Mission in Litauen Bundeswehr ermittelt nach neuen Entgleisungen gegen Soldaten

Der Bundeswehr droht ein weiterer Skandal – diesmal in Litauen. Nach SPIEGEL-Informationen wird wegen sexueller Übergriffe und antisemitischer Lieder gegen mehrere Soldaten ermittelt.
Die Bundeswehr stellt derzeit rund 940 Soldaten für die Nato Mission »Enhanced Forward Presence« in Litauen

Die Bundeswehr stellt derzeit rund 940 Soldaten für die Nato Mission »Enhanced Forward Presence« in Litauen

Foto: Kay Nietfeld/ dpa

Das Verhalten einiger Bundeswehrsoldaten bei einer Nato-Mission in Litauen könnte schwerwiegende Folgen haben. Bereits seit einigen Tagen ermittelt die Truppe gegen mehrere in dem Land stationierte Soldaten. Die Vorwürfe sind so brisant, dass bereits Ende vergangener Woche das Verteidigungsministerium in Berlin über den Fall informiert wurde.

Nach SPIEGEL-Informationen geht es bei den Ermittlungen der Truppe um eine offenbar völlig aus dem Ruder gelaufene Party von Bundeswehrsoldaten. Diese soll ersten Aussagen zufolge Ende April in einem Hotel in der Region Rukla stattgefunden haben. In dem Hotel verbringen die Soldaten immer mal wieder Wochenenden, um sich von Übungen mit ihren litauischen und internationalen Partnern zu entspannen. Im Soldatenjargon wird dies als »Erholungsmaßnahme« bezeichnet.

Was sich an dem Wochenende zugetragen haben soll, geht aber weit über eine ausgelassene Feier hinaus. So ermittelt die Bundeswehr gegen mehrere Soldaten wegen des Verdachts des Mobbings, der Androhung von Schlägen, der sexuellen Nötigung eines Kameraden – aber auch wegen des Singens antisemitischer Lieder. Gegen mindestens drei Soldaten laufen bereits formelle Verfahren, sie wurden nach Deutschland zurückgeschickt.

»Äußerungen rechtsradikaler und antisemitischer Natur«

Den Aussagen aus ersten Vernehmungen zufolge eskalierte die Party nach exzessivem Alkoholkonsum. Demnach gerieten einige Soldaten aus einem Zug im Suff aneinander, drohten sich lauthals Schläge an und schlugen wohl auch zu. An dem Abend soll ein Soldat versucht haben, seinem völlig betrunken eingeschlafenen Kameraden seinen Penis in den Mund zu stecken. Die Szene wurde offenbar von anderen Soldaten mit dem Handy gefilmt.

Auf der Party dann sollen mehrere Soldaten antisemitische Lieder angestimmt haben. Der gesamte Vorfall wirft auch Fragen auf, weil für die deutschen Soldaten im Nato-Camp ein grundsätzliches Alkoholverbot gilt, das nur an besonderen Tagen wie Weihnachten oder Silvester aufgehoben wird.

Die Bundeswehr wollte auf konkrete Nachfragen des SPIEGEL bisher keine Details zu den Ermittlungen nennen. Ein Sprecher des Einsatzführungskommandos sagte lediglich, es gebe Hinweise auf ein »Fehlverhalten« deutscher Soldaten. Dabei gehe es um »Äußerungen rechtsradikaler und antisemitischer Natur«, zudem um Verstöße gegen die sexuelle Selbstbestimmung sowie die Diskriminierung einer Soldatin aufgrund ihres Geschlechts. Man nehme alle Vorwürfe »sehr ernst«.

Mehrere Hundert deutsche Soldaten in Litauen

Die Mission »Enhanced Forward Presence« (eFP) in Litauen ist Teil der Nato-Abschreckung gegenüber Russland. Im Kern bilden seit 2017 mehrere Hundert deutsche Soldaten in Litauen lokale Einheiten aus und führen gemeinsame Übungen durch, um im Ernstfall innerhalb kürzester Zeit einsatzbereit zu sein.

Aktuell hatten die Soldaten die Großübung »Iron Wolf« erfolgreich abgeschlossen. Das deutsche Kontingent wird derzeit von der in Oldenburg stationierten 1. Panzerdivision gestellt, die jedoch ihrerseits auch andere Verbände mit nach Litauen nimmt.

Die Präsenz der Nato wird von Russland seit dem Start der Mission intensiv beobachtet und auch durch gezielte Desinformation begleitet. So wurde bereits mehrfach versucht, meist über soziale Medien Informationen über angebliche Fehltritte der Bundeswehr in Litauen zu verbreiten. Bereits 2017 zum Beispiel wurden Gerüchte über eine Vergewaltigung durch einen Bundeswehrsoldaten gestreut, die völlig haltlos waren. Auch ziemlich schlecht gefälschte Fotos, die Bundeswehrsoldaten bei der Schändung jüdischer Friedhöfe zeigen sollten, tauchten immer wieder im Netz auf.

Die deutschen Geheimdienste und auch die Nato gehen davon aus, dass russische Trolle hinter den Desinformations-Kampagnen stecken und so den Rückhalt für die Nato-Mission in Litauen unterminieren wollen. Bisher konnte die Bundeswehr durch eine gute Kooperation mit den lokalen Behörden verhindern, dass sich die bösen Gerüchte weit verbreiten. Sollten sich nun jedoch die Vorwürfe um eine exzessive Party von Bundeswehrsoldaten bestätigen, wäre das mehr als nur peinlich.

Folglich gibt sich das Einsatzführungskommando resolut. Auch wenn er keine Details nennen wollte, betonte ein Sprecher, solches Verhalten habe »in der Bundeswehr keinen Platz«. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, müssten die Soldaten sowohl mit dienst- als auch strafrechtlichen Konsequenzen rechnen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.