Bundeswehr-Einsatz in Syrien Das schwarze Loch

Auf wen sollen die im Land verbliebenen Syrer noch hoffen? Auf Amerika? Russland? Die Türkei? Frankreich? Auf den Iran? Saudi-Arabien? Oder auf deutsche Tornados? Erwarten Sie bitte keine Antworten von diesem Text. Denn es gibt sie nicht.

Zerstörtes Stadtviertel in Aleppo, Syrien, November 2014: Krieg nährt Krieg
AFP

Zerstörtes Stadtviertel in Aleppo, Syrien, November 2014: Krieg nährt Krieg

Ein Debattenbeitrag von


Deutschland möchte sich am Krieg gegen den "Islamischen Staat (IS)" in Syrien und im Irak beteiligen. Wir schicken einen Aufklärungssatelliten auf die Umlaufbahn und sechs "Recce-Tornados" plus ein Tankflugzeug in diese Gegend, in der Bürgerkrieg und Krieg, Barbarei und Anarchie herrschen. Die Entscheidung liegt im Schwung der Ereignisse seit den Pariser Attentaten und stimmt auch mit dem Bestreben Deutschlands überein, eine größere Rolle in den Weltkrisen einzunehmen.

Die Kanzlerin hat gesagt, es müsse eine "vernünftige Balance" zwischen dem militärischen Vorgehen und dem politischen Prozess herrschen. Dazu passt auch, dass Russland und Frankreich vereinbaren, Aufklärungsdaten über IS-Stellungen auszutauschen. Von einer großen Allianz zur Befriedung Syriens und des Iraks träumen ja irgendwie alle. Es ist aber bisher immer nur das Gegenteil dessen eingetreten, worauf alle angeblich hoffen und hinarbeiten.

Alle Hoffnung aufgegeben

Syrien: Je mehr Länder sich eingemischt haben, desto schlimmer ist es gekommen. Das Leid der im Lande Gebliebenen muss unsäglich sein. Die Flüchtlinge in Jordanien und im Libanon haben alle Hoffnung aufgegeben und brechen deswegen Richtung Europa auf. Sie treffen eine pragmatische Entscheidung, denn auf wen sollten sie hoffen?

Auf Russland? Russland spielt sein eigenes Spiel, möchte Assad halten und bombardiert die turkmenischen Rebellen in der Grenzregion zur Türkei. Auf die Türkei? Die Türkei holte das russische Flugzeug vom Himmel, weil Russland die ethnische Verwandtschaft in der Region von Bayirbucak dezimierte und Assad stützt, den Erdogan zum Teufel jagen möchte. Auf Amerika? Amerika bildet Rekruten aus und bildet immer neue Rekruten aus, aber nichts ändert sich. Amerika bombardiert den Kalifen und seine Mannen seit geraumer Zeit, aber nichts ändert sich. England und Frankreich bombardieren mit, aber wer glaubt schon daran, dass sie den Unterschied machen können. Auf wen dann sollen diese Menschen in Syrien hoffen? Auf den Iran? Auf Saudi-Arabien?

Der Krieg nährt den Krieg. Der Bürgerkrieg nährt den Bürgerkrieg. Der Stellvertreterkrieg nährt den Stellvertreterkrieg. Niemand hat auch nur den blassesten Schimmer, wie die Barbarei und die Anarchie enden könnten. Kein Land, keine Institution nimmt die Verantwortung für den Frieden auf sich, weil damit Schuld und Kollateralschäden und absolute Ungewissheit über den Erfolg verbunden sind.

Militärisch ist der Krieg nicht zu gewinnen

Die Lehren, die wir ziehen könnten, sind ja auch nur beklagenswert. Irak und Syrien sind schwarze Löcher, seitdem der eine Diktator, Saddam Hussein, davongejagt wurde und der andere, Bashar al-Assad, sich nur noch auf den Leichenbergen halten kann, die er selbst aufgetürmt hat. Mit Hoffen, Träumen, Wünschen ist da nichts getan. Allenfalls Realpolitik, wie sie Hans Morgenthau begründete und einige US-Präsidenten anwandten, worüber wir uns rechtschaffen ereiferten, könnten einen Ausweg bieten.

Es hilft wenig, dass François Hollande den George W. spielt. Was der angerichtet hat, wissen wir; mit den Folgen haben wir zu tun. Immer neue Kombattanten, so überzeugend ihre Argumente auch klingen mögen, verbessern wenig und verschlimmern viel. Militärisch ist der Krieg, der ein Bürgerkrieg und ein Stellvertreterkrieg ist, nicht zu gewinnen. Das sagen alle und halten sich nicht daran.

Irgendwann müssen ein paar von den Ländern, die aus Eigeninteresse und Großmachtgehabe in der Region mitmischen, sich zusammensetzen und ein paar sinnvolle Überlegungen anstellen: Wer kann Syrien und den Irak befrieden, und wie können wir den Wahnsinn abstellen? Offenbar ist der Preis für den Krieg noch nicht hoch genug, noch sind nicht genügend Menschen gestorben oder auf der Flucht, der IS ist noch nicht die übergroße Gefahr, wie wir behaupten, sonst würden die Bemühungen um Befriedung doch greifen. Aber wann greifen sie endlich?

Zum Autor
  • MARCO-URBAN.DE
    Gerhard Spörl war fast 25 Jahre lang Redakteur beim SPIEGEL und beschäftigte sich vor allem mit Innen- und Außenpolitik. Auch im Ruhestand ist er weiterhin als Autor für SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE tätig.

Im Video: Von der Leyen bestätigt Militäreinsatz in Syrien

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kladderadatsch 28.11.2015
1. Hilfe zur Selbsthilfe
Die Möglichkeiten des Westens sind wie der Artikel richtig darstellt sehr begrenzt und trotzdem muss der IS schnell besiegt werden. Bomben auf Städte wie Rakka zu werfen. Dies fordert den Tod Unschuldiger und bringt nur die Bevölkerung gegen den Westen auf. Mit der Luftwaffe alleine ist noch nie ein Land erobert worden. Westliche Bodentruppen würden als Kolonialmacht von der Bevölkerung abgelehnt werden. Es bleibt also nur Assads Armee oder man hilft den 70-80% syrischen männlichen Flüchtlingen in Deutschland, eine gut ausgerüstete Armee aufzustellen, um ihr Land zurückzuerobern. Sie wären dazu moralisch legitimiert und wären die bessere Alternative zu Assad.
doclf 28.11.2015
2. traurig...
...aber wahr.
aufdenpunktgebracht, 28.11.2015
3. Die Übriggebliebenen
Die Situation ist gut beschrieben. Die Ausweglosigkeit auch. Wie soll es weiter gehen? Wie soll es enden? Fakt ist, daß fast alle friedlich lebenden und arbeitenden Bewohner Syriens das Land bereits verlassen haben und sich mittlerweile auf den Weg nach Europa aufgemacht haben, um dort ein neues Leben zu beginnen. Die Rückkehr ins Heimatland scheint ihnen unmöglich geworden zu sein. Wer bleibt übrig im Land? Welche Staatsform wollen die Übriggebliebenen? Da muß man nicht lange rätseln, das liegt auf der Hand. Es wird ein islamischer Staat mit der Rechtsform der Scharia.
tageskolumne 28.11.2015
4. Köpfen einsetzen statt Waffen
Die einzige reale Chance, die irrsinnigen Kämpfe in und um Syrien zu benden ist, den IS komplett zu isolieren: komplette wirtschaftliche Abschottung nach allen Seiten: keine Ölverkäufe mehr, keine Geldtransaktionen, keine Waren rein oder rauslassen etc. Im Mittelalter nannte man das "Aushungern", und es war stets viel effektiver als jeden Waffeneinsatz. Militärische Aktionen in dieser Region, wo eh schon jeder gegen jeden kämpft, werden nichts voran bringen. Die Kämpfe werden erst aufhören, wenn das letzte Haus und der letzte Mann gefallen sind. Sinnlos also. Viel wichtiger wäre es, Länder wie die Türkei oder Saudi Arabien, die immer noch mit dem IS Geschäfte betreiben, zur umgehenden und radikalen Umkehr zu bewegen.
Leser161 28.11.2015
5. Was macht den Unterschied?
Das ist nicht rhetorisch. Es gibt benachteiligte Regionen der Welt die trotz eines Erbes von Kolonialismus und anderen ungünstigen Startvorraussetzungen heute einen passablen modernen Staat haben. Zum Beispiel Japan. Die waren 18XX noch im Mittelalter und haben eher keine Rohstoffe. Und trotzdem. Andere Staaten schaffen es hingegen einfach nicht. Was macht den Unterschied?
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