Bundeswehr Mit Allah fürs deutsche Vaterland

Schon 1100 Muslime dienen in der Bundeswehr. Doch die verbreitete Fremdenfeindlichkeit zwingt ihnen ein Doppelleben auf: Bei der Truppe sind sie akzeptierte Deutsche. Im Privatleben werden sie weiter diskriminiert.

Von Sandra Schulz


Berlin - Bedrohlich baute sich der Türsteher der Disco vor Hagi auf. "Woher kommst du?", herrschte er den jungen Mann mit den schwarzen Haaren und den dunklen Augen an. "Ich bin Deutscher. Sieht man das nicht?", sagte Hagi und zückte seinen Ausweis. Ein Blick genügte, und Hagi durfte vorbei: "Kannst ruhig reinkommen."

Es war der Truppenausweis der Bundeswehr, der Hagi in den Augen des Türstehers verwandelte. Binnen Sekunden war aus dem verdächtigen Ausländer der Gefreite Hagi geworden, ein guter Deutscher.

Mehr als drei Jahrzehnte ist es her, dass Hagis Großvater aus Kurdistan in ein neues Leben aufbrach. Er kam nach Deutschland, als Gastarbeiter, und holte die Familie nach. Das Dorf seines Großvaters hat Hagi zum ersten Mal gesehen, als er elf war. "Da gab's nicht so viel, dass man wieder hinfahren will als Großstädter", erzählt er lachend. Hagis Heimat ist Berlin. Dort ist er geboren und zur Schule gegangen. Hier sind seine Freunde. Hier leistet er seinen Wehrdienst. "Das war schon immer klar", sagt Hagi.

So verändert das neue Staatsbürgerschaftsrecht auch das Gesicht der Bundeswehr. Schon jetzt dienen rund 1100 Muslime in der Truppe; deutsche Soldaten stammen aus 82 Nationen. Wenn in Zukunft immer mehr junge Ausländer einen deutschen Pass beantragen, wird das Bild noch bunter. Das Koblenzer Zentrum Innere Führung sieht in der religiösen Vielfalt innerhalb der Bundeswehr ein Zukunftsthema.

"Muslime in den Streitkräften" heißt eine Arbeitsanweisung, die Offiziere und Unteroffiziere vertraut machen will mit dem Islam. Das Dokument beschreibt, wie sich das Grundrecht auf freie Religionsausübung, das jeder Soldat für sich in Anspruch nehmen kann, mit dem Dienstalltag beim Militär vereinbaren lässt.

So sollen die Vorgesetzten Hilfestellung finden für den Fall, dass es in der Kaserne zu Konflikten kommt. Zum Beispiel bei der Frage, ob der Soldat die Gebetszeiten wahrnehmen kann - fünfmal am Tag wendet sich der gläubige Muslim gen Mekka. Vieles liegt im persönlichen Ermessen des Kommandeurs, so auch, ob er muslimischen Untergebenen Sonderurlaub an islamischen Feiertagen gewährt.

Probleme wegen seines Glaubens hat Hagi in der Kaserne nicht. Ihm wurde ein eigenes Essen ohne Schweinefleisch angeboten, erzählt er. Und sogar eine eigene Stube. Aber er wollte keine Sonderbehandlung, keine Extra-Wurst. Hagi isst alles mit, und zusammen mit den christlichen Kameraden auf dem Zimmer findet er es einfach lustiger. Religiös, sagt Hagi, sei er nicht. Aber gläubig. Das heißt für ihn: Er glaubt an Gott, aber er praktiziert die Religion nicht intensiv.

Zum Militärpfarrer fehlt der Imam in Uniform

Außerdem gehört Hagi zur islamischen Glaubensgemeinschaft der Aleviten, und die Aleviten lehnen viele religiöse Pflichten ab. Eine institutionalisierte Militärseelsorge mit einem muslimischen Geistlichen gibt es in der Bundeswehr aber derzeit nicht. Ein Manko, wie Wolf Aries vom Islamrat für Deutschland kritisiert. Aries ist selbst Reserveoffizier. Er spricht von einer Lücke, die viele muslimische Soldaten spüren.

Zwar haben die evangelischen und katholischen Militärpfarrer auch für die Belange Andersgläubiger ein offenes Ohr. Doch was fehlt, sagt Aries, ist "die islamische Antwort". Das gilt für die kleinen Dinge im Alltag: Wie ist die rituelle Reinigung vor dem Gebet vorzunehmen, ohne Wasser oder im Gefecht? Wie ist das mit der Einhaltung des Ramadan bei schwerer, körperlicher Arbeit?

Besonderer Bedarf nach einem Ansprechpartner gleichen Glaubens besteht - so Aries - bei Auslandseinsätzen, in denen Soldaten mit existentiellen Fragen konfrontiert werden. Der Forderung nach in Deutschland sozialisierten und ausgebildeten Heeres-Imamen stehen jedoch einige Probleme entgegen. So ist unklar, wer "die Muslime" als Gesamtheit repräsentiert und damit als legitimierter Ansprechpartner des Staates auftreten kann.

Diskriminierung im menschlichen Miteinander in der Bundeswehr hat Wolf Aries selbst aber nicht erlebt - wie Hagi. Der fühlt sich in der Bundeswehr gleichberechtigt, im Gegensatz zu "draußen". Draußen kann es passieren, dass er mit Freunden vor der Haustür quatscht und die Polizeistreife anhält und ihn kontrolliert. Oder dass die ältere Dame in der U-Bahn ihre Handtasche vor ihm versteckt. Oder dass der Kaufhausdetektiv plötzlich befiehlt: Tüte hoch!

Bei der Truppe dagegen, da trägt er die deutsche Uniform und ist Kamerad. Hagi gibt sich abgeklärt, wenn er vom "Berliner Alltag" spricht: "Das ist dann irgendwann normal - leider." Er sagt: "Wenn ich über die Straße laufe, in Zivil, dann denkt keiner daran, dass ich ein deutscher Bundeswehrsoldat bin und deswegen kann man sich auch nicht als Deutscher fühlen." Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist, dass Hagi besonderen Einsatz zeigte und sich freiwillig zum Auslandseinsatz im Kosovo melden wollte, sich aber dem Nein seines Großvaters beugen musste. Dass er das Taliban-Regime in Afghanistan verurteilt und eines ganz sicher weiß: "Islam gegen den Westen - so etwas gibt es nicht. Das ist vollkommener Schwachsinn."

Hagi ist sich sicher, dass er, natürlich, als Soldat kämpfen würde. "Wenn uns einer angreift, ist egal von welchem Land, dann müssen wir uns verteidigen", meint Hagi. Wer jetzt "uns" ist? Hagi guckt verwundert. "Deutschland. Das ist ja hier meine Heimat."



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