Bundeswehr-Oberst Klein Schockstopp einer Musterlaufbahn

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2. Teil: Kleins Angst vor dem Fiasko der Mission


Es ist die Tragik des Oberst Georg Klein, dass ausgerechnet ein Offizier mit diesen Talenten nun vielleicht einen der desaströsesten Einsätze der Afghanistan-Mission angeordnet hat. Im März war er als PRT-Chef nach Afghanistan abkommandiert worden, aus der 13. Panzergrenadierdivision in Leipzig, in der er als Stabschef diente. Bis Mitte September sollte er am Hindukusch bleiben, und bis zur Nacht seiner Entscheidung war der ruhige, besonnene, freundliche Oberst Klein so etwas wie eine Idealbesetzung in diesem unruhigen, irrationalen, feindseligen Land: Soldaten, die noch dort sind, erzählen, dass es fast täglich Zwischenfälle gibt, auf die die deutschen Truppen reagieren müssen, Schießereien, Provokationen.

Und wenn einer besonders vorsichtig war und immer versuchte, vorher alle Konsequenzen zu berücksichtigen, dann Klein. Als im August ein deutscher Soldat an einem Checkpoint einen afghanischen Jungen erschoss und der Vater den Deutschen vorwarf, ohne Warnung gefeuert zu haben, ging Klein zu dem Vater, um sich zu entschuldigen.

"Georg hat einen klaren Wertehorizont, was richtig und falsch, was gut und böse ist", sagt sein Freund. Aber vielleicht war das am Ende auch das Problem in einem Land, in dem es keine klaren Fronten gibt und Entscheidungen selten ganz richtig oder ganz falsch sind. Denn ganz egal, ob die Entscheidung Kleins richtig oder falsch war, war sein Kommando das schwerste, das ein Bundeswehr-Offizier in Kunduz je hatte. Kein Jahr war so kritisch wie 2009, noch nie wurde die Bundeswehr so häufig angegriffen, noch nie waren die Attacken so gut geplant, noch nie war der Krieg der Taliban so gezielt gegen die Bundeswehr gerichtet. Klein rutschte in eine sich verändernde Lage, in der die Truppe den Wiederaufbau gegen den Kampf ums Überleben eintauschte, in eine Zeit, wo der Kommandeur in Kunduz ein Kampfkommandeur wurde.

Angst vor dem "big bang"

Wer Klein in den Monaten zwischen dem März und September getroffen hat, erlebte einen Mann, der sich den Druck nie anmerken lassen wollte. Und doch sagte er im August einmal sehr offen, er hoffe, seine Dienstzeit gehe ohne "den big bang" zu Ende. Klein meinte damit den Tod von mehreren, vielleicht sogar von Dutzenden seiner Männer. Er rechnete mit diesem Fiasko, jeden Tag, wenn seine Truppe aus dem Camp ausrückte.

Sein Mann von der Geheimdienstabteilung der Bundeswehr, ein ruhiger Offizier mit sächsischem Akzent, brachte Klein jeden Morgen schlechte Nachrichten, vor allem in den vergangenen Wochen. Vor der Bundestagswahl in Deutschland, davor warnten der J2-Offizier und alle deutschen Dienste, könnten Taliban oder al-Qaida in Kunduz ein Fanal planen, um den Ausgang der Wahlen zu beeinflussen. Und neben den Routinewarnungen vor zahllosen Toyotas, die rund um Kunduz als rollende Bomben herumfahren, wurden die Meldungen konkreter. So planten die Taliban angeblich das Überrennen des deutschen Lagers, ein aussichtsloser und doch gefährlicher Plan. Demnach sollte ein Lastwagen voll Sprengstoff, gefahren von einem Selbstmordattentäter, die erste Barriere überwinden, ein zweiter sollte dann im Lager ein Blutbad anrichten. Der Kommandeur kannte diese Berichte, als er den Befehl für den Bombenabwurf gab.

Oberst Klein hat sich langsam an die Gewalt, ans Töten, und am Ende auch an "das Ausschalten" des Feindes gewöhnt, ein Wort, das jahrzehntelang für die Bundeswehr und die Bundesrepublik tabu war. Doch Kunduz ist eben weit weg von Berlin, weit weg von Kleins starren Vorgesetzten im Ministerium, die sich die Lage in Afghanistan bis heute schönreden. Klein hingegen agierte, auch ohne direkten Befehl. Erst gab er seinen Soldaten auch ohne neue Taschenkarte im Frühsommer die klare Anweisung, bei brenzligen Situationen sofort zurückzuschießen - und zwar nicht auf die Beine. Dann ließ er immer häufiger US-Kampfbomber über Kunduz kreisen, wenn die Bundeswehr unter Druck geriet. Der Krach der Turbinen und Leuchtmunition, erklärte Klein im Sommer noch stolz, vertreibe die "bösen Jungs" ziemlich effektiv.

Mehr als deutlich betonte er immer wieder, zu jeder Zeit habe er das letzte Wort, ob die Bomber ihre tödliche Ladung abwerfen oder nicht. Ohne ihn, das war ihm wichtig, werde in Kunduz nicht gebombt. Doch schon vor dem 3. September ließ Klein Bomben fallen. Mitte Juni drückte er erstmals auf den roten Knopf, damals ließ eine der berüchtigten "Predator"-Drohnen der US-Armee nur eine entdeckte Sprengfalle am Straßenrand hochgehen. Keinen Monat später aber befahl Klein dann, dass eine der angeforderten Drohnen eine Stellung der Taliban auslöschen sollte, live sah er mit seinen Offizieren im Befehlsstand die Bilder der Präzisionsattacke, bei der 15 Kämpfer starben.

Am selben Tag waren US-Kampfbomber auch unterwegs zu einer weiteren Stellung in der Nähe des Camps. Enttäuscht, ja fast wütend, berichteten Offiziere später, dass Mörser der Bundeswehr die Taliban verscheucht hätten, bevor die Bomber die Position erreichten. Aus Verteidigung war eine Offensive gegen den Feind geworden. Die Macht über Luftangriffe, der Befehl über die tödlichen und teuflisch genauen Hightech-Werkzeuge der US-Armee, "der Finger am Drücker", es ist ein schleichendes Gift - das sagen jedenfalls US-Kommandeure, die schon in Kleins Position waren. Der deutsche Oberst wollte sich von der Lust am ferngesteuerten Töten nie anstecken lassen, sagen seine Vertrauten im Camp.

Drohnen als "Finger Gottes"

Doch die Faszination des Tötens von Taliban war da in Kunduz. Euphorisch berichteten leitende Offiziere nach der Attacke auf die Taliban-Stellung im Juli vom "Finger Gottes", wenn sie von der Drohne sprachen, bei manchen schwangen auch Rachegefühle gegen die Kämpfer mit, die die Bundeswehr jeden Tag rund um das Camp angreifen und die nichts anderes als Töten wollen.

Wer Klein kennt, traut ihm so simple Gefühle kaum zu. Selbst wenn er in seiner Dienstzeit Zorn empfand, hatte er sich stets unter Kontrolle. Gerade deshalb verwundert der Befehl zur Bombardierung viele seiner Vertrauten. Die meisten haben nur eine Erklärung: Er wollte in der Nacht des 3. Septembers die Tanklastwagen zerstören, um Menschenleben zu retten, auch seine Soldaten. Er berief sich auf eine unmittelbare Bedrohung, die von den Tankern ausgehe, weil sie als fahrende Bomben benutzt werden könnten. Im Nachhinein wirkt das weit hergeholt.

Ob die Bombardierung gerechtfertigt war, unter diesen Umständen, mit diesem Ergebnis, damit wird sich nun eine Nato-Untersuchungskommission beschäftigen - und Klein möglicherweise für den Rest seines Lebens. Stanley McChrystal, der amerikanische Isaf-Kommandeur, wollte ihn nach der tödlichen Attacke am liebsten sofort ablösen lassen, heißt es aus Nato-Kreisen.

Nötig wäre das nicht gewesen, Kleins Rotation sollte planmäßig Anfang September auslaufen, sein Nachfolger ist schon lange bestimmt. Nun allerdings wird er bis Ende September in Kunduz bleiben. Er will, sagt einer seiner Freunde, intensiv an der Aufarbeitung der Geschehnisse mitarbeiten - auch wenn er am Ende eingestehen muss, dass er etwas falsch gemacht hat.

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Seite 1
Sumerer 12.09.2009
1.
Zitat von sysopNach dem umstrittenen Bombereinsatz in Afghanistan steht nicht nur die Präsenz der Bundeswehr weiter in der Diskussion, auch der Auftrag der Nato wird kritisch gesehen. Wie kann des Engagement am Hindukusch noch zu einem Erfolg werden? Kann der Krieg in Afghanistan überhaupt noch gewonnen werden?
Ein Krieg ist dort nicht zu gewinnen. Was zu gewinnen wäre, ist die Bevölkerung Afghanistans. Wenn man sich nicht einig wird, wer hierzu alles zählt, wird weiter geschossen, letztendlich aber nichts gewonnen.
ante84 12.09.2009
2.
Zitat von sysopNach dem umstrittenen Bombereinsatz in Afghanistan steht nicht nur die Präsenz der Bundeswehr weiter in der Diskussion, auch der Auftrag der Nato wird kritisch gesehen. Wie kann des Engagement am Hindukusch noch zu einem Erfolg werden? Kann der Krieg in Afghanistan überhaupt noch gewonnen werden?
Soll er denn gewonnen werden?
Orix 12.09.2009
3.
Zitat von sysopNach dem umstrittenen Bombereinsatz in Afghanistan steht nicht nur die Präsenz der Bundeswehr weiter in der Diskussion, auch der Auftrag der Nato wird kritisch gesehen. Wie kann des Engagement am Hindukusch noch zu einem Erfolg werden? Kann der Krieg in Afghanistan überhaupt noch gewonnen werden?
Wenn man mal genau wüsste, was ist das Ziel ! Ein Herrschaft Karsais und seiner Sippe als Ziel, ist schon möglich.
sprecher/2, 12.09.2009
4. Bundeswehr sofort abziehen !
NEIN ! Bundeswehr sofort abziehen, sollen die USA ihren Mist alleine auslöfeln. Da kann man zwischen Bevölkerung und Taliban doch nichts unterscheiden ! Ist auch nervig wenn wie hier im Forum solche Teilnehmer wie Michael Schnarch ewig für Kriegseinsätze plädieren !
Klapperschlange 12.09.2009
5.
Zitat von sysopNach dem umstrittenen Bombereinsatz in Afghanistan steht nicht nur die Präsenz der Bundeswehr weiter in der Diskussion, auch der Auftrag der Nato wird kritisch gesehen. Wie kann des Engagement am Hindukusch noch zu einem Erfolg werden? Kann der Krieg in Afghanistan überhaupt noch gewonnen werden?
Natürlich! Die sollen dort aufhören sich gegeneitig zu beschuldigen und mit dem Wattebällchen werfen aufhören und die vorhandenen Hightech-Waffen endlich einsetzen. Die machen dort mittlerweile die gleichen Fehler, wie in Vietnam. Die richtig guten Waffen blieben damals auch zu Hause und an der Front kämpfte Mann gegen Mann!
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