Sabine Rennefanz

Die neue Camouflageliebe Militarisiert sich Deutschland gerade selbst?

Sabine Rennefanz
Eine Kolumne von Sabine Rennefanz
Deutschland hat seit Beginn des Ukrainekriegs aufgerüstet, zumindest verbal. Entdecken die Deutschen ihre Liebe zu den Tarnfarben? Und wie ernst ist diese neue Camouflageliebe?
Bundeswehrsoldaten des Aufklärungslehrbataillons 3 »Lüneburg« bei einer Übung

Bundeswehrsoldaten des Aufklärungslehrbataillons 3 »Lüneburg« bei einer Übung

Foto: Philipp Schulze / picture alliance

Dieselben Menschen, die einen früher in den sozialen Medien mit einem »Soldaten sind Mörder« anbrüllten, wenn man die kostenlosen Bahnfahrscheine für Bundeswehrsoldaten verteidigte, brüllen jetzt jeden Zweifel an Waffen nieder und feiern die Aufrüstung der Bundeswehr. Auch der Wortschatz von Menschen, die für ihre sensible Sprache bekannt waren, ändert sich. »Die kann richtig was«, schwärmte zum Beispiel Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) vergangene Woche bei Maybritt Illner . Er sprach von der Panzerhaubitze 2000. Der Ex-Zivi klingt ein bisschen wie das Werbevideo von der Bundeswehr. Ja, was kann die Panzerhaubitze? »Wenige Geschütze erzielen eine immense Wirkung«, heißt es auf dem YouTube-Kanal der Bundeswehr. Zu »Game of Thrones«-Klängen rollt die Panzerhaubitze über leere Felder und feuert Schüsse ab, am Horizont taucht Rauch auf. Keine Toten, keine Verletzten. Sauber!

Die Zuwächse der Abonnenten des YouTube-Kanals der Bundeswehr haben sich nach einem internen Bericht (der mir, also dem SPIEGEL, vorliegt) im März 2022 im Vergleich zu November 2021 auf rund 27.000 fast versiebenfacht, die Zahl der Aufrufe stieg im gleichen Zeitraum von 3 auf rund 16 Millionen. Im April ging das Interesse etwas zurück, war aber immer noch sehr viel höher als vor dem Krieg. Auch die Kinder sollten stärker militärisch erzogen werden, fordert »Zeit«-Autor Alan Posener. Man müsste einen Wehrkundeunterricht in der Schule einführen, schlägt er vor. Wer hätte gedacht, dass die alte Idee von DDR-Bildungsministerin Margot Honecker noch mal Anhänger findet.

Woher kommt der Optimismus, dass allein schon die offensichtlich aus der Luft gegriffene Summe von 100 Milliarden Euro die vielen Probleme der Bundeswehr löst?

Der Wehrunterricht in der DDR war verhasst, daran werden sich alle erinnern, die ihn mitmachen mussten. Und er hat weder zu einer größeren Akzeptanz der NVA noch zu einer stärkeren Verbundenheit mit dem Land geführt. Ich lernte noch Granatenweitwurf, hatte aber das Glück, dass in dem Schuljahr, in dem ich ins Wehrlager gemusst hätte, die Mauer fiel. Viele andere in der Schule wurden in dem Wehrunterricht unter Druck gesetzt, sich länger bei der Armee zu verpflichten, um studieren zu dürfen. Mein Vater hasste nach drei Jahren Armeedienst die NVA, es sei die schlimmste Zeit seines Lebens gewesen, sagte er einmal. Meine Mutter war ihr Leben lang Hardcore-Pazifistin, nicht mal Wasserpistolen waren erlaubt.

Trotzdem muss man Alan Posener zugutehalten, dass er sich Gedanken darüber macht, wie man die Beziehung zwischen Bundeswehr und Gesellschaft verbessern kann. Da ist er weiter als andere. In der vergangenen Woche wurde ohne großen Widerspruch das 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen vom Bundestag verabschiedet. Die Grünen-Verteidigungspolitikerin Agnieszka Brugger erklärte ihre Zustimmung mit Überzeugung – trotz Kritik an der konkreten Ausgestaltung – und schrieb in einem viel geteilten Tweet: »Denn ich möchte nichts mehr als dass die Kinder, die ich auf der Straße spielen sehe, in echter Sicherheit aufwachsen können, eine eigene freie, gute Zukunft haben. Auch die Kinder im Baltikum, in Polen und in Russland. Im Südsudan, in Afghanistan und in Mali

Eine freie Zukunft für Kinder – wer möchte etwas dagegen sagen?

Ich möchte nur ungern die Spielverderberin sein, aber woher kommt der Optimismus, dass allein schon diese offensichtlich aus der Luft gegriffene Summe die vielen Probleme der Bundeswehr löst? Die Bundeswehr, an deren Reform eine ganze Staffel Ministerinnen und Minister scheiterte? Deutschland hatte vor der Einführung des Sondervermögens mit rund 56 Milliarden Dollar den siebtgrößten Militäretat  der Welt – und trotzdem fehlten an allen Ecken Einsatzgeräte und Ausstattung der Soldaten. Wie wird sichergestellt, dass das Geld nicht zu einem großen Teil in dem undurchsichtigen Beschaffungswesen der Bundeswehr versickert?

Was ist mit den zahlreichen Skandalen, die Schlagzeilen machten? Die Rechtsextremen, von denen sich offenbar besonders viele in der Bundeswehr tummeln ?

Apropos Kinder: Wie auch in anderen Ländern geben Eltern der Ober- und Mittelschicht ihre Söhne und Töchter längst nicht mehr für die Bundeswehr her. Ich erinnere mich, wie in einer befreundeten Münchner Akademikerfamilie Panik und Angst ausbrach, als der 18-jährige Sohn den Wunsch äußerte, zur Bundeswehr zu gehen. In mehreren Krisengesprächen wurde er so lange bearbeitet, bis er es sich anders überlegte. Die Bundeswehr hat massive Nachwuchsprobleme.

Bisher waren es überwiegend die Ostdeutschen, die ihre Köpfe hinhielten. Laut einer Statistik von 2010 sind vor allem gebürtige Ostdeutsche an Auslandseinsätzen beteiligt. Etwa die Hälfte der Soldaten im Auslandseinsatz waren damals Ostdeutsche – obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung weniger als 20 Prozent beträgt. Aus der Statistik ging hervor, dass insbesondere die unteren Dienstgrade aus Ostdeutschland kommen. Der Historiker Michael Wolffsohn, der lange an der Bundeswehruniversität München lehrte, warnte damals vor einer »Ossifizierung« der Armee . Seitdem gibt die Bundeswehr dazu keine Zahlen mehr heraus.

In dem Dorf in Brandenburg, in dem ich aufgewachsen bin, ging ein großer Teil der jungen Männer in die Armee. Gerade in den Neunzigerjahren und Nullerjahren, als es sonst kaum Arbeit gab, schien die Armee ein sicherer Arbeitgeber. Diejenigen, die die größten Autos fuhren, die besten Geschichten zu erzählen hatten, waren die Veteranen. Sie waren anders als viele andere herumgekommen, in Kriegsgebieten wie Afghanistan oder Kosovo. Von ihren Sorgen und ihren Traumata allerdings wollte niemand etwas wissen.

Ändert sich das auch? Dass junge Leute massenweise in die Bundeswehr strömen, dass Soldat zu einem Traumberuf wird, darauf gibt es keine Hinweise. Mein Eindruck ist, das Interesse gilt bisher vor allem der Technik und Waffen, so wie Leute sich für den Tesla interessieren oder das neueste iPhone. Aber nicht für die Armee, nicht für die Menschen, die letztlich bei einem möglichen Krieg mit Russland sterben könnten. So könnte man die Begeisterung für die kämpfenden Ukrainer auch als Erleichterung lesen – dass man selbst nichts riskieren muss. Auch eine Art Camouflage.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, Deutschland habe den siebtgrößten Militärhaushalt der Nato. Tatsächlich ist es der siebtgrößte Militärhaushalt der Welt. Wir haben den Fehler korrigiert.

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