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14. September 2009, 11:26 Uhr

Bundeswehr-Oberst Klein

Schockstopp einer Musterlaufbahn

Von und

Oberst Georg Klein galt als ruhiger und besonnener Chef im afghanischen Bundeswehr-Camp - doch seit dem verheerenden Luftangriff steht er weltweit in der Kritik. Selbst enge Freunde können sich nicht erklären, warum der Kommandeur den Befehl zum Bomben gab.

Er hätte der richtige Mann für eine wichtige Mission sein können: Oberst Georg Klein, 48, wollte in seinem Soldatenleben immer Verantwortung tragen - für seine Männer, für den Auftrag. Nun trägt er Verantwortung, allerdings für ein Fiasko. In den Augen der Amerikaner und auch für viele deutsche Kritiker des Afghanistan-Einsatzes ist der Kommandeur des Bundeswehr-Camps in Kunduz der Schuldige für einen verantwortungslosen Einsatz, für den Tod von zahllosen Zivilisten.

Wer Georg Klein kennt, der weiß: Der Oberst trägt schwer an diesem Vorwurf. Reden tut er nicht, der Soldat mit der randlosen Brille und dem meist lächelnden Gesicht. Die Untersuchungen laufen noch. Er habe sich seine Entscheidungen "niemals leicht gemacht", sagte er lediglich in einem "BamS"-Interview.

Wie noch nie zuvor, auch nicht bei den schlimmsten Fehltritten der Amerikaner in Afghanistan, ist ein einzelner Offizier aus der anonymen Menge der Zehntausenden Soldaten im ganzen Land herausgezerrt worden. Klein ist der Mann, der den Befehl gab, er drückte auf den Knopf, sein Bild war nicht nur in deutschen Zeitungen zu sehen, auch die "New York Times" druckte sein Konterfei, ein mehr als zweifelhafter Ruhm.

Doch Klein dürfte nicht nur mit sich hadern, weil die Bombardierung der beiden Tanklaster im Kunduz-Fluss vielleicht das Ende seiner Karriere bedeutet. So einen Sekundentod seiner Musterlaufbahn würde Klein wohl als bitter empfinden, sagen Männer, die ihn kennen. Was ihn wirklich umtreiben wird, sei die Frage der Schuld. Denn Schuld, das ist für Klein noch eine moralische Kategorie, nicht einfach nur ein Fehlerfaktor in der Karriereplanung.

Einer seiner besten Freunde hat nach dem Angriff mit dem Oberst telefoniert, er erlebte einen sehr ernsten Georg Klein, und er sagt: "Georg hat diese Entscheidung getroffen, er steht absolut dazu, mit aller Konsequenz." Denn so sei "der Georg" eben: Wenn man sich auf eines verlassen könne, dann dass er jetzt nicht versuchen werde, herumzulamentieren, Ausflüchte zu suchen, die Verantwortung auf andere zu schieben. "Aber wenn sich wirklich herausstellen sollte, dass etwas nicht so gelaufen ist, wie es hätte laufen sollen, dann wird ihm das sehr schlimm sein." Und dafür spricht viel: Klein hat in der Nacht in seinem Befehlsstand in Kunduz zumindest sehr freihändig agiert, er hat die neuen, strengen Regeln für einen Luftschlag teilweise missachtet, er wird sich auch im endgültigen offiziellen Untersuchungsbericht Vorwürfe anhören müssen.

"Schnelle Entscheidungen, klare Ansprache, fachlich top"

Klein kommt aus Bendorf am Rhein, aus einer Familie mit sechs Kindern, einem Vater bei der Wasserschutzpolizei und einem Bruder, der schon vor ihm Berufssoldat geworden war. 1980 machte er sein Abitur am Gymnasium Bendorf; bereits im Jahr vorher hatte er sich beim Bund verpflichtet, Offizierslaufbahn, zwölf Jahre. Er studierte Wirtschaftswissenschaften an der Bundeswehrhochschule in Hamburg, übernahm eine Panzerkompanie in Hessen, und während viele "Zwölfender" nicht beim Bund bleiben, eigentlich nur das gut bezahlte Studium mitnehmen wollen, hatte Klein mit dem Beruf auch eine Berufung gefunden.

Den Zugang zu seinem Untergebenen hat er bei der Karriere nie verloren, sagen viele bei der Bundeswehr. "Das ist ein Mensch, durch und durch", sagt ein Hauptfeldwebel, der mal unter ihm im rheinland-pfälzischen Westerburg, beim 154. Panzerbataillon, als Spieß gedient hat. Damals erlebte die Truppe, dass Klein nicht stur Aufträge abarbeiten ließ, sondern sich Gedanken machte, welchen Zweck ein Befehl hat, und ob der Zweck die Mittel rechtfertigt. Einmal ließ er eine 36-Stunden-Übung abbrechen, weil das Wetter zu schlecht geworden war; alt gediente Feldwebel murrten, früher habe man so etwas noch durchgezogen. Doch als Weichling galt Klein trotzdem nicht: "Schnelle Entscheidungen, klare Ansprache, fachlich top", erinnert sich ein Unteroffizier.

Bald danach saß Klein in Brüssel, in der ständigen Vertretung der Bundesrepublik bei der Nato. Wenn die anderen um acht kamen, hockte Klein schon eineinhalb Stunden am Arbeitsplatz, wenn die anderen um sieben gingen, blieb Klein noch ein oder zwei Stunden. Diesmal also ein Schreibtisch-Job, bei dem es darum ging, die deutsche Beteiligung an Nato-Projekten zu planen - und deshalb vor allem darum, Vorlagen zu verfassen, möglichst wasserdichte, und mit Gespür für Diplomatie.

"Der hat Vorlagen lieber drei- als nur zweimal beackert, mit fast wissenschaftlicher Akribie", sagt ein früherer Kollege über Klein. Ein ganz besonnener Offizier sei der gewesen, fast schon untypisch für einen Mann aus der Panzertruppe, die als kantig, handfest, roh gilt. Klein liegt dieses Rohe ohnehin nicht: Er geht in Museen und gerne in die Oper, sogar ins Ballett, er liebt klassische Musik, in seinem kargen Büro im Lager in Kunduz hat er seit Amtsantritt einen schwarzen iPod Mini mit einem Lautsprecher auf dem Schreibtisch. Bei grünem Tee, den Klein in Afghanistan lieben gelernt hat, empfängt er gern Besucher. Sofort fragt er, ob sie die Musik stört. Klein liest deutsche Klassiker, er gilt als belesen, vor allem in Geschichte. "Georg kann nicht nur Fragen richtig stellen, er kann auch die richtigen Fragen stellen", sagt sein Freund, der mit ihm schon an der Hamburger Bundeswehrhochschule zusammen studiert hat.

Kleins Angst vor dem Fiasko der Mission

Es ist die Tragik des Oberst Georg Klein, dass ausgerechnet ein Offizier mit diesen Talenten nun vielleicht einen der desaströsesten Einsätze der Afghanistan-Mission angeordnet hat. Im März war er als PRT-Chef nach Afghanistan abkommandiert worden, aus der 13. Panzergrenadierdivision in Leipzig, in der er als Stabschef diente. Bis Mitte September sollte er am Hindukusch bleiben, und bis zur Nacht seiner Entscheidung war der ruhige, besonnene, freundliche Oberst Klein so etwas wie eine Idealbesetzung in diesem unruhigen, irrationalen, feindseligen Land: Soldaten, die noch dort sind, erzählen, dass es fast täglich Zwischenfälle gibt, auf die die deutschen Truppen reagieren müssen, Schießereien, Provokationen.

Und wenn einer besonders vorsichtig war und immer versuchte, vorher alle Konsequenzen zu berücksichtigen, dann Klein. Als im August ein deutscher Soldat an einem Checkpoint einen afghanischen Jungen erschoss und der Vater den Deutschen vorwarf, ohne Warnung gefeuert zu haben, ging Klein zu dem Vater, um sich zu entschuldigen.

"Georg hat einen klaren Wertehorizont, was richtig und falsch, was gut und böse ist", sagt sein Freund. Aber vielleicht war das am Ende auch das Problem in einem Land, in dem es keine klaren Fronten gibt und Entscheidungen selten ganz richtig oder ganz falsch sind. Denn ganz egal, ob die Entscheidung Kleins richtig oder falsch war, war sein Kommando das schwerste, das ein Bundeswehr-Offizier in Kunduz je hatte. Kein Jahr war so kritisch wie 2009, noch nie wurde die Bundeswehr so häufig angegriffen, noch nie waren die Attacken so gut geplant, noch nie war der Krieg der Taliban so gezielt gegen die Bundeswehr gerichtet. Klein rutschte in eine sich verändernde Lage, in der die Truppe den Wiederaufbau gegen den Kampf ums Überleben eintauschte, in eine Zeit, wo der Kommandeur in Kunduz ein Kampfkommandeur wurde.

Angst vor dem "big bang"

Wer Klein in den Monaten zwischen dem März und September getroffen hat, erlebte einen Mann, der sich den Druck nie anmerken lassen wollte. Und doch sagte er im August einmal sehr offen, er hoffe, seine Dienstzeit gehe ohne "den big bang" zu Ende. Klein meinte damit den Tod von mehreren, vielleicht sogar von Dutzenden seiner Männer. Er rechnete mit diesem Fiasko, jeden Tag, wenn seine Truppe aus dem Camp ausrückte.

Sein Mann von der Geheimdienstabteilung der Bundeswehr, ein ruhiger Offizier mit sächsischem Akzent, brachte Klein jeden Morgen schlechte Nachrichten, vor allem in den vergangenen Wochen. Vor der Bundestagswahl in Deutschland, davor warnten der J2-Offizier und alle deutschen Dienste, könnten Taliban oder al-Qaida in Kunduz ein Fanal planen, um den Ausgang der Wahlen zu beeinflussen. Und neben den Routinewarnungen vor zahllosen Toyotas, die rund um Kunduz als rollende Bomben herumfahren, wurden die Meldungen konkreter. So planten die Taliban angeblich das Überrennen des deutschen Lagers, ein aussichtsloser und doch gefährlicher Plan. Demnach sollte ein Lastwagen voll Sprengstoff, gefahren von einem Selbstmordattentäter, die erste Barriere überwinden, ein zweiter sollte dann im Lager ein Blutbad anrichten. Der Kommandeur kannte diese Berichte, als er den Befehl für den Bombenabwurf gab.

Oberst Klein hat sich langsam an die Gewalt, ans Töten, und am Ende auch an "das Ausschalten" des Feindes gewöhnt, ein Wort, das jahrzehntelang für die Bundeswehr und die Bundesrepublik tabu war. Doch Kunduz ist eben weit weg von Berlin, weit weg von Kleins starren Vorgesetzten im Ministerium, die sich die Lage in Afghanistan bis heute schönreden. Klein hingegen agierte, auch ohne direkten Befehl. Erst gab er seinen Soldaten auch ohne neue Taschenkarte im Frühsommer die klare Anweisung, bei brenzligen Situationen sofort zurückzuschießen - und zwar nicht auf die Beine. Dann ließ er immer häufiger US-Kampfbomber über Kunduz kreisen, wenn die Bundeswehr unter Druck geriet. Der Krach der Turbinen und Leuchtmunition, erklärte Klein im Sommer noch stolz, vertreibe die "bösen Jungs" ziemlich effektiv.

Mehr als deutlich betonte er immer wieder, zu jeder Zeit habe er das letzte Wort, ob die Bomber ihre tödliche Ladung abwerfen oder nicht. Ohne ihn, das war ihm wichtig, werde in Kunduz nicht gebombt. Doch schon vor dem 3. September ließ Klein Bomben fallen. Mitte Juni drückte er erstmals auf den roten Knopf, damals ließ eine der berüchtigten "Predator"-Drohnen der US-Armee nur eine entdeckte Sprengfalle am Straßenrand hochgehen. Keinen Monat später aber befahl Klein dann, dass eine der angeforderten Drohnen eine Stellung der Taliban auslöschen sollte, live sah er mit seinen Offizieren im Befehlsstand die Bilder der Präzisionsattacke, bei der 15 Kämpfer starben.

Am selben Tag waren US-Kampfbomber auch unterwegs zu einer weiteren Stellung in der Nähe des Camps. Enttäuscht, ja fast wütend, berichteten Offiziere später, dass Mörser der Bundeswehr die Taliban verscheucht hätten, bevor die Bomber die Position erreichten. Aus Verteidigung war eine Offensive gegen den Feind geworden. Die Macht über Luftangriffe, der Befehl über die tödlichen und teuflisch genauen Hightech-Werkzeuge der US-Armee, "der Finger am Drücker", es ist ein schleichendes Gift - das sagen jedenfalls US-Kommandeure, die schon in Kleins Position waren. Der deutsche Oberst wollte sich von der Lust am ferngesteuerten Töten nie anstecken lassen, sagen seine Vertrauten im Camp.

Drohnen als "Finger Gottes"

Doch die Faszination des Tötens von Taliban war da in Kunduz. Euphorisch berichteten leitende Offiziere nach der Attacke auf die Taliban-Stellung im Juli vom "Finger Gottes", wenn sie von der Drohne sprachen, bei manchen schwangen auch Rachegefühle gegen die Kämpfer mit, die die Bundeswehr jeden Tag rund um das Camp angreifen und die nichts anderes als Töten wollen.

Wer Klein kennt, traut ihm so simple Gefühle kaum zu. Selbst wenn er in seiner Dienstzeit Zorn empfand, hatte er sich stets unter Kontrolle. Gerade deshalb verwundert der Befehl zur Bombardierung viele seiner Vertrauten. Die meisten haben nur eine Erklärung: Er wollte in der Nacht des 3. Septembers die Tanklastwagen zerstören, um Menschenleben zu retten, auch seine Soldaten. Er berief sich auf eine unmittelbare Bedrohung, die von den Tankern ausgehe, weil sie als fahrende Bomben benutzt werden könnten. Im Nachhinein wirkt das weit hergeholt.

Ob die Bombardierung gerechtfertigt war, unter diesen Umständen, mit diesem Ergebnis, damit wird sich nun eine Nato-Untersuchungskommission beschäftigen - und Klein möglicherweise für den Rest seines Lebens. Stanley McChrystal, der amerikanische Isaf-Kommandeur, wollte ihn nach der tödlichen Attacke am liebsten sofort ablösen lassen, heißt es aus Nato-Kreisen.

Nötig wäre das nicht gewesen, Kleins Rotation sollte planmäßig Anfang September auslaufen, sein Nachfolger ist schon lange bestimmt. Nun allerdings wird er bis Ende September in Kunduz bleiben. Er will, sagt einer seiner Freunde, intensiv an der Aufarbeitung der Geschehnisse mitarbeiten - auch wenn er am Ende eingestehen muss, dass er etwas falsch gemacht hat.

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