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12. Mai 2006, 06:07 Uhr

Bundeswehr

Mit Privat-Motorradbrille in den Wüsteneinsatz

Von Lars Langenau

Schlechte Ausrüstung kann für einen Soldaten tödlich sein. Jetzt sorgt eine Meldung über Tchibo-Fernrohre von deutschen Soldaten für jede Menge Aufruhr. Doch die Verwendung von privatem Ausrüstungsmaterial ist seit Jahren gang und gäbe - und in anderen Armeen noch viel extremer.

Hamburg - Die Wut unter den GIs hatte sich lange aufgestaut. Bei einem Truppenbesuch in Kuweit wurde US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld Ende vergangenen Jahres von Klagen seiner Männer dann aber doch überrascht: "Warum sind wir Soldaten gezwungen, in den Mülldeponien der Region nach Altmetall-Stücken und gebrauchtem Panzerglas zu suchen, um damit unsere Fahrzeuge zu schützen", fragte der Soldat Thomas Wilson unter dem Beifall seines Regiments.

Bundeswehrsoldat in Kunduz (Archiv): Streit um private Ausrüstung
DDP

Bundeswehrsoldat in Kunduz (Archiv): Streit um private Ausrüstung

Für Empörung in den USA sorgte auch die Meldung, dass die GIs tausende Dollars für eigene Panzerwesten, neue Helme und Medikamente selbst zahlen müssen. Nach anfänglichem Leugnen gab der Pentagonchef schließlich Fehler privater Zulieferbetriebe zu. Er versprach eine bessere Sicherung der Humvees und Lastwagen sowie schusssichere Westen in ausreichender Anzahl.

Immer wieder gibt es auch Klagen aus anderen Ländern, die am Irak-Feldzug beteiligt waren. Polnische Parlamentarier machten nach mehreren Todesfällen die schlechte Ausrüstung ihrer Soldaten zum Thema. Und in Großbritannien sorgte die Nachricht für Unmut, dass britische Soldaten ihre Ersatz-Stiefel selbst kaufen müssen, wenn der Kleber ihrer Sohlen in der Hitze geschmolzen war.

Bundeswehr dementiert Meldung der "Bild"

Das Problem mit den heißen Sohlen kennt die Bundeswehr seit Mitte der neunziger Jahre von einem Manöver mit den US-Streitkräften in New Mexico. Damals kam noch die Angst vor Bissen von Klapperschlangen hinzu, die angeblich durch das Leder der Schuhe gehen sollten.

Eigene Stiefel und Motorradbrillen anstatt der speziellen Sandbrillen der Bundeswehr sind bei deutschen Soldaten in heißen Regionen begehrt. Ebenso wie spezielle Thermo-Unterhosen unter kalten Klimaverhältnissen. Doch diese Dinge finden sich nicht immer in der Kleiderkammer. So tragen wachhabende Marinesoldaten beim Einsatz an Deck auch gerne Neopren-Anzüge unter ihren Uniformen. Oder sie schleppen den eigenen Schlafsack oder einen schickeren Trainingsanzug aus Privatbeständen mit um die Welt. Das ist alles seit Jahren die Regel - nur dringt selten etwas davon aus den Kasernen.

Doch jetzt lebt in Deutschland die Debatte um die Ausrüstung der eigenen Soldaten wieder auf. Seit die "Bild" titelte "Bundeswehr hat Fernrohre von Tchibo" stehen bei dem Sprecher der Bundeswehr die Telefone nicht mehr still. "Notstand bei der Bundeswehr!", heißt es in dem Blatt in Bezug auf einen dpa-Bericht über eine Spezialeinheit im nordafghanischen Bundeswehr-Lager Masar-i-Scharif. "Wegen mangelnder Ausrüstung benutzen unsere Soldaten im Einsatz jetzt schon Produkte des Kaffeerösters Tchibo." Suggestiv fragt das Blatt: "Wird die Truppe bald zur 'Tchibo-Armee'?"

Deutscher Soldat bei einer Patrouille nahe dem afghanischen Masar-i-Scharif: Ausrüstung vom Röster?
DPA

Deutscher Soldat bei einer Patrouille nahe dem afghanischen Masar-i-Scharif: Ausrüstung vom Röster?

Der Sprecher der Bundeswehr teilte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit: "Die 'Bild'-Zeitung suggeriert, dass die Bundeswehr von Tchibo ausgerüstet ist." Dies entspreche jedoch nicht der Wahrheit. Bei rund 6000 Soldaten im weltweiten Einsatz sei dies ein Einzellfall. Die Nachrichtenagentur bleibt jedoch bei ihrer Darstellung, dass die sogenannten Spektive der Tchibo-Marke TCM in dem betreffenden Lager von der Aufklärungskompanie "zur Standardausrüstung" gehöre.

"Nur das beste und sicherste Material"

Ulrich Kirsch, Vize-Chef des Bundeswehrverbandes, formuliert die Position des Interessenverbandes der deutschen Soldaten etwas umständlich, aber im Fachjargon durchaus korrekt: "Sollte tatsächlich eine Fähigkeitslücke vorhanden sein und sich herausstellen, dass das Tchibo-Gerät besser ist als das bisher verwendete, ist es kein Problem sie über den einsatzbedingten Sofortbedarf umgehend zu besorgen." Die Bundeswehr fordert "das beste und sicherste Material" für das Einsatzland, fügt Verbandssprecher Wilfried Stolze hinzu. "Da darf man nicht am falschen Ende sparen. Die Sicherheit muss Priorität haben." Nach Kritik seines Verbandes habe die Bundeswehr aber fast immer reagiert, sagt Stolze zu SPIEGEL ONLINE.

Laut eines Sprechers des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr wird die Standardausrüstung der Soldaten immer für das jeweilige Einsatzgebiet ausgewählt. Bei der Mitnahme von privaten Gegenständen übernehme die Bundeswehr jedoch "keine Haftung", betont der Sprecher gegenüber SPIEGEL ONLINE. So sei es auch eine individuelle Entscheidung des Einsatzleiters, ob die Soldaten nun beim Dienst eigenes Material einsetzen dürfen - oder nicht.

Doch, und da sind sich die Experten einig, die Ausrüstung der deutschen Soldaten ist im Vergleich zu anderen Ländern noch immer sehr gut. Ihre Geräte könnten sich durchaus mit den hochmodernen Ferngläsern, Nachtsichtgeräten und Gewehren anderer westlicher Nationen messen lassen.

Großer Gewinner der gesamten Debatte und dankbar für die kostenlose PR-Kampagne dürfte der Tchibo-Konzern sein: Laut "Bild" von heute lockt der Kaffeeröster jetzt alle Soldaten und Angehörige der Bundeswehr mit einem Sonderrabatt. Von heute bis Montag bekommen sie bundesweit in allen Tchibo-Filialen gegen Vorlage des Dienstausweises einen zehnprozentigen Rabatt auf alle Artikel, berichtet das Blatt. Ein Konzernsprecher sagte der Zeitung: "Wir wissen, wie wichtig gute Ausstattung für die Soldaten ist." Tchibo helfe deshalb gern.

Dem Bericht zufolge will auch der Wetzlarer Kamera- und Optik-Hersteller Minox die Bundeswehr unterstützen. Der Konzern spende für die Soldaten im Auslandseinsatz zehn Hochleistungs-Fernrohre im Gesamtwert von 10.000 Euro.

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