Jahresbericht des Wehrbeauftragten Die angegriffene Truppe

Quälende Auslandsmissionen, zerrüttetes Familienleben, ein kaum zumutbares Pendlerpensum: Viele Soldaten der Bundeswehr sind am Limit, warnt der Wehrbeauftragte Königshaus. Sein Jahresbericht zeigt, wie verunsichert die Männer und Frauen der Truppe sind.

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Hamburg/Berlin - Die Bundeswehr steht vor großen Umbrüchen - und das belastet die Soldaten stark. Immer wieder treten sie an den Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus heran und schildern ihre Probleme. In seinem Jahresbericht zeichnet er ein düsteres Bild vom Zustand der Truppe. Große Sorgen belasten die rund 184.000 Männer und Frauen in der Bundeswehr. Viele seien verunsichert, "ob und, falls überhaupt, wo und mit welcher Aufgabe sie künftig ihren Platz in der neuen Bundeswehr finden werden".

Die konkreten Nöte beschreibt der Wehrbeauftragte auf 100 Seiten.

Auslandseinsätze: Fast 5000 deutsche Soldaten sind im Ausland eingesetzt, in mehr als zehn Ländern. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen plädiert dafür, das militärische Engagement Deutschlands in Krisengebieten auszuweiten. Der Wehrbeauftragte warnt jedoch: Bereits jetzt stoße die Bundeswehr an ihre Grenzen. Viele Soldaten klagten über zu häufige Einsätze und zu kurze Regenerationszeiten. Nach vier Monaten im Ausland sollen die Rückkehrer 20 Monate einsatzfrei gehalten werden. Doch diese Regeln hält die Truppe nur begrenzt ein. Brennpunkt bleibt Afghanistan. Derzeit werden Personal und Material abgezogen, die Soldaten vor Ort müssen aber ausreichend abgesichert werden. Denn die Lage bleibt gefährlich, erst im Dezember gab es einen Anschlag auf einen deutschen Konvoi nahe Kabul.

Vereinbarkeit von Familie und Dienst: Laut dem Wehrbeauftragten leidet das Familienleben vieler Soldaten. Weit mehr als 50 Prozent der Soldaten pendeln zwischen Wohn- und Dienstort. Häufige Umzüge belasteten die Familie. Neue Kindergärten oder Schulen müssten gesucht werden, oft auch eine Arbeitsstelle für den Partner. Viele Soldaten fühlten sich mit ihren Sorgen nicht ernst genommen, so Königshaus. Ein Berufssoldat etwa, der sechsmal im Ausland eingesetzt wurde und in Deutschland immer wieder umgezogen ist, rechnet vor: Er habe von den vergangenen 22 Monaten nur sechs Monate bei seiner Familie verbracht. "Durch die dauernde Trennung bin ich psychisch und physisch am Limit angelangt und das mit 42 Jahren." Der Mann habe seine Entlassung beantragt. Dabei hat Ministerin von der Leyen die "familienfreundliche Bundeswehr"jüngst zu einem Schwerpunkt ihrer Amtszeit erklärt, sie setzt sich unter anderem für "eine moderne Arbeitszeitregelung" ein.

Rechtsextremistische Vorfälle: Im Jahr 2013 wurden 58 "einschlägige Vorkommnisse" mit Verdacht auf rechtsextremistischen, antisemitischen oder fremdenfeindlichen Hintergrund gemeldet. Im Vorjahr waren es 67 Fälle. Meistens handelte es sich um "Propagandadelikte", zum Beispiel das Hören antisemitischer und fremdenfeindlicher Musik oder das Zeigen des Hitlergrußes.

Frauen in der Bundeswehr: Rund 18.500 Frauen gehören der Truppe an. Eine Studie des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr macht deutlich, wie sehr Frauen beim Bund unter den Vorurteilen ihrer männlichen Kameraden leiden. Fast ein Drittel der Soldaten glaubt, dass ihre Kameradinnen einen schlechteren Job machen. 32 Prozent sind überzeugt, Frauen würden von ihren Vorgesetzten bevorzugt. Laut Königshaus' Bericht wurden werdende Mütter Opfer von Diskriminierung. Ein Vorgesetzter erklärte einer erneut schwangeren Soldatin, diese habe "aufgrund der charakterlichen Grundeinstellung kein ernsthaftes Interesse daran, in den Dienst zurückzukehren, sondern wolle vielmehr im Status 'Krank zu Hause' das Gehalt kassieren".

Sexuelle Übergriffe: Im vergangenen Jahr wurden laut Bericht des Wehrbeauftragten offiziell 64 "besondere Vorkommnisse" in Bezug auf sexuelle Übergriffe gemeldet. So wurden Soldatinnen Opfer von männlichen Kameraden oder Unbekannten. In anderen Fällen richteten sich die Übergriffe von Soldaten gegen weibliche Zivilpersonen außerhalb der Bundeswehr. Die Opfer hatten oft Hemmungen, Übergriffe zu melden - sie fürchten laut Königshaus zum Beispiel berufliche Nachteile. Auch aus der Studie des Zentrums für Militärgeschichte wird deutlich: Sexuelle Übergriffe besonders gegen Frauen sind ein Problem. Mehr als die Hälfte der Befragten berichtete, verschiedenen Formen von Belästigung ausgesetzt gewesen zu sein.

Psychische Erkrankungen: 2013 sind die psychischen Erkrankungen von Soldaten, die im Ausland eingesetzt und dort teilweise in Kämpfe verwickelt waren, deutlich angestiegen. Laut dem Psychotraumazentrum Berlin leiden rund ein Viertel aller Rückkehrer an psychischen Störungen. Rund 1500 Fälle von posttraumatischen Belastungsstörungen mussten 2013 nach internen Schätzungen der Bundeswehr behandelt werden, davon rund 200 neue Fälle. Die Dunkelziffer liegt vermutlich noch höher. Die Bundeswehr habe Verfahren zur Früherkennung solcher Krankheiten entwickelt, auch würden Angehörige in die Behandlung einbezogen, lobt der Wehrbeauftragte.

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spon-1294658886485 28.01.2014
1. Ein Trauerspiel
An der Bundeswehr wird seit Generationen von den ständig wechselnden Verteidigungsministern herumgefummelt.Ausbaden müssen das die bedauernswerten Soldaten. Ich selbst habe schon zu meiner Wehrpflichtzeit und das ist lange her,wegen der ständigen Versetzungen es abgelehnt länger zu dienen.Das ewige versetzt werden war damals schon unzumutbar.Offensichtlich hat sich daran leider nichts geändert. Und Frauen haben bei der Bundeswehr nur in ganz bestimmten Verwendungen einen Sinn.Ansonsten stören die Frauen bei den Kampftruppen nur.
marcus tullius cicero 28.01.2014
2. Interessant das Spon schon wieder
nur die Frauen als Opfer von Sexueller Belästigung sieht... In der zitierten Studie sind die Zahlen ziemlich ausgeglichen. Trotzdem schreibt Spon von Frauen die unter ihren Männlichen Vorgesetzten zu leiden hätten, das nenne ich verzerrende Darstellung von Fakten. Da Frauen in der Bundeswehr besonders bei Sportlichen Tests, die in die Beurteilung mit einfließen ob man früher Befördert oder zum Berufssoldaten ernannt wird, ist das schon eine krasse Bevorzugung. Als Beispiel bei Polizei und Feuerwehr gelten für beide Geschlechter die gleichen Vorraussetzungen.
01099 28.01.2014
3.
Ich muss ehrlich sagen, dass ich diese Art von Beruf für generell unvereinbar mit einem "normalen", bürgerlichen Leben halte. Wer sich bei der Truppe meldet, muss immer davon ausgehen, dass er nicht wieder vom Einsatz zurückkehrt. Das gilt auch für den Partner und die Familie. Und das war im soldatischen Leben auch schon immer so und wird wohl auch so bleiben, auch wenn VdL jetzt so tut, als könne man die Armee zu einem ganz normalen Arbeitgeber umbauen.
leser47116352 28.01.2014
4.
die meisten probleme sind echt luxus probleme. auslandseinsaetze, zu oft, zu lang , zu bla. ja hallo? wenn ich soldat bin, man muss den beruf ja nicht ausueben. im vgl zu anderen armeen ist bundeswehr echt noch gut bedient. viele junge maenner wollen soldat werden, gute bezahlung, aber denen ist gar nicht klar, was das alles bedeuten kann. und wenn ich sehe, dass die BW nund schon 16 beschwallert, halbe kinder, null plan. selbst mit 18 ueberblicken die allerwenigsten so eine entscheidung. deutschland sollte seine bundeswehr ganz abschaffen, wozu brauchen wir die? auslandseinsaetze im rahmen der un oder nato, will ja eh niemand, weil wir haben ja boese vergangenheit. die bundeswehr ist darueberhinaus so klein mittlerweile, kann man sich auch sparen. stellt keine neuen mehr ein und lasst es auslaufen.
Lankoron 28.01.2014
5. Naja...
einiges lässt eben auch das Bild "Bundeswehr" zu wünschen übrig: Es sind knapp 3% der Soldaten im Auslandseinsatz, die zivilen Mitarbeiter nicht mitgerechnet. Entweder muss also die Struktur deutlich umgearbeitet werden, oder es gibt Planungsmängel. Diese übrigens der neuen Ministerin anzuhängen, die knapp 4 Wochen im Amt ist, halte ich für mehr als blauäugig. Und vielleicht sollte man sich mal mit dem Berufsbild "Soldat" beschäftigen. es ist eben kein Job wie jeder andere. Aber solange die Bundeswehr in erster Linie als Arbeitsbeschaffung in den Ländern, als "Standortfaktor" oder im beschaffungsbereich als Subventionierer der Industrie dient, wird sich daran nichts ändern.
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