Maas bei der Bundeswehr in Mali Angst vor einem zweiten Afghanistan

Der bislang schwerste Anschlag ist erst wenige Tage her. Nun besuchte Außenminister Heiko Maas die deutschen Soldaten in Mali. Die explosive Lage erinnert manchen bereits an ein anderes Konfliktland.

Heiko Maas vor dem bei einem Anschlag weggesprengten Tor des EU-Ausbildungscamps
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Heiko Maas vor dem bei einem Anschlag weggesprengten Tor des EU-Ausbildungscamps

Aus Koulikoro berichtet


Das stählerne Eingangstor zum Camp Gecko ist vollständig zerstört. Oberst Holger Bonnen weist auf einen schwarzen Fleck auf dem Boden und auf einen Krater davor. "Der Wagen mit dem ersten Attentäter ist hier zum Stehen gekommen, der zweite Wagen explodierte da draußen", berichtet er.

Außenminister Heiko Maas will wissen, was vor vier Tagen im Lager der EU-Trainingsmission EUTM in Mali passiert ist. Rund 400 Soldaten sind in Koulikoro stationiert, davon 160 deutsche. Sie alle wurden in der Nacht zum Sonntag um 3 Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen.

"So eine Explosionswucht habe ich zum ersten Mal erlebt", sagt Hauptmann Stefan. Seinen vollständigen Namen möge man nicht schreiben, betont der danebenstehende Presseoffizier. Seit dem Anschlag gelten erhöhte Vorsichtsmaßnahmen. Hauptmann Stefan ist seit Dezember in Koulikoro, für die Bundeswehr war er zuvor mehrmals in Afghanistan. "Wir sind aufmerksamer geworden", sagt er.

Maas wird durch das Lager geführt, überall sind Scheiben zerborsten, Türen wurden aus den Angeln gehoben, Autos beschädigt. "Die Zerstörungen sind deutlich größer, als ich mir das vorgestellt habe", sagt der SPD-Politiker. Ein Teil des stählernen Eingangstors flog Dutzende Meter weit und landete mitten im Camp neben einem Unterrichtspavillon für die malischen Soldaten. Verletzt wurde niemand, weil in den Bürogebäuden, die dem Eingangstor gegenüber liegen, zu dem Zeitpunkt niemand arbeitete.

Ohnehin gehörte wohl eine Portion Glück dazu, dass es die Terroristen nicht ins Lager schafften. Je 500 Kilogramm Sprengstoff hatten die beiden Fahrzeuge geladen. Der erste Attentäter blieb mit seinem Wagen an einer Bodenwelle stecken. Er sollte für das zweite Fahrzeug den Weg freisprengen, aber die blauen Fässer auf der Ladefläche explodierten nicht alle. Der Attentäter in dem zweiten Fahrzeug, der sich wohl ursprünglich erst im Lager in die Luft sprengen wollte, zündete seine Ladung daher vor dem Eingangstor. Den anderen Kämpfern, die dahinter mit Panzerfäusten und Maschinengewehren bereitstanden, gelang es dann nicht mehr, das Lager zu stürmen.

Eine neue Dimension von Terror in Afrika

In den vergangenen Tagen haben Experten den Sprengstoff und die Vorgehensweise analysiert. Ergebnis: So professionell sind Terroristen in Mali gegen ausländische Soldaten noch nicht vorgegangen. "Offensichtlich nimmt die Form des Terrors, wie wir sie aus dem Nahen Osten und Afghanistan kennen, hier zu", bilanziert die FDP-Bundestagsabgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die zusammen mit vier anderen Mitgliedern des Verteidigungsausschusses das Camp Gecko am Tag vor Maas besucht hatte. "Dieses Phänomen gab es bislang in Afrika nicht."

Zu dem Anschlag bekannte sich die Jama'at Nasr al-Islam wal Muslimin (JNIM). Es handelt sich um ein regionales Netzwerk mehrerer Terrorgruppen, das enge Verbindungen zu al-Quaida pflegt. Im Internet veröffentlichte die JNIM ein Bekennerschreiben. "Durch von Gott verliehenen Erfolg und durch seine Gnade ist es einer Einheit der JNIM gelungen, am Morgen des Sonntags einen Angriff auf das Militärlager Koulikuru in der Hauptstadt Bamako in Mali auszuführen."

Die sich verschlechternde Sicherheitslage in der Sahelzone zog sich wie ein roter Faden durch die Westafrika-Reise des Bundesaußenministers. Bei einem Besuch der Polizeiakademie des Nachbarlandes Burkina Faso berichteten zwei Bürgermeister und ein Gouverneur aus der Grenzregion zu Mali eindrücklich von dem explosiven Gemisch aus ethnischen Konflikten, Kriminalität und Terrorismus.

Abends um sechs verschanzen sich die Bürger

"Unsere Aufgabe ist es, dass die Menschen jeden Tag arbeiten gehen, aber aus Sicherheitsgründen müssen wir Märkte schließen", berichtete Sié Sou, Gouverneur der Region Boucle du Mouhoun. "Da ist nur Stress und Angst, weil die Bevölkerung den Eindruck hat, dass der Staat nicht anwesend ist." "Da ist nur Angst", bestätigte Souhaibo Dicko, Bürgermeister der Kommune Diguel. "Wir haben keine Polizei, keine Gendarmerie und keine Armee. Ab 18 Uhr verschanzt sich jeder zu Hause."

Um die Sicherheitslage zu verbessern, ist die internationale Gemeinschaft seit einigen Jahren verstärkt in der Sahelregion aktiv. Neben der Uno-Mission Minusma und der EU-Trainingsmission in Mali unterstützt die internationale Gemeinschaft mit viel Geld den Aufbau einer "Force Conjointe" der G5-Staaten Tschad, Niger, Mali, Mauretanien und Burkina Faso. Allerdings kommt die Einsatztruppe kaum voran.

Die betreffenden Staaten und auch viele Geberländer sind mit ihren Finanzzusagen schwer im Verzug. Fraglich ist auch, ob die 5000-Mann-Truppe überhaupt der gewaltigen Aufgabe gewachsen ist, den grenzübergreifenden Terrorismus in der Wüstenregion zu bekämpfen. Hinzu kommen Berichte über Menschenrechtsverletzungen. Im Mai 2018 erschossen Soldaten der G5 auf einem Marktplatz im Norden von Burkina Faso willkürlich zwölf Menschen, nachdem einer ihrer Soldaten getötet wurde.

Braucht die Bundeswehr mehr Geld für Auslandsmissionen?

In Koulikoro läuft am Tag vier nach dem Anschlag die Ausbildung der malischen Sicherheitskräfte weiter, als wäre nichts geschehen. Doch gleichzeitig wird nun diskutiert, wie sich die Sicherheit der deutschen Soldaten besser garantieren lässt. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen fordert seit Längerem mehr Geld für die Bundeswehr und verweist auf den Koalitionsvertrag.

Maas unterstützt diese Forderung - auch wenn ihm das die eine oder andere Diskussion mit seinem Parteifreund, Finanzminister Olaf Scholz, einbringen würde. "Die Bundeswehr ist viel zu lange kaputtgespart worden", sagt er nach dem Besuch von Camp Gecko. "Das darf nicht auf Kosten der Sicherheit unserer Soldatinnen und Soldaten im Ausland gehen."

Ein Szenario wie in Afghanistan, wo sich die Sicherheitslage zunehmend verschlechtert und die Bundeswehr seit nunmehr fast zwanzig Jahren stationiert ist, sieht Maas in Mali noch nicht. Aber ausschließen kann er es nicht. "Wir wollen nicht hoffen, dass das so lange dauert", sagt er. Ziel sei es, die einheimischen Sicherheitskräfte in die Lage zu versetzen, selber für Ordnung zu sorgen. "Aber es wird auch nicht von heute auf morgen gehen."

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Forenmull 28.02.2019
1. Wieso, weshalb, warum?
Was machen wir da eigentlich in Mali? Was soll das? Wer hat das angeordnet? Raus da!
Kutscher123 28.02.2019
2. Huiii
Wir in D und in der EU können uns solche kriegerische Gewalt überhaupt nicht vorstellen. Umso wichtiger ist es, dass wir uns an den Frieden halten, den uns die EU gebracht hat. Bei allen Schwierigkeiten, Freundschaft, Freiheit und ein bisschen Altruismus sollten unsere Themen in Europa sein. Ich hoffe für die Soldaten, dass es noch weitere Verteidigungslinien gibt, falls mal alles zündet.
mallekalle 28.02.2019
3. Ganz einfach
Zitat von ForenmullWas machen wir da eigentlich in Mali? Was soll das? Wer hat das angeordnet? Raus da!
Deutschland hilft den Franzosen ihre Erstzugriffsrechte auf Malis Bodenschätze zu sichern. Und das zu einem Drittel des Weltmarktpreises. Lesen Sie hier: https://www.deutschlandfunk.de/der-westafrikanische-franc-frankreich-und-der-unsichtbare.724.de.html?dram:article_id=436556
doskey 28.02.2019
4. Fragwürdige Strategie
Wieder einmal wird nur reagiert und nicht vorausschauend gehandelt. In Afghanistan wurden erst nach dem Busanschlag 2003 gepanzerte Truppentransporter eingesetzt (und dann auch nicht immer). Dass die Attentäter überhaupt vors Tor kamen und das auch noch in der Haupstadt - ein absolut diletantisches Sicherheitskonzept wird hier ersichtlich. Und wieder wird nur reagiert, d.h. erst jetzt werden die Sicherheitsmaßnahmen erhöht werden. Ein bischen, versteht sich.
a.mohr.57 28.02.2019
5. Ja, 2. Afghanistan. Was sonst?
Selbstverständlich wird das ein 2. Afghanistan. Die Politik täte gut daran, einheimische Verbündete einzubinden. Möglichst sogar ausschließlich einheimische Verbündete. Es gibt ein erfolgreiches Beispiel: 1. IS und die Kurden - der IS wurde geschlagen. Allerdings darf man die Verbündeten nach dem Sieg nicht fallen lassen, wie Trump das nun mit den Kurden tut.
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