Geräts wie die Aufklärungsdrohne »Heron« längst eingepackt und ausgeflogen wurde. Die robusten Infanteriezüge sind teilweise noch mit der Sicherung des Camp-Tors gebunden, da es bei den dort eingesetzten Mongolen einen Corona-Ausbruch gab.

Lagebild nur noch per Telefon

Bei der Bewertung der Lage muss sich Kommandeur Meyer nun vor allem auf das KSK verlassen, das 20 Mann nach Afghanistan geschickt hat. Meist per Telefon versuchen die von einem Major geführten Kommandosoldaten jeden Tag, über ihre Kontakte zur afghanischen Armee verlässliche Informationen zu bekommen und aufzubereiten. Das KSK-Team hat sich selbst den Namen »The Last 20« gegeben. Es wird mit dem letzten deutschen Transportflugzeug vom Typ A400M, das Ende Juni in Masar-i-Scharif abhebt, nach Deutschland zurückkehren.

Sorge bereitet den Kommandosoldaten die Frage, ob die USA bei Notfällen tatsächlich wie bisher eingreifen und innerhalb kürzester Zeit Kampfjets schicken würden. Aufmerksam haben die Soldaten vor einigen Tagen beobachtet, wie eine afghanische Spezialeinheit in der Nord-Provinz Faryab erfolglos bei den USA um Luftunterstützung bat. Nachdem die Amerikaner mit Hinweis auf schlechtes Wetter keine Kampfjets geschickt hatten, brachten die Taliban die ganze Einheit um. Auch der landesweit bekannte Kommandeur wurde getötet.

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