Umfrage unter Soldaten Jeder vierte Afghanistan-Veteran hält Einsatz rückblickend für nutzlos

Hat der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan der Bevölkerung genützt? Ein großer Teil der im Land eingesetzten Soldaten sagt Nein.

Bundeskanzlerin Merkel mit deutschen Isaf-Soldaten im Dezember 2010
REUTERS

Bundeskanzlerin Merkel mit deutschen Isaf-Soldaten im Dezember 2010


Mit der Aussagen, die "Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt", argumentierte die Bundesregierung fast seit Beginn des Auslandseinsatzes deutscher Soldaten in Afghanistan für das militärische Engagement in dem vorderasiatischen Land.

Eine Umfrage unter Soldaten, die 2010 im internationalen Nato-Kontingent in dem Land dienten, zeigt jetzt, dass mehr als jeder Vierte den Einsatz im Rückblick für nutzlos hält. Zwar teilt etwa die Hälfte (52 Prozent) der Befragten die Einschätzung, dass der Einsatz einen sinnvollen Beitrag zur Hilfe für die Menschen dort geleistet habe, heißt es in einem Forschungsbericht des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr.

Etwa 27 Prozent der Befragten sind hingegen davon überzeugt, dass der Einsatz letztendlich nutzlos gewesen sei, da er zu keiner grundlegenden Verbesserung beigetragen habe. Weitere 26 Prozent stimmten dieser Aussage teilweise zu.

Die Sicherheitslage in Afghanistan ist vielerorts prekär. Etwa die Hälfte des Staatsgebiets wird aktuell von den radikalislamischen Taliban kontrolliert, ein Drittel gilt als umkämpft. Der afghanische Präsident Ashraf Ghani sagte kürzlich, seit seinem Amtsantritt Ende 2014 seien 45.000 Sicherheitskräfte in dem Konflikt getötet worden.

Merkel knüpft deutschen Einsatz an US-Präsenz

Als Führungsmacht des Nato-Einsatzes verhandeln die USA derzeit direkt mit den Islamisten über ein Friedensabkommen, allerdings weitgehend ohne Beteiligung Kabuls. Die Gespräche hatten bisher keine Auswirkungen auf die Kampfhandlungen.

Der aktuelle Forschungsbericht "Leben nach Afghanistan - Die Soldaten und Veteranen der Generation Einsatz der Bundeswehr" (hier als pdf) untersucht am Beispiel des 22. "Isaf"-Kontingents erstmals Folgen und Wirkungen des deutschen Engagements über mehrere Jahre.

Die Einsatzkräfte wurden wenige Wochen vor ihrem Einsatz im Jahr 2010, während des Einsatzes, kurz nach ihrer Rückkehr und knapp drei Jahre später befragt. Das Einsatzjahr war der Studie zufolge das gewaltintensivste der Bundeswehr in Afghanistan. Die Forscher untersuchten die Lebenssituation und die persönliche Bilanz der eingesetzten Soldaten sowie der aus dem aktiven Dienst ausgeschiedenen Veteranen.

Der internationale Kampfeinsatz begann als Folge der Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA, den die islamistische Terrorgruppe al-Quaida von Afghanistan aus koordiniert hatte. Deutsche Soldaten waren von Anfang an Teil der Isaf-Truppen. 2014 wurde der Einsatz in die Ausbildungsmission "Resolute Support" umgewandelt, die bis heute andauert.

US-Präsident Donald Trump hatte Ende 2018 angekündigt, die USA würden die Hälfte der derzeit in Afghanistan stationierten 14.000 US-Soldaten abziehen. Die Aussage sorgte bei den Nato-Partnern, aber auch bei Sicherheitsexperten in Washington für Überraschung. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Bundeswehrpräsenz sei an das Engagement der USA geknüpft.

cht/dpa



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